Daguati folgt auf Solenthaler

Daguati folgt auf Solenthaler
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Remo Daguati heisst der neue Präsident der «Russen», der grössten St.Galler Wohnbaustiftung. Vorgänger Christoph Solenthaler prägte die Stiftung über 20 Jahre lang.

Die Geschichte der Wohnbaustiftung Russen liest sich wie ein spannender Roman. Sie handelt von innovativen Unternehmern im Stadtteil Winkeln, die ihren Mitarbeitern günstigen Wohnraum anbieten wollten, von finanziellen Schwierigkeiten und Herausforderungen im schwankenden Immobilienmarkt. Und von einem über 50-jährigen Wohnraumkonzept, das heute aktueller ist denn je: Der Stiftung ist es gelungen, insgesamt 286 Wohnungen in den Wohnüberbauungen «Russen» in Winkeln und «Hof» im Gebiet Chräzeren in die heutige Zeit zu führen.

Der lange Weg von der Verschuldung zur Stabilität

Unternehmen mit Sitz in St.Gallen Winkeln gründeten 1969 die Wohnbaustiftung Russen mit der Idee, preisgünstigen Wohnraum für die eigenen Mitarbeiter zu schaffen. «Die Patrons waren sich ihrer Verantwortung gegenüber den Angestellten bewusst und wollten ihnen bezahlbare Wohnungen anbieten», sagt Christoph Solenthaler (links im Bild), der abtretende Präsident. Träger der Stiftung sind die Stadt (40 %), die Industrievereinigung Winkeln (30 %) und der Verband für das Wohnungswesen (30 %).

Während die Siedlung «Russen» über die Jahre auch stets finanziell erfolgreich war, traten bei der WEG-finanzierten Siedlung «Hof» bald Probleme auf. «Einerseits mussten wir in die Bestandserhaltung der Liegenschaften investieren, andererseits hatten wir hohe Darlehen und konnten immer nur das Minimum zurückführen», erklärt Solenthaler. Im «Hof» mussten die Mieten gesenkt werden. Zudem wurden deutlich weniger Einheiten als Eigentumswohnungen verkauft, als ursprünglich geplant war. Dies brachte die Stiftung noch mehr in finanzielle Schieflage. Man lebte jahrelang von der Hand in den Mund.

Solenthaler erzählt von intensiven Sitzungen mit dem Bundesamt für Wohnungswesen, bei denen es darum ging, sich über die Rückzahlungen der WEG-Fördergelder zu einigen. Und von Verhandlungen mit dem damaligen Stadtpräsidenten Franz Hagmann, um die Stadt fair in die Finanzierung der Stiftung einzubeziehen. «Wir haben immer versucht, strategisch und marktgerecht zu handeln. Eine Stiftung bietet den Vorteil, dass verschiedene Personen an einem Strick ziehen und ihr Fachwissen sowie ihre Unterstützung einbringen», führt Solenthaler aus. Dank grossen Anstrengungen, einigen Kompromissen und einer neuen Finanzsituation sei es schliesslich gelungen, die Verschuldung zurückzufahren und die Liquidität wiederzuerlangen.

Wohnbausiedlung modernisiert und umweltgerecht gestaltet

Vollblutunternehmer Solenthaler blickt auf die Siedlung und sagt heute mit Stolz: «Wir haben es auf unternehmerische Art und Weise geschafft, den Wohnraum zu pflegen und weiterzuentwickeln.» Spielplatz, Pergola, grössere Balkone, Blockheizkraftwerk, viel Grünraum: Der abtretende Präsident kann sich an sämtliche Erneuerungen und Aufwertungen in den «Russen» erinnern. Die Siedlung ist in der Stadt St. Gallen so beliebt, dass es für die Wohnungen sogar eine Warteliste gibt. Solenthaler nennt sie liebevoll «ein Dorf im Dorf». Damit will er ausdrücken, dass man sich in den «Russen» noch kennt und grüsst. Die Stiftung darf sich über viele Mieter freuen, die hier bereits seit Jahrzehnten wohnen, mitsprechen und sich einbringen.

Bei aller Freude und Zufriedenheit merkt man Solenthaler auch an, dass er seine Führungsarbeit bei der Wohnbaustiftung nach 21 Jahren als beendet ansieht. «Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um das Präsidium in junge Hände zu geben», sagt der ehemalige FDP-Stadtparlamentarier und Präsident des HEV der Stadt St. Gallen. Die Philosophie der Wohnbaustiftung «Russen» hat den Nerv getroffen und kann durchaus als Vorzeigeprojekt bezeichnet werden. Solenthaler ist überzeugt, dass man auch künftig zeitgemässe Wohnungen zu fairen Preisen anbieten kann, die Siedlungen auf dem neusten Stand halten wird und keine Shareholder mehr befriedigen muss.

Liberal denkende Unternehmer engagieren sich für günstigen Wohnraum

Bei der Wohnbaustiftung Russen nahmen und nehmen hauptsächlich Firmeninhaber den gemeinnützigen Auftrag wahr, günstigen Wohnraum für finanziell schwächer gestellte Menschen zu schaffen. Das ist eher ungewöhnlich. Mit Remo Daguati (rechts) übernimmt jetzt nach Solenthaler ein weiterer FDP-Exponent das Präsidium. Für Solenthaler ist das kein Widerspruch: «Wir sind überzeugt, in ihm die richtige Person gefunden zu haben. Die Stiftung hat 50 Jahre lang eindrücklich bewiesen, dass man gleichzeitig unternehmensstrategisch denken und sozial verantwortlich handeln kann.»

Für die Wohnbaustiftung ist Daguati ein Glücksfall: einer, der wie Solenthaler gerne anpackt und die Ärmel hochkrempelt. Der Unternehmer und Spezialist für Standorte und Areale bringt seine Erfahrungen und Ideen ein. «Die Grundlagen sind geschaffen. Wir möchten uns aber nicht ausruhen, sondern mutig und innovativ bleiben und neue Wohnformen ausprobieren», sagt Daguati. In seine Zeit werden weitere grosse Veränderungen fallen. In den nächsten Jahren stehen der Ausbau und die Erweiterung der Siedlung «Hof» an. Der neue Präsident fügt hinzu, dass die Stiftung langfristig eine dritte Siedlung realisieren will – immer mit dem Fokus auf dem Gründungsgedanken von 1969: «Wir bieten unseren Mietern qualitativ hochwertigen Wohnraum zu fairen Preisen.»