St.Gallen

Wenn KI den passenden Wein empfiehlt

Wenn KI den passenden Wein empfiehlt
Martin Knobel hat den «SommelAIer» entwickelt
Lesezeit: 4 Minuten

Aus einem Nebenprojekt wurde ein KI-Experiment mit Praxisbezug: Martin Knobel hat gemeinsam mit seinem Bruder im Rahmen seiner Abschlussarbeit im CAS Artificial Intelligence an der OST einen digitalen Weinberater entwickelt. Der «SommelAIer» zeigt, was künstliche Intelligenz in der Kundenberatung heute bereits leisten kann und wo persönliche Erfahrung weiterhin schwer zu ersetzen ist.

Text: pd/stz.

Am Wochenende kommen Gäste zum Essen. Es gibt Fisch vom Grill, dazu Kartoffeln und Salat. Doch welcher Wein passt dazu? Und welcher Tropfen eignet sich für das Geburtstagsessen kommende Woche? Viele Menschen sind mit der Fülle an Weinangeboten überfordert. Oft fehlt auch die Zeit, eine Weinhandlung aufzusuchen und sich persönlich beraten zu lassen.

Was wäre also, wenn sich diese Beratung digital beziehen liesse? Unkompliziert, schnell und zu jeder Tageszeit? Genau diese Frage stellte sich Martin Knobel. Gemeinsam mit seinem Bruder entwickelte er im Rahmen seiner Abschlussarbeit für den CAS Artificial Intelligence an der OST – Ostschweizer Fachhochschule einen digitalen Weinberater: den «SommelAIer».

Ursprünglich war das Projekt als digitale Hotline gedacht. Daraus entstand ein Chatbot mit der Expertise eines Sommeliers. Der «SommelAIer» soll nicht nur auf Fragen reagieren, sondern aktiv Empfehlungen aussprechen, unabhängig von Öffnungszeiten und persönlicher Verfügbarkeit.

Beratung wie in der Weinhandlung

Im Kern läuft das Beratungsgespräch ähnlich wie in einer Weinhandlung ab, allerdings in strukturierterer Form. Die Kundinnen und Kunden beantworten Fragen zu Geschmack, Anlass und Essen. Daraus leitet der «SommelAIer» konkrete Weinempfehlungen ab.

Martin Knobel war dabei wichtig, dass die Antworten kurz und präzise bleiben. «Ich wollte verhindern, dass man eine riesige Menge verschiedener Weine empfohlen bekommt. Deshalb liefert der SommelAIer pro Antwort nur drei bis maximal fünf passende Vorschläge», sagt der CAS-Absolvent.

Ziel sei es nicht, möglichst viele Weine anzuzeigen, sondern möglichst passende Vorschläge zu machen. Die Empfehlungen sollen neutral bleiben; weder bestimmte Marken noch konkrete Weingüter werden bevorzugt. «Was an unserem Chatbot allerdings einzigartig ist: Er berücksichtigt ebenfalls unterschiedliche Jahrgänge der Weine. Dieser Aspekt geht in vielen konventionellen Online-Shops unter», sagt Knobel.

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KI-Projekte sind immer auch Datenprojekte

Technisch basiert das System auf einer angebundenen Produktdatenbank. Der Chatbot greift auf hinterlegte, verfügbare Artikel und Weinbeschreibungen zurück, um möglichst viele und vor allem verlässliche Informationen zu erhalten.

Damit wird KI nicht nur zur Beratungs-, sondern auch zur Organisationsaufgabe. Der Online-Händler ist gezwungen, seine Daten zu strukturieren, zu bereinigen und aktuell zu halten. Produkte, die nicht mehr verfügbar sind, müssen entfernt, Informationen standardisiert werden. Es ist ein Prozess, der in Unternehmen gerne vernachlässigt wird.

«Der Fokus lag bei uns von Anfang an auf der Datenbasis. Denn die Qualität der Beratung hängt immer direkt von der Qualität der Stammdaten ab», sagt Knobel.

Für die Betreiber eröffnet der Chatbot zugleich neue Möglichkeiten. Beratungsleistungen lassen sich skalieren, ohne zusätzliche personelle Ressourcen aufzubauen. Die Kundschaft erhält jederzeit Zugriff auf Informationen, ohne dass jemand vor Ort oder erreichbar sein muss.

«Da wir den Weinshop nebenberuflich betreiben, wäre es für uns nicht möglich, täglich eine persönliche Beratung anzubieten. Durch den SommelAIer konnten wir unsere Verfügbarkeit für die Kundschaft steigern, ohne selbst mehr Stunden zu investieren», erklärt Knobel.

Zwischen Skepsis und Potenzial

Die Reaktionen der Kundinnen und Kunden waren zu Beginn gemischt. Viele begegneten dem System zunächst zurückhaltend, weil sie eine digitale Weinberatung zuvor nicht kannten. Nach ersten positiven Erfahrungen verbesserte sich die Akzeptanz jedoch.

Am häufigsten genutzt wird laut Knobel die Food-Pairing-Funktion des Chatbots. Die Kundinnen und Kunden können ihre geplanten Speisen aufführen und erhalten daraufhin eine konkrete Weinempfehlung. Gerade hier liefere der Bot klaren Mehrwert.

Schwieriger wird es dort, wo persönliche Beziehung und Vertrauen eine zentrale Rolle spielen. Während im stationären Handel über die Zeit persönliche Beziehungen entstehen, beginnt eine Beratung durch den Chatbot immer bei null. Vertrauen muss erst aufgebaut werden, der direkte persönliche Kontakt fehlt.

«Wir haben festgestellt, dass durch diesen unpersönlichen Aspekt das Vertrauen auch schneller verloren geht. Wenn eine Weinempfehlung nicht als passend empfunden wird, steigt das Misstrauen relativ schnell», sagt Knobel.

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Beratung wird neu gedacht

Der «SommelAIer» steht exemplarisch für viele KI-Anwendungen im Alltag. Er zeigt, wie Technologie Prozesse vereinfachen, Verfügbarkeit erhöhen und Beratung skalierbar machen kann. Gleichzeitig zwingt KI Unternehmen dazu, sich intensiver mit der Qualität ihrer Daten auseinanderzusetzen.

Die Technologie stösst dort an Grenzen, wo Erfahrung, Intuition und persönlicher Austausch gefragt sind. Ob sich solche Systeme künftig breit durchsetzen, bleibt offen. «Klar ist nur, dass sie bereits heute verändern, wie Beratung gedacht wird», sagt Knobel.

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