Beziehungen brauchen Freiheit und Verantwortung
Text: pd/stz.
Die Vielfalt der Beziehungsformen hat in den vergangenen Jahrzehnten auch im Thurgau zugenommen. Traditionelle Rollen- und Familienbilder prägen die Gesellschaft zwar weiterhin, doch Individualisierung, Modernisierung und digitale Entwicklungen verändern, wie Menschen Beziehungen leben, gestalten und verstehen. Das bringt mehr Freiheit, aber auch mehr Unsicherheit und mehr Verantwortung mit sich.
Die Stiftung Think Tank Thurgau widmete ihren Wissenschaftskongress 2026 deshalb der Frage, welche Chancen, Möglichkeiten und Risiken Beziehungen in einer Zeit mit sich bringen, in der vieles flexibler, individueller und zugleich fragiler geworden ist. Geplant und geleitet wurde die Tagung von Sabrina Bächi und Thomas Merz, beide Mitglieder des TTT-Stiftungsrats.
Den Einstieg bildete ein statistischer Überblick von Nicola Egloff vom Amt für Daten und Statistik des Kantons Thurgau. Der gesellschaftliche Wandel zeigt sich auch in Zahlen: Die Zahl der Einpersonenhaushalte wächst, ebenso jene der Einelternhaushalte und der Paare ohne Kinder. Die überwiegende Mehrheit der 25- bis 60-Jährigen lebt jedoch nach wie vor in einem Paarhaushalt mit Kindern.
Dass gelebte Beziehungsmodelle vielfältiger sind, als Statistiken vermuten lassen, machte Felix Suter, stellvertretender Geschäftsleiter und Bereichsleiter Paar-, Familien- und Jugendberatung bei Perspektive Thurgau, deutlich. «Vielfältige Beziehungsformen sind keine neuen Phänomene, aber die gesellschaftliche Offenheit für unterschiedliche Lebens- und Beziehungsmodelle ist gestiegen», sagte er. Frühe Beziehungserfahrungen prägten Menschen ein Leben lang. Zugleich vermittelten soziale Medien oft idealisierte Bilder einer perfekten Beziehung, bei denen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinanderklafften.
Psychologin Stephanie Karrer zeigte auf, dass gelingende Beziehungen ein solides Fundament brauchen
«Wir sehnen uns nach Sicherheit, Verlässlichkeit, Zugehörigkeit und emotionaler Geborgenheit. Neue Beziehungsmodelle erfinden nicht neue menschliche Bedürfnisse. Sie machen alte sichtbar und suchen neue Lösungen», so Karrer. Ob monogam, offen, polyamor oder freundschaftszentriert: Scheitern oder gelingen könne jede Form der Beziehung. Entscheidend seien nicht das Etikett, sondern der Umgang mit Bedürfnissen, Verbindlichkeit und Veränderung.
Besonders junge Menschen stehen vor grossen Herausforderungen. Sie müssen Beziehungskompetenzen entwickeln, eigene Bedürfnisse erkennen und zugleich mit gesellschaftlichem Druck, idealisierten Bildern, Hass oder Diskriminierung umgehen. Erste sexuelle Erfahrungen finden heute häufig früher in der virtuellen als in der realen Welt statt. Zudem gewinnen synthetische Beziehungen mit KI-Partnern, also mit künstlicher Intelligenz erzeugten Avataren, an Bedeutung. Sie können als Partnerersatz dienen oder eine Art besten Freund ersetzen.
Die Philosophin und evangelische Theologin Christina aus der Au kann nachvollziehen, weshalb viele Menschen Nähe in virtuellen Angeboten suchen. «KI ist immer verfügbar, sie bewertet nicht, man erleidet keinen Kontroll- oder Gesichtsverlust. KI versucht, zwischenmenschliche Beziehungen zu ersetzen. Dabei laufen wir Gefahr, grundlegende Fähigkeiten wie lieben und geliebt zu werden, zu verlieren.»
Künstliche Intelligenz fordert den Menschen damit fundamental heraus. Das gilt auch für die Art, wie Beziehungen erlebt und gestaltet werden. Beziehungsfähigkeit entsteht im Umgang von Mensch zu Mensch. Beziehungen bewegen sich stets im Spannungsfeld zwischen «ich» und «wir», zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung.
Matthias Mölleney, Präsident des TTT-Stiftungsrats, brachte diese Verantwortung auf den Punkt: «Gesellschaft sind nicht die anderen, Gesellschaft sind wir alle. Die Qualität zukünftiger Gesellschaften wird sich daran zeigen, ob es gelingt, vielfältige Beziehungen zu leben, die auf Vertrauen und Verantwortung basieren.»