Adesso-CTO fordert eigenen KI-Bauplan
Text: pd/stz.
Was geschieht, wenn ein Unternehmen seine zentralen Abläufe auf ein einziges KI-Modell ausrichtet und der Zugriff darauf plötzlich eingeschränkt wird? Nicht wegen eines Cyberangriffs oder eines technischen Defekts, sondern aufgrund einer politischen Entscheidung im Ausland.
Dass dieses Szenario keineswegs rein hypothetisch ist, zeigte sich im Juni 2026: Ein US-Anbieter beschränkte den Zugriff aus dem Ausland auf besonders leistungsfähige KI-Modelle vorübergehend. Für Unternehmen war dies eine Erinnerung daran, dass digitale Dienste nicht allein von Technik und Verträgen abhängen, sondern auch von geopolitischen Interessen und Exportkontrollen.
Gerade Ostschweizer Industriebetriebe kennen solche Abhängigkeiten aus dem Geschäft mit Maschinen, Komponenten und Dual-Use-Gütern. Neu ist, dass dieselbe Logik zunehmend auch jene digitalen Werkzeuge betrifft, auf denen die internen Prozesse beruhen.
Unternehmen müssen den Anbieter wechseln können
Syrian Hadad ist seit April 2026 CTO von Adesso Schweiz. Der Technologieexperte verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Architektur, Plattformentwicklung und digitale Transformation. Zuvor war er während rund acht Jahren als CTO und Leiter Technologie- und Lösungsentwicklung beim Kanton Aargau tätig. Dort verantwortete er unter anderem zentrale Cloud-, Architektur- und KI-Initiativen.
Diese Erfahrung habe ihm gezeigt, dass digitale Souveränität praktisch umsetzbar sei. Dazu gehören Plattformen in kontrollierten Rechenzentren, eine klare Hoheit über sensible Daten und eine Architektur, die nicht dauerhaft an einen einzelnen Anbieter gebunden ist.
Unternehmen sollten deshalb nicht nur danach fragen, welches KI-Modell aktuell die besten Resultate liefert. Ebenso entscheidend ist, ob es später durch ein anderes Modell ersetzt werden kann, wo Daten und Protokolle gespeichert werden und ob zentrale Prozesse bei einem Ausfall weiterfunktionieren.
Digitale Souveränität bedeutet dabei nicht, sämtliche Software selbst zu entwickeln. Es geht vielmehr darum, Abhängigkeiten bewusst zu steuern und jederzeit handlungsfähig zu bleiben.
Sicherheit beginnt nicht erst beim Betrieb
Mit der zunehmenden Verbreitung von KI verändert sich auch die Bedrohungslage. Sprachmodelle erleichtern die Erstellung täuschend echter Phishing-Mails. Künstlich erzeugte Stimmen können Anweisungen der Geschäftsleitung imitieren. Noch anspruchsvoller wird die Situation durch KI-Agenten, die selbstständig Nachrichten lesen, Informationen verarbeiten und Aktionen auslösen.
Ein manipuliertes Dokument oder eine präparierte E-Mail kann unter Umständen genügen, um einen solchen Agenten zu beeinflussen. Deshalb müssen Zugriffsrechte, Kontrollmechanismen und Freigabeprozesse bereits bei der Entwicklung festgelegt werden.
«Sicherheit gehört deshalb in die Architektur, nicht in die Fussnote», bringt Hadad seine Forderung auf den Punkt. Besonders kritische Aktionen sollten weiterhin eine menschliche Freigabe verlangen. Ebenso braucht es eine lückenlose Protokollierung und klare Möglichkeiten, ein System jederzeit anzuhalten.
Fünf Fragen zeigen den Handlungsbedarf
Unternehmen können ihre digitale Widerstandsfähigkeit mit einigen konkreten Fragen überprüfen:
- Welche zentralen Prozesse hängen von einem einzigen KI-Anbieter ab?
- Können Modelle ohne grundlegenden Systemumbau ausgetauscht werden?
- Wo werden Eingaben, Dokumente und Nutzungsdaten verarbeitet?
- Welche Aktionen darf ein KI-Agent selbstständig ausführen?
- Wie lange bleibt der Betrieb bei einem Ausfall oder einer politischen Sperre funktionsfähig?
Wer auf diese Fragen keine klaren Antworten hat, sollte nicht auf den Ernstfall warten. Technische Alternativen, ein geregelter Datenexport und getestete Notfallszenarien gehören laut Hadad ebenso zur KI-Strategie wie mögliche Effizienzgewinne.
Die Ostschweiz bringt gute Voraussetzungen mit
Trotz der Risiken sieht Hadad in der künstlichen Intelligenz einen aussergewöhnlichen wirtschaftlichen Hebel. «KI bleibt der grösste Produktivitätshebel seit Cloud Computing», sagt der CTO von Adesso Schweiz. Voraussetzung sei allerdings, dass die Wahl und der Betrieb der Modelle beim Kunden bleiben und nicht vollständig von einem einzelnen Anbieter bestimmt werden.
Mit ihrer starken Industrie- und Produktionsbasis verfügt die Ostschweiz dafür über gute Voraussetzungen. Viele Unternehmen sind es gewohnt, Lieferketten abzusichern, verschiedene Bezugsquellen aufzubauen und kritisches Wissen im eigenen Betrieb zu halten. Diese Grundsätze lassen sich auch auf KI-Systeme übertragen.
Hadads Leitsatz aus seiner Zeit im Service Public lautet: «Wer nicht baut, wird gebaut.» Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz erhält er zusätzliche Bedeutung, denn Software ist inzwischen selbst in der Lage, neue Software zu entwickeln und Geschäftsprozesse zu verändern.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Unternehmen KI einsetzen. Entscheidend ist, wer die Architektur bestimmt und im Ernstfall die Kontrolle behält. Oder wie Hadad es formuliert: «Die Hand am Bauplan muss die eigene bleiben.»
east#KI bringt Unternehmen, Forschung, Politik und Technikinteressierte zusammen, um konkrete KI-Anwendungen aus der Ostschweiz sichtbar zu machen. Die zweite Ausgabe wird von rockt! und swissAI organisiert. Adesso unterstützt den Anlass als Platinsponsor. CTO Syrian Hadad nimmt an der Paneldiskussion «Wie sicher ist KI?» teil.
Datum: Mittwoch, 11. November 2026
Zeit: 16.30 bis 22.00 Uhr
Ort: Pfalzkeller, Klosterhof, 9000 St.Gallen
Programm: Paneldiskussion, Mini-Pitches, KI-Tischmesse, Apéro, Networking und KI-Musik
Eintritt: 25 Franken
Informationen und Tickets: www.itrockt.ch/eastki