Mehr Staat statt mehr Moral?
Wilhelm Röpkes Beobachtungen der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg sind von ernster Sorge geprägt. Er vermisst als Ökonom jene traditionellen Werthaltungen, die «jenseits von Angebot und Nachfrage» liegen. So lautet der Titel seines erstmals 1958 erschienenen Buchs, das als wichtigste Schrift aus seinem Spätwerk gilt. Röpke engagiert sich darin für einen «Dritten Weg», bei dem sowohl der sozialistische Materialismus als auch die einseitig kapitalistische Ausrichtung auf Gewinnstreben überwunden werden sollen.
Er erwartet die Rettung nicht vom Staat, denn er zweifelt daran, dass persönlich und freiwillig praktizierte Solidarität durch staatliche Zwangssolidarität ersetzbar sei. Der Verlust einer religiös fundierten, in Freiheit gewählten Moral darf nicht durch eine politisch verordnete Zwangsmoral kompensiert werden. Wer dies fordert, ersetzt den Glauben an die Allmacht Gottes durch den Glauben an den allmächtigen Staat. Diese Tendenz steht im Widerspruch zu dem, was Röpke als «Dritten Weg» vorschwebte. Die Hoffnung, man könne «mehr Moral» durch «mehr Staat» herbeizwingen, ist für ihn eine gefährliche Illusion.
Röpkes «Dritter Weg» ist weder ein neuer Kompromiss zwischen Staatswirtschaft und Marktwirtschaft noch eine neue Verknüpfung von Kirche und Staat. Er setzt auf eine Gesellschaftsordnung, die weder auf Zwang noch auf Gewinnstreben beruht, sondern auf frei gewähltem Engagement für das Gemeinwohl. Dieses ist untrennbar verbunden mit dem Risiko, dass es immer auch Profiteure, Drückeberger und moralische Versager geben wird. Sowohl der Staat als auch die Wirtschaft bleiben daher auf jene Menschen angewiesen, die sich aus innerer Berufung und auf der Grundlage persönlicher Überzeugung für das Gemeinwohl einsetzen.
Text: Robert Nef