«Absolventen in der Ostschweiz behalten»
07.08.2019

«Absolventen in der Ostschweiz behalten»

Seit rund drei Jahren leitet Rechtsanwalt Daniel Wessner das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Thurgau. Das AWA unterstützt den WTT Young Leader Award neu als First-TV-Sponsor. Daniel Wessner erläutert im Interview die Gründe, analysiert den Fachkräftemangel und spricht sich für eine starke Ostschweizer Bildungszusammenarbeit aus. Ein Text aus der aktuellen LEADER-Ausgabe.

Daniel Wessner, warum engagiert sich das AWA für den Award?
Die Thurgauer Wirtschaft ist angewiesen auf praxis- und lösungsorientierte Spezialisten, die Initiative, Kreativität und Leadership zeigen. Ich bin überzeugt, dass der WTT Young Leader Award die Studierenden zu Höchstleistungen in praxisbezogenen Projekten motiviert. Ich durfte in der Vergangenheit schon solche Projekte begleiten und war immer beeindruckt vom grossen Engagement, den kreativen Lösungsansätzen und den tollen Resultaten der Studenten. Der Young Leader Award bringt die Wertschätzung gegenüber den Teilnehmenden zum Ausdruck und ist sicher zusätzlicher Anreiz für die Studierenden, über sich hinauszuwachsen.

Die sechs Nominierten werden im Vorfeld via TVO einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Informieren Sie sich persönlich jeweils auch so über die Finalisten?
Die Wirtschaftswelt funktioniert multimedial. Das Fernsehen ist natürlich eine wichtige Informationsquelle. Ausserdem orientiere ich mich über weitere On- und Offline-Kanäle sowie – und das ist für mich besonders relevant – im Gespräch mit verschiedenen Akteuren aus Wirtschaft, Bildung und Wissenschaft.

Der Kanton Thurgau gehört, wie SG, AR und AI, zur Trägerschaft der FHS St.Gallen. Wie wichtig ist die FHS für den Thurgau?
Essentiell! St.Gallen ist generell als Bildungsplatz bekannt und zieht Studierende aus dem In- und Ausland an. Die FHS im Besonderen vermittelt Hochschulkompetenz und Praxiswissen. Das heisst, es werden qualifizierte und begehrte Fachkräfte ausgebildet. Durch die Ausbildung in der Ostschweiz baut die Studentenschaft eine spezielle Beziehung zur Region und zu Personen auf. Unser Ziel ist es, die Absolventen der FHS in der Ostschweiz zu behalten und auch für den Wirtschaftsstandort Thurgau zu begeistern.

Allenthalben wird ein Fachkräftemangel beklagt. Die FHS hilft mit aktuellen Aus- und Weiterbildungsangeboten, diesen zu verringern. Leider zieht es viele Absolventen nach dem Abschluss eher Richtung Zürich, als dass sie in der Ostschweiz blieben. Wie, denken Sie, kann dieser Braindrain gestoppt werden?
Im Thurgau begegnen wir dem Braindrain mit überraschenden Marketingoffensiven. Zusammen mit Unternehmen lancierten wir zum Beispiel die erfolgreiche Aktion «Leben statt pendeln!» Diese auf den Fachkräftemangel ausgerichtete Standortförderungskampagne mit Speed-Dates zwischen Pendlern und Unternehmen an den Bahnhöfen hat über die Kantonsgrenzen hinaus grosse Beachtung gefunden. Zudem engagieren wir uns gemeinsam mit den Ostschweizer Kantonen und den Arbeitgebern in den Fachkräfteprogrammen «Pro Ost» und «Wilder Osten». Es ist gut und legitim, dass Studierende nach dem Abschluss berufliche Erfahrungen über die Region hinaus oder sogar im Ausland sammeln. Ziel muss aber sein, dass sie später wieder zu Ostschweizer Unternehmen zurückkehren.

Hätten Sie vielleicht auch einen Wunsch nach konkreten Lehrgängen an der FHS?
Die Schweiz zählt in Wissenschaft, Forschung und Technologie weltweit zu den führenden Standorten. Damit sich unser Land auch künftig im globalen Wettbewerb erfolgreich behaupten kann, brauchen wir qualifizierte Fachkräfte – besonders in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT). Das gilt für den akademischen Bereich genauso wie für die berufliche Bildung. Eine stärkere Ausrichtung der FHS auf diese Bereiche wäre daher aus wirtschaftlicher Sicht wünschenswert.

Sie haben neulich öffentlich Ihre Unterstützung für einen möglichen Innovationspark in St.Gallen ausgedrückt. Wie wichtig ist Ihnen die Zusammenarbeit mit den umliegenden Kantonen auf den Gebieten Forschung, Entwicklung und Innovation?
Erfahrungsgemäss machen die Gebiete Forschung, Entwicklung und Innovation keinen Halt vor kantonalen Grenzen. Aus Thurgauer Sicht ist der nochmalige Anlauf des Kantons St.Gallen daher zu begrüssen. Schliesslich steht der Nutzen für die Wirtschaft im Vordergrund. Die Unternehmen der Ostschweiz sollen einen einfachen Zugang zur praktischen Forschung erhalten und so von der Innovationsdynamik profitieren.

Derzeit spricht alles von der Digitalisierung, von der Industrie 4.0, von neuen Arbeitsmodellen. Wo steht da der Thurgau?
Die digitale Transformation stellt auch den Kanton Thurgau vor Herausforderungen, zeigt aber auch Chancen auf. In Zusammenarbeit mit und unter der Führung der IHK Thurgau wird ein Projekt für einen Digital-Campus erarbeitet. Die Pädagogische Hochschule Thurgau in Kreuzlingen dient dabei als Nukleus für den «Digital Campus Thurgau». Um Lehrgänge auf Fachhochschulniveau zu gewährleisten, bietet sich eine Kooperation mit der FHS an. Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit des Thurgaus als Wirtschaftsstandort zu stärken und dafür zu sorgen, dass Innovation auch innerhalb der Kantonsgrenzen passiert. Ausserdem gibt es mit unserer Plattform «Technologieforum Thurgau» und den dazugehörigen Innovationswerkstätten sowie dem Verein Smarter Thurgau weitere kantonale Engagements in Innovationsförderung, Digitalisierung und Industrie 4.0. Viele Thurgauer Unternehmen sind führend in diesen Bereichen.

Zum Schluss: Wer mit Thurgauer Unternehmern spricht, hört auf der positiven Seite meist: Die Behördenwege sind kurz und unkompliziert. Wenn man umgekehrt nach negativen Voraussetzungen fragt, ist meist «nur» der Verkehr ein Thema, konkret Strassenprojekte, die bisher nicht verwirklicht wurden. Die Waage neigt sich also sehr zu Ihren Gunsten?
Ja – ich freue mich auch sehr, dass das AWA täglich eine gute und konstruktive Beziehung zu allen Akteuren der Wirtschaft pflegen darf. Der Thurgau ist tatsächlich sowohl begehrter Lebensraum als auch attraktiver Wirtschaftsstandort. Als einziger Ostschweizer Kanton weisen wir ein Bevölkerungswachstum auf. Die angesprochene BTS/OLS hat glücklicherweise wieder an Fahrt gewonnen. Grundsätzlich ist die Verkehrsanbindung im Thurgau, insbesondere auch im öffentlichen Verkehr, sehr gut. Wir setzen mit dem Areal Wil-West übrigens einen neuen wirtschaftlichen Schwerpunkt, bei dem Lage und Verkehrsanbindung nicht besser sein könnten.

 

Am WTT Young Leader Award werden jährlich die besten Wirtschaftsstudenten der Fachhochschule St.Gallen (FHS) und ihre Praxisprojekte ausgezeichnet. Der feierliche Anlass findet am Montag, 16. September, vor rund 600 geladenen Gästen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in der Tonhalle St.Gallen statt und erfährt viel Beachtung in der Ostschweiz. Weitere Informationen rund um das Programm, die Referenten und die Preisverleihung sind zu finden unter www.fhsg.ch/praxisprojekte.

 

Text: Stephan Ziegler
Bild: Raffael Soppelsa