„Auseinandersetzungen gehören zur Demokratie“
07.11.2018

„Auseinandersetzungen gehören zur Demokratie“

Als letzte von vier Weinfelder Persönlichkeiten traute sich Dieter Meile am 5. November auf den heissen Stuhl im „eiszueis“ ebenda. Er erzählte seine vielseitige Lebensgeschichte, die im Deutschland des Zweiten Weltkriegs begann und in der Thurgauer Politik mündet.

„Das war jetzt natürlich nur ein Bruchteil des Ganzen“, erzählt Dieter Meile nach dem fast zweistündigen Gespräch im „eiszueis“. Damit verstärkt er das Gefühl, das man nach diesem Abend mit nach Hause trägt: Bei den unzähligen Posten und Ämtern, die der Achtzigjährige innehatte, wird einem beinahe schwindlig.

Im blauen Hemd und schwarzen Lackschuhen nimmt er an diesem Abend Platz, räuspert sich. Dieter Meile ist bereits der vierte Weinfelder, der im Rahmen der Veranstaltungsreihe „eiszueis – Lebensgeschichten“ hinter die Maske des Erfolgs blicken lässt. Die Begegnungen zielen genau darauf ab: Weinfelder von einer anderen Seite kennenzulernen. Mit messerscharfen, teils intimen Fragen locken die Moderatoren Christoph Lanter und Carla Aubry überraschende Geschichten aus den scheinbar bekannten Gesichtern. So berichtete Gisin-Sport-Geschäftsführer Philipp Portmann in kleinem Rahmen über berufliche Perspektiven und den Grund, warum er nicht Wäschewaschen kann. Valentin Stettler, Geschäftsführer der Stedy Gwürz AG, entpuppte sich im Gespräch als leidenschaftlicher DJ und Draufgänger, und der junge Autor Jyoti Guptara gab Einblick in Science-Fiction-Fantasien und seine multikulturelle Herkunft.

„Mein Leben besteht aus vielen kleinen Geschichten“, sagte auch Dieter Meile am Montagabend und holte zur nächsten Anekdote aus. In Deutschland während des Zweiten Weltkriegs geboren, grüsste Meile vor Schulbeginn täglich eine Fotografie des Führers mit dem Hitlergruss. Seine Familie flüchtete 1944 zurück in die Schweiz. Zu Kriegsende durfte der Primarschüler mit den Kirchenglocken den Frieden einläuten. „Die Geschichte rührt mich noch heute“, sagt er. Nach Jahren in unterschiedlichen Positionen im Bildungsbereich widmete sich Meile ganz der Politik. Er sei nie zögerlich gewesen, sagt der ehemalige Gemeindeammann von Weinfelden überzeugt, und habe immer gerne diskutiert. „Zur Demokratie gehört die Auseinandersetzung“, ist er sich sicher – und hinterfragt im gleichen Atemzug die Wohlfühl-Politik von heute.

Alle vier Weinfelder brillieren in ihren Fachgebieten – mit Lebenseinstellungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Durchdacht, spontan oder mit der Einstellung „je verrückter desto besser“ gehen sie ihren Weg und meistern Herausforderungen, die ihr Leben und ihre Karriere mit sich bringen. Die vielfältigen Gespräche im „eiszueis“ zeigen vor allem eines: Ob Jung oder Alt, Perfektionist oder Draufgänger, mit Lackschuhen oder Kapuzenpulli – es existiert mehr als ein Rezept zum Erfolg.

Foto und Text: Marielle Heeb