Wirtschaft

Jetzt geht es um alles

Jetzt geht es um alles
Christine Bolt
Lesezeit: 5 Minuten

Die Olma-Messen brauchen zusätzliches Eigenkapital, um das Unternehmen zukunfts- fähig zu machen. Rund 20 Millionen Franken sollen von bestehenden und neuen Eigentümern kommen. Auch damit sich neu Privat- personen beteiligen können, müssen sich die Olma-Messen von der Genossenschaft zur Aktiengesellschaft wandeln. Direktorin Christine Bolt verspricht sich davon sehr viel. Zuviel?

Christine Bolt, Mitte August wurde bekannt, dass Stadt und Kanton St.Gallen ihre Darlehen von je 8,4 Millionen Franken, die Sie im Sommer 2020 wegen der covid-bedingten Ausfälle erhielten, «in Eigenkapital wandeln» wollen. Das heisst nichts anderes, als dass die Olma-Messen 16,8 Millionen geschenkt bekommen. Warum braucht es trotzdem weitere 20 Millionen?
Fakt ist, dass wir unerwartet und unverschuldet in diese  finanzielle Schieflage gekommen sind. Uns fehlen aus den Pandemie-Jahren 30 Millionen Franken aufgrund der ausgefallenen Geschäftstätigkeit plus zehn Millionen wegen der covid-bedingten ausserordentlichen Bauteuerung. Da kommen wir nur gemeinsam wieder raus. Unsere zentrale Absicht bei der Lösungsfindung war stets, die Massnahmen zur Zukunftssicherung breit abzustützen. Die Umwandlung des Darlehens in Eigenkapital ist der Beitrag der öffentlichen Hand. Die Kapitalerhöhung wollen wir gemeinsam mit der Wirtschaft und Privaten erreichen. Wir brauchen die Liquidität für die konsequente Weiterentwicklung der Olma-Messen. Die Umwandlung der Darlehen benötigen wir für die Stärkung der Eigenkapitalbasis, das schafft bei den zukünftigen Aktionären Vertrauen.

Die neue Halle 1 will gefüllt werden. Der Ausbau des Veranstaltungsgeschäfts v. a. mit Grossevents ist Kern der Strategie, die Ihr Verwaltungsrat für die kommenden zehn Jahre formuliert hat. Wie und wo konkret soll ausgebaut werden?
Unser Ziel ist es, neue Veranstaltungen für St.Gallen zu gewinnen: grosse Corporate-Events, Gastmessen, Sport-und Kultur-Veranstaltungen. Zudem wollen wir gemeinsam mit Institutionen auch eigene, neue Kongresse und Events konzipieren. Dank der neuen Halle 1 können wir mehrere Veranstaltungen gleichzeitig durchführen, das stärkt unsere Auslastung.

Die Olma-Messen wollen bei Veranstaltungen künftig einen vollen Service an Dienstleistungen anbieten – nicht nur für die Durchführung, sondern schon für Konzeption, Planung und Vermarktung. Ist das Bedürfnis dafür da?
Ja. Umfassende Serviceleistungen aus einer Hand sind ein grosses Bedürfnis und stellen damit ein Schwerpunkt unserer Strategie dar. Den Trend beobachten wir in der Branche, er beruht aber auch auf persönlichen Erfahrungen unseres Teams. Die Live-Kommunikation ist eine besondere Disziplin innerhalb des Marketing-Mix und wird – gerade auch mit hybriden Formaten – immer breiter und komplexer. Diese Kompetenzen haben wir im Haus, bauen sie weiter aus und werden sie am Markt anbieten.

 

«Wir wollen und müssen unseren Umsatz um einen Drittel steigern.»

Ein weiterer Punkt ist die Stärkung des Messegeschäfts: So sollen vermehrt Fachmessen in St.Gallen stattfinden. Warum sollen diese gerade zu uns kommen?
Bei den Fachmessen ist seit der Pandemie vieles in Bewegung: Hier beobachten wir eine Regionalisierung von grossen internationalen und nationalen Messen. Ebenfalls auffallend ist der Trend zur Fokussierung auf einzelne Themen. Darin sehen wir für uns und den Standort St.Gallen sehr viel Potenzial. Bereits nächsten Frühling lancieren wir mit der «Gastia» ein erstes neues Produkt. Die Fach- und Erlebnismesse für Gastfreundschaft hat zum Ziel, die Ostschweizer Hospitality-Branche stärker zu vernetzen. Ganz allgemein sind Fachmessen für die ganze Region von grosser Bedeutung. Vermehrt verschmelzen Arbeit und Freizeit – «Bleisure» erlebt ein Wachstum in der Reisebranche. Geschäftsreisende nutzen ihre Zeit für Freizeitaktivitäten oder verlängern die Reisedauer. Hierfür haben wir in der vielseitigen Ostschweiz beste Voraussetzungen.

Und last, but not least wollen Sie künftig mit Zusatzgeschäften rund um die Messen Geld verdienen, beispielsweise im Merchandising. Mit all diesen Massnahmen soll der Umsatz der Olma-Messen in den nächsten zehn Jahren um einen Drittel steigen. Ist das realistisch?
Wir wollen und müssen unseren Umsatz insgesamt um einen Drittel steigern. Diese Steigerung kommt hauptsächlich aus dem Kerngeschäft und zu einem kleinen Teil aus den Zusatzgeschäften. Der Entscheid für den Bau der Halle 1 in dieser Grösse war auch ein Entscheid für eine Wachstums- und Entwicklungsstrategie. Diese hohen Investitionen sollen sich rechnen. Wir haben ab 2024 viel mehr Fläche, mehr Raum,  mehr Möglichkeiten und eine bessere Wettbewerbsfähigkeit.

Die Stadt St.Gallen ist aktuell mit 26 Prozent an den Olma-Messen beteiligt, der Kanton mit rund neun Prozent. Kann es theoretisch sein, dass ein Privater plötzlich die Mehrheit an den Olma-Messen hält?
Die neue Aktionärsstruktur wird sich mit der Emission, die nach der Genossenschafterversammlung im April 2023 lanciert wird, zeigen. Wenn Stadt und Kanton wie geplant ihre Darlehen wandeln, so besitzen sie gemeinsam gut 40 Prozent und damit die Sperrminorität. In Anbetracht der Bedeutung der Olma-Messen für den Standort ist das absolut sinnvoll und wichtig. Private Aktionäre können maximal zehn Prozent des gesamten Kapitals zeichnen. Aktuell stellen wir fest, dass Private an durchschnittlich einer bis zwei Aktien interessiert sind. Das war bei Liebhaberaktien, wie es die Olma-Aktien sein werden, zu erwarten.

Über die Umwandlung der Rechtsform stimmen die Genossenschafter an ihrer Versammlung am 28. April 2023 ab. Firmen können bis dahin noch Genossenschafter werden, mit einem Mindesteinsatz von 10 000 Franken. Das investierte Kapital wird im April dann eins zu eins in Aktien umgewandelt?
Genau. Unsere heutigen Statuten sehen vor, dass sich juristische Personen mit einem Mindestbetrag von 10 000 Franken (zehn Anteilscheine à 1 000 Franken) als Genossenschafter beteiligen können. Dies ist nach wie vor möglich; neue Genossenschafter sind sehr willkommen! Sie profitieren bei der Umwandlung gleich doppelt: Erstens wird das Genossenschaftskapital 1:1 umgewandelt, was gegenüber dem Ausgabepreis der neuen Aktie von 1100 Franken (Nennwert  1 000 Franken) ein Vorteil ist. Ausserdem werden bestehende Genossenschafter auch in Zukunft an die offizielle Eröffnung der Olma eingeladen.

 

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«Über 1350 Vollzeitstellen und regionalwirtschaftliche Effekte von 177 Millionen stehen in Abhängigkeit der Olma-Messen.»

Und warum soll ich als Unternehmen Olma-Aktionär werden?
Jetzt geht es um alles! Die Zukunft der Olma-Messen ist für uns alle von grösster Bedeutung. Über 1350 Vollzeitstellen und regionalwirtschaftliche Effekte von 177 Millionen Franken stehen in der Ostschweiz in Abhängigkeit der Aktivitäten der Olma-Messen St.Gallen. Es ist damit ein klares Commitment zum Messe-, Kongress- und Eventstandort Ostschweiz.

Was versprechen Sie sich davon, wenn mit der angestrebten Umwandlung in eine Aktiengesellschaft auch Privatpersonen einen Teil der Olma-Messen besitzen können? Verkompliziert das nicht das Führen der Olma-Messen, wenn jeder Kleinaktionär an der GV noch seinen Senf dazu geben kann?
Die Rechtsform der Genossenschaft stösst bei der aktuellen Situation schlicht an Grenzen. Beispielsweise gilt die Kopfstimme – im Gegensatz zur AG, wo sich das Stimmverhältnis nach der finanziellen Beteiligung richtet. Auch hat eine Genossenschaft kein festes, sicheres Eigenkapital. Die AG bietet eine klare, gesetzliche Struktur, die sich in der Praxis bewährt hat. Eine breite Abstützung mit Beteiligung von Privatpersonen, Gewerbe und Firmen bringt aus unserer Sicht nur Chancen mit sich. Der bestehende Firmenzweck wird mit der Umwandlung der Genossenschaft in eine AG beibehalten.

Dann suchen Sie noch einen Namenssponsor für die neue Halle 1. Was wäre Ihr Wunschkandidat – und wieviel müsste der etwa investieren?
Wir wünschen uns einen Partner, der unsere Werte teilt und  zu den Olma-Messen und zu St.Gallen passt. Die genaue Höhe der Investition hängt vom gesamten Leistungspaket ab; wir gehen aktuell von einem höheren sechsstelligen Betrag aus.

Text: Stephan Ziegler

Bild: Thomas Hary

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