«‚Auto’ konnte ich vor ‚Mama’ sagen»
26.02.2020

«‚Auto’ konnte ich vor ‚Mama’ sagen»

Im Sommer 2019 verkaufte die Ostschweizer Unternehmerfamilie Lienhard ihre alteingesessene Firma Lista an einen chinesischen Investor. Franziska Lienhard Nava (*1978) und ihr Vater Fredy Lienhard (*1947) standen mit verschiedenen Unternehmern aus Europa, den USA und aus Asien in Kontakt, bevor sie sich für die Unternehmerfamilie Wang entschieden haben. Der St.Galler Büromöbel-Hersteller mit 330 Mitarbeitern wird künftig aus der Provinzstadt Anji in Ostchina geführt. Im Gespräch mit dem LEADER erläutert Fredy Lienhard die Hintergründe und verrät, was er jetzt macht. Ein Text von Stephan Ziegler aus der aktuellen LEADER-Ausgabe.

Fredy Lienhard, Mitte 2019 haben Sie die Lista Office Group an den chinesischen Büromöbelhersteller Henglin verkauft. Was war der Grund für den Verkauf?
Hauptsächlich strategische Gründe – ein Alleingang nur mit dem Standort Schweiz wäre mit Blick auf die Zukunft nicht mehr erfolgversprechend und ein weiteres Wachstum aus eigener Kraft schwierig gewesen. Der Markt Schweiz ist seit zehn Jahren rückläufig, ausländische Rivalen drängten verstärkt ein, und die Margen stehen unter Druck.

Und was gab den Ausschlag für Henglin aus Anji?
Wir haben viele potenzielle Käufer geprüft. Henglin hat als Familienunternehmen am besten unseren Vorstellungen entsprochen. Sie bauen auf unsere Mitarbeiter und den Standort Schweiz, und sie haben ähnliche Werte wie wir. Die Zhejiang Henglin Chair Industry Co. Ltd. wurde 1998 von Wang Jianglin gegründet und stieg seither zum grössten chinesischen Exporteur von Bürostühlen auf.

Henglin ist wie die Lista ein Familienunternehmen. Wie gut haben Sie die Familie Wang im Vorfeld kennengelernt?
Sie haben mehrmals uns und wir sie in China besucht, wir haben einen sehr guten Eindruck bekommen und uns sofort gut verstanden.

Lista ist die Nr. 1 im hiesigen Büromöbelmarkt. Wie sieht es nun international mit dem neuen Eigentümer aus?
Henglin ist eine dynamische Familienunternehmung und wird neue Impulse setzen. Sie planen sogar, der Werkplatz Schweiz auszubauen. Mit über 3'000 Mitarbeitern und mehr als 20 Jahren Erfahrung in der Entwicklung und Herstellung von Bürostühlen generiert Henglin ein jährliches Umsatzvolumen von über 300 Millionen Franken.

Die Schweizer Angestellten von Lista müssen sich also keine Sorgen um ihre Arbeitsplätze machen?
Nein, im Gegenteil, sie bekommen neue Chancen und eine klare Vorwärtsstrategie.

Bereits 2018 haben Sie die St.Galler Papeterie Markwalder an die Gossauer Pius Schäfler AG verkauft. Erfolgte diese Übergabe im Hinblick darauf, dass Markwalder nicht auch an die Chinesen gehen sollte?
Nein, das war nicht der Grund. Markwalder war eine gute Tochtergesellschaft, aber sie hat zu wenig zu unserem Kerngeschäft gepasst. Mit der starken Firma Pius Schäfler bekommen sie den passenden Eigentümer.

Wechseln wir nach Romanshorn: In der dortigen Eventlocation «Autobau» steht Ihre private Autosammlung, Sie waren ja nicht nur Unternehmer, sondern auch aktiver Rennfahrer. Warum haben Sie Ihre Sammlung 2007 öffentlich zugänglich gemacht?
Den Ausschlag gab der Besuch einer Primarschulklasse: Als ich die leuchtenden Augen der Kinder sah, wurde mir klar, dass ich diese Faszination teilen sollte. Ich muss diese Sammlung ja loslassen, und es macht Spass, wenn man die Freude teilen kann. Es wäre zu schade, diese Autos hinter verschlossenen Türen zu halten!

Ebendort haben Sie im Sommer 2019 den «Swiss Classic Lifetime Award» für Ihre Verdienste zur Förderung und Anerkennung historischer Automobile als rollendes Kulturgut erhalten. Woher kommt Ihre Begeisterung für Autos?
Von Geburt an. Das Wort «Auto» konnte ich vor «Mama» sagen. Den Virus hatte ich von meinem Vater Alfred, der sowohl Unternehmer als auch Rennfahrer war.

Was fahren Sie privat für ein Auto?
In erster Linie Porsche, aber auch Mini, BMW und Ferrari. Porsche ist meine Lieblingsmarke, weil das Auto auch im normalen Verkehr passt, perfekt und praktisch ist und begeistern kann.

Der Autobau wird heute von Ihrem Sohn Fredy A. Lienhard geführt. Trifft man Sie selbst auch noch in Romanshorn an?
Hie und da natürlich schon, aber ohne «offizielle» Aufgaben. Gerne begrüsse ich dort meine privaten Gäste.

Und auf der Rennstrecke?
2008 habe ich in Silverstone mein letztes Rennen gefahren, genau an meinem 61. Geburtstag. Vor dem Rennen hat mir meine Tochter Franziska mitgeteilt, dass ich Grossvater werde … Es war also der richtige Zeitpunkt, mit Rennfahren aufzuhören. Wir sind nach 1'000 km noch auf das Podium gefahren, und so konnte ich meine über 40-jährige Rennfahrerkarriere erfolgreich abschliessen. Seither bewege ich meine Rennwagen immer noch «just for fun» auf internationalen Rennstrecken – an sogenannten Trackdays.

Sie engagieren sich zusammen mit Ihrer Frau Regula auch mit der Lienhard-Stiftung für gemeinnützige Projekte aus Berufsbildung, Kultur, Sozialem, Sport und Wissenschaft in der Ostschweiz. Warum dieses Engagement?
Das Gemeinwohl ist sehr wichtig in einer Gesellschaft – es hält zusammen und verbessert das Zusammenleben. Wir haben viel Erfolg und auch Glück gehabt in unserem Leben. Das möchten Regula und ich teilen. Wir sprechen absichtlich nicht von «zurückgeben», denn wir haben ja nichts gestohlen! Wir hoffen gleichzeitig, dass es noch mehr «Nachahmer» gibt, wir also diesbezüglich eine Vorbildfunktion übernehmen können.

Sie unterstützen auch den gemeinnützigen Förderverein für Kinder mit seltenen Krankheiten; so luden Sie 120 Betroffene und Angehörige im September 2019 in den Autobau. Weshalb gerade für KMSK?
Die Idee kam von unserem Sohn Fredy Alexander – und unsere gesamte Familie hat das gerne unterstützt. Auch hier: Was gibt es Schöneres, als diesen geprüften Kindern und ihren Eltern eine Freude zu machen?

 

Fredy Lienhard
Am 7. April 1970 traf ein schwerer Schicksalsschlag das Ostschweizer Unternehmen Lista: Seniorchef Alfred Lienhard, der es 1945 gegründet hatte, erlag im Alter von 44 Jahren einem Herzinfarkt. Sein damals 22-jähriger Sohn Alfred «Fredy» Lienhard übernahm die unternehmerische Verantwortung – mit Erfolg: Mit den Marken Lista Office LO und InterOffice gehört die 2009 gebildete Lista Office Group mit Produktionsstandorten in Degersheim und Arnegg heute zu den führenden Schweizer Herstellern und Anbietern von Büromöbelsystemen (Lista = Lienhard Stahl). 2014 gab Lienhard nach über 44 Jahren sein Verwaltungsratspräsidenten-Mandat ab. Heute steht Tochter Franziska Lienhard Nava dem Lista-VR vor.

Autorennen und seine Autosammlung, die in der Autobau-Erlebniswelt in Romanshorn ausgestellt ist, welche von seinem Sohn Fredy A. Lienhard geführt wird, sind nach wie vor Lienhards Passion, der er sich jetzt noch intensiver widmen kann – er fährt seit den 1960er Jahren leidenschaftlich (und gut) Autorennen; unvergessen ist etwa sein Lista Racing Team. 2002 feierte Lienhard mit dem Sieg des 24-Stunden-Rennes von Daytona seinen grössten Triumph; 2008 fuhr er sein offiziell letztes Rennen in Silverstone, was aber nicht heisst, dass sich Lienhard nicht nach wie vor noch hinter ein schnelles Steuer setzt.

Die Familie Lienhard engagiert sich seit jeher auch für das Gemeinwohl, etwa mit der Lienhard-Stiftung (lienhard-stiftung.ch) oder für «Kinder mit seltenen Krankheiten» (kmsk.ch).