Babyboomer: Wohnen zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Text: pd/stz.
Das schillernde Bild einer gebildeten, selbstbestimmten und offenen Generation prägt den öffentlichen Diskurs über die Babyboomer. Doch diese Beschreibung der «Golden Agers» blendet vieles aus. Eine neue Studie des IFSAR Institut für Soziale Arbeit und Räume der OST – Ostschweizer Fachhochschule macht sichtbar, wie vielfältig das Wohnen dieser Generation ist.
Im Zentrum stand die Frage, wie Babyboomer heute wohnen, welche Bedürfnisse ihr Wohnen prägen und wie sie Wohnveränderungen in einer Lebensphase zwischen Kontinuität und Neuanfang gestalten. Grundlage bilden qualitative Interviews mit 25 Babyboomern aus der Deutschschweiz, die zwischen 1957 und 1966 geboren wurden. Ergänzend wurden bestehende Studien und statistische Daten ausgewertet.
Die Ergebnisse zeichnen das Bild einer Generation im Übergang. Pensionierung, Auszug der Kinder und erste gesundheitliche Einschränkungen verändern den Alltag. Die Babyboomer erleben diesen Lebensabschnitt als erste Generation in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft. Das eröffnet neue Möglichkeiten, bringt aber auch höhere Anforderungen an die eigene Lebensgestaltung mit sich.
Beständigkeit und Umbruch
Viele Babyboomer wohnen seit Jahrzehnten am selben Ort. Vertrautheit, Sicherheit und soziale Einbettung sind zentrale Gründe für diese Beständigkeit. Wohnveränderungen werden selten langfristig geplant, sondern entstehen meist anlassbezogen. Gleichzeitig eröffnen sich neue Freiräume: Reisen, multilokales Wohnen oder das Umnutzen des Eigenheims gewinnen an Bedeutung. Auch wohnbezogene Tätigkeiten wie Renovieren, Werken oder Gartenarbeit werden wichtiger und sind Ausdruck einer aktiven Lebensgestaltung.
«Für Wohnveränderungen sind Frauen oftmals die treibenden Kräfte. Sie sind offener für neue Wohnformen und reflektieren ihre Wohnsituation bewusster», erklärt Forschungsleiterin Nicola Hilti. «Veränderungen werden jedoch häufig durch äussere Anlässe wie Krankheit, Trennung oder den Verlust des Partners ausgelöst.»
Soziale Einbindung als Fundament
Soziale Beziehungen prägen das Wohnen entscheidend. Familie, Nachbarschaft und Freundeskreise fungieren als «soziale Heimaten», die Orientierung und Stabilität bieten. «Für viele der Befragten ist eine gute Balance zwischen Gemeinschaft und Privatsphäre entscheidend. Dieses Verhältnis muss mitunter neu gestaltet werden, auch im Wohnen», sagt Franziska Städler aus dem Forschungsteam.
Die Studie zeigt, dass familiäre und soziale Einbindung auf vielfältige Arten neu organisiert wird. Das Kinderzimmer wird zum Büro, und mit der Geburt von Enkelkindern werden Betreuungsaufgaben neu verhandelt. Gleichzeitig entstehen neue Wohnformen: die Untervermietung von Zimmern, Wohngemeinschaften mit Jüngeren oder «Living Apart Together»-Modelle, die eine soziale Gemeinschaft über die Familie hinaus ermöglichen.
Selbstbestimmung als Leitmotiv
Neben der sozialen Einbettung ist das Bedürfnis nach Selbstbestimmung im Wohnen zentral. Die Voraussetzungen dafür sind jedoch ungleich verteilt. «Wer über finanzielle und soziale Ressourcen verfügt, kann mehrere Wohnorte nutzen, Wohnprojekte mitentwickeln oder auf barrierearmen Wohnraum ausweichen. Andere sind gezwungen, innerhalb enger materieller Grenzen kreative Lösungen zu finden», erläutert Nicola Hilti.
Dabei zeigen sich deutliche Geschlechterunterschiede. «Viele Frauen nutzen die nachfamiliäre Phase für einen emanzipatorischen Schritt und streben nach mehr Eigenständigkeit, etwa durch getrenntes Wohnen, neue Partnerschaftsmodelle oder das bewusstere Gestalten von Betreuungsaufgaben, die erneut an sie herangetragen werden.» Wohnentscheidungen können so zu biografischen Wendepunkten werden.
Mit zunehmendem Alter gewinnen zudem Standortqualitäten wie die gute Erreichbarkeit von Versorgungsangeboten, Gesundheitsdiensten und öffentlichem Verkehr an Bedeutung, auch weil eine gute Infrastruktur und Versorgung ein selbstbestimmtes Wohnen im Alter unterstützt.
Zwischen Gestaltungslust und Verdrängung
Wohnen ist auch Ausdruck von Identität. Wohnort, Wohnung oder Einrichtung bringen den Lebensstil, persönliche Werte oder die berufliche Identität zum Ausdruck. Ateliers, Arbeitszimmer oder Werkstätten im eigenen Zuhause zeugen davon. Im Beruf erworbene Kompetenzen werden auch beim Wohnen eingebracht: Juristen helfen bei der Selbstverwaltung des Wohnprojekts, Sozialarbeiter moderieren die Gruppenprozesse in der Siedlung.
Gleichzeitig bleibt das Bedürfnis nach Sicherheit hoch. Kündigungserfahrungen, Wohnungsknappheit, der Mangel an altersgerechten Wohnungen oder die Angst vor dem Verlust der vertrauten Wohnumgebung beeinflussen Wohnentscheidungen. «Viele schieben Entscheidungen zum Wohnen im Alter auf. Gleichzeitig zeigen ihnen die Erfahrungen mit den betagten Eltern, dass Fragen des Wohnens im hohen Alter Teil einer realistischen Lebensplanung werden sollten», sagt Franziska Städler.
Die Studie zeigt: Babyboomer sind keine homogene Gruppe. Ihr Wohnen ist geprägt von Vielfalt, biografischen Brüchen und ungleichen Ressourcen. Wer Wohnraum für diese Generation plant, muss individuelle Lebenswege berücksichtigen und vereinfachende Stereotype hinter sich lassen. Denn hinter jeder Wohnentscheidung steht eine Geschichte, die weit mehr erzählt als das einfache Bild der «Golden Agers».
Nicola Hilti, Christian Reutlinger, Luana Massaro, Franziska Städler, Jenny Base (2026): Das Wohnen von Babyboomern in der Schweiz: Mythen auf dem Prüfstand. St.Gallen: Eigenverlag, ISBN 978-3-9525488-3-7