Bald kommunizieren 20 Milliarden Dinge selbständig übers Internet
27.03.2019

Bald kommunizieren 20 Milliarden Dinge selbständig übers Internet

Die Digitalisierung sei ein unaufhaltbarer Zug, den man nicht an sich vorbeirauschen lassen könne. Jetzt sei die Zeit aufzuspringen. Darin waren sich alle Referenten am 10. Unternehmensspiegel Appenzellerland in Teufen einig. Welche Chancen sich bei einem Aufspringen bieten, wurde anhand verschiedener Unternehmensbeispiele aus beiden Appenzell eindrücklich aufgezeigt.

Das Bild des vorbeirauschenden Zuges impliziert, dass jemand anderes am Steuer sitzt. «Wir sind bereits nicht mehr die Ersten, die sich mit der Digitalisierung beschäftigen. Nun sollten wir sicherstellen, dass wir nicht die Letzten sind», mahnt Dölf Biasotto, Regierungsrat Appenzell Ausserhoden, in seiner Begrüssung zum 10. Unternehmensspiegel Appenzell am 26. März in Teufen. Und auch wenn der Zug bereits beachtliches Tempo aufgenommen habe, so waren sich Biasotto und Albert Manser sicher, dass wir erst am Anfang stehen: «Die Digitalisierung geht mit Vollgas, mindestens gleich schnell weiter» erwartet Manser, Präsident des Gewerbeverbandes Appenzell Innerrhoden.

In der Befragung zum KMU-Spiegel 2017 zeigte sich, dass neben Effizienzsteigerung, vor allem die Entwicklung von neuen Geschäftskonzepten als Chance der Digitalisierung erachtet wird. Bei einem solchen Konzept wird ein herkömmliches Produkt mit einem Zusatznutzen angereichert, der auf digitalen Lösungen beruht. Ein Bespiel ist eine Fahrzeugflotte eines Autoherstellers, welche über eine digitale Plattform gemietet und bezahlt werden kann. Je nach Erfolg eines solchen Konzeptes, stelle sich dann aber irgendwann die Frage, so Prof. Dr. Rigo Tietz, Leiter des Kompetenzzentrums Strategie und Management am Institut für Unternehmensführung an der Fachhochschule St.Gallen (IFU-FHS), ob das Unternehmen weiterhin ein Autohersteller sei oder vielleicht vornehmlich der Anbieter eines Car-Sharings: Irgendwann ist das selbst hergestellte Produkt lediglich das Mittel zum Zweck.

Digitalisierung geht von neuer Webseite bis Automatisierung von Prozessen
Wobei es schwierig scheint, den Begriff Digitalisierung genau zu fassen. So erklärte Bruno Eisenhut, Geschäftsführer Gewerbeverband Appenzell Ausserrhoden und Industrie Appenzell Ausserrhoden, dass das Thema bei den Mitgliedern der Verbände zwar omnipräsent sei, aber Unterschiedliches darunter verstanden werde: für die Einen sei es bereits und vornehmlich eine neue Webseite, für die anderen automatisierte Prozesse. Diesen Punkt nahm Tietz im Fazit seiner Präsentation auf: Nicht alle Technologien seien für alle Unternehmen relevant. Vielmehr sollen die Unternehmen die wichtigen Technologien identifizieren und die Risiken aber insbesondere die Chancen, welche diese bieten, für sich erkennen und zu Nutze machen. Einen solchen Nutzen identifizierte Tietz in neuen Funktionen und Services, individualisierten Leistungen, in mehr Markttransparenz und effizienteren Geschäftsprozesse, in höherer Kundenorientierung sowie neuen Bezahlungsformen.

Das Potential scheint insbesondere beim Internet der Dinge, oder Internet of Things (IoT) noch nicht ausgeschöpft. In wenigen Jahren seien über 20 Milliarden IoT-Geräte im Einsatz, so Tietz. Er präsentierte als Beispiel eine Innovation von Weibel CDS AG als Waldstatt. Mit ihrem Gerät können Medikamente verabreicht werden, wobei die Elektronik und Sensoren dabei helfen und gleichzeitig die Dosierung und Uhrzeiten festhalten. Diese Daten können an ein anderes elektronisches Gerät übermittelt und so dokumentiert werden. Ja, es sei sogar vorstellbar, so Tietz, dass beim Verabreichen eines Notfallmedikamentes zeitgleich der Notdienst informiert wird und die GPS-Daten übermittelt werden. Als ein Beispiel, welches sich die Blockchain-Technologie zu Nutzen macht, erwähnte Tietz die Firma Smart Cash aus Teufen, die mit dem Produkt Tangem eine Smarte Banknote entwickelt hat. Da elektronische Bezahlung den gläsernen Kunden fördert, kann Tangem in Form einer Karte, ähnlich wie die früher verfügbaren Taxcard-Telefonkarten für Münzsprechgeräte, gekauft werden. Darauf gespeichert ist ein Betrag einer Kryptowährung, mit der, zusammen mit einem Smartphone, bezahlt werden kann.

Künstliche und menschliche Intelligenz arbeiten zusammen
Provokativ erwähnte Prof. Dr. Sebastian Wörwag, Rektor der FHS St.Gallen, dass 35% der Befragten einer FHS-Studie in Zukunft den Bedarf von künstlicher Intelligenz über demjenigen von menschlicher Intelligenz erwarten. Eine Kombination davon ist die hybride Beratung in einer Bank. Ueli Manser, Direktor der Appenzeller Kantonalbank zeigte sich begeistert von den Möglichkeiten von Roboadvice-Technologien, welche den Kundenberater unterstützen. Diese Technologie kann die zu erwartenden Konsequenzen einer Strategie unmittelbar abbilden und auch kleine, persönliche Anpassungen aufnehmen und in die Berechnungen einbeziehen. Mit dem Gerät von Vigilitech aus Heiden, vorgestellt vom Geschäftsführer Marc Zünd, können die Vitaldaten von Mäusen während einer im Rahmen eines Tierversuches durchgeführten Operation erfasst und übermittelt werden. Zukünftig soll das Gerät mittels künstlicher Intelligenz auch prognostizieren, ob die Operation für die Maus lebensgefährlich ist. Auch die Software-Lösungen von Optimatik aus Teufen verwendet die künstliche Intelligenz. Roland Dähler, Geschäftsführer zeigte auf, wie ihr System Daten vom Stromnetz auswertet, danach automatisch auf Veränderungen reagieren kann und damit einen Beitrag für die Versorgungssicherheit leistet.

Darauf angesprochen, welche Fähigkeiten oder Qualifikation in Zukunft notwendig seien, betonte Eisenhut die Veränderungsbereitschaft: Man könne sich zwar gegen die Digitalisierung wehren, aber den Zug könne niemand mehr bremsen. Albert Manser ergänzte, dass ein Verständnis für den IT-Bereich und dessen Geräte vorhanden sein müsse. Hier erkennt er aber wenig Handlungsbedarf, da vor allem die Jungen bereits mit einem solchen Verständnis ausgerüstet seien. Ebenso rief er dazu auf, die Ängste von Mitarbeitenden ernst zu nehmen, insbesondere von Personen, welche nicht über die Fähigkeiten verfügen, sich Fachwissen anzueignen. Hier habe aber die Vergangenheit gezeigt, dass in jeder Veränderung auch immer wieder neue Jobs entstanden seien.