«Genügsamkeit führt zu Trägheit»

«Genügsamkeit führt zu Trägheit»
Jan Riss
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Der Standortwettbewerb unter den Kantonen könne belebend wirken, sagt Jan Riss, der Chefökonom der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell – auch, weil die Kantone voneinander lernen.

Die Statistik der Firmenzu- und -wegzüge zeigt den Kanton Thurgau als Gewinner beim Saldo der Unternehmen. Macht der Thurgau also etwas besser als die anderen Kantone? Diese Frage geht auch an Jan Riss, den Chefökonomen der IHK St.Gallen-Appenzell. «Betrachtet man die interkantonalen Firmenwanderungen im vergangenen Jahr, könnte man tatsächlich zu diesem Schluss gelangen», sagt Riss und verweist darauf, dass allein aus dem Kanton St.Gallen 80 Firmen in den Thurgau zogen (nur 51 nahmen den umgekehrten Weg). Für Appenzell Ausserrhoden beträgt der Saldo gegenüber dem Thurgau minus 7.

Die reine Anzahl der Unternehmen sei aber nur beschränkt aussagekräftig, schränkt Riss ein. «Entscheidender ist deren wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Darüber geben die Zahlen aber leider keine Auskunft.» Der IHK-Chefökonom blickt deshalb auch auf den kantonalen Wettbewerbsindikator, die Studie der UBS: «Hier fällt der Thurgau im Vergleich zu den weiteren Ostschweizer Kantonen in keiner Dimension auf oder ab.»

Hausaufgaben gemacht

Jan Riss weiss aber auch, dass der Thurgau einige Anstrengungen unternommen hat, um wirtschaftlich fit zu sein. «Der Thurgau hat insbesondere in den 1990er-Jahren seine Hausaufgaben gelöst: Unter dem Begriff ‹Chance Thurgau› wurden nach einer ernüchternden Selbstbeurteilung der Standortattraktivität drei Massnahmenkataloge mit insgesamt 87 Vorschlägen lanciert.» Diese vielschichtige Arbeit an der Standortattraktivität sei zäh, zahle sich aber – wenn gut gemacht – langfristig aus, ist Riss überzeugt. Daneben spielen auch Faktoren eine Rolle, die ein Standort selbst kaum beeinflussen kann – «dem Thurgau hilft natürlich die geografische Nähe zum Wirtschaftsmotor Grossraum Zürich».

Die Schlagzeile vom Thurgau als Unternehmensmagnet ist vielleicht zu relativieren, die Frage, ob sich die anderen Ostschweizer Kantone vom Thurgau etwas abschauen können, bejaht Jan Riss dennoch: «Ja, unbedingt – und auch umgekehrt. Der Vorteil des kantonalen Standortwettbewerbs ist es gerade, dass die Kantone voneinander lernen.»

Der Standortwettbewerb unter den Kantonen könne belebend wirken, hält Jan Riss fest. «Allzu oft wird dieser auf den kantonalen Steuerwettbewerb reduziert. Doch wie im internationalen Vergleich ist die Wettbewerbsfähigkeit der Kantone multidimensional.» Der Wettbewerbsindikator der UBS gebe mit seinen zahlreichen Indikatoren einige gute Anhaltspunkte. Einen Parameter aber vermisst Riss in dieser Studie: die Verfügbarkeit von Baulandreserven. «Das wäre angesichts abnehmender räumlicher Wachstumsmöglichkeiten durchaus relevant.»

  

«Anspruch muss es gleichwohl sein, die Rahmenbedingungen aktiv zu verbessern.»

Defizite aufgezeigt

Im kantonalen Vergleich zeigt sich, dass Appenzell Innerrhoden in den Dimensionen Arbeitsmarkt, Kostenumfeld und Staatsfinanzen schweizweit Spitzenreiter ist. Die anderen drei Ostschweizer Kantone sind in diesen drei Dimensionen ebenfalls attraktiv. «Gesamthaft betrachtet schneiden die beiden grösseren Ostschweizer Kantone jedoch nur durchschnittlich ab, die beiden Appenzell nur unterdurchschnittlich. Signifikante Defizite zeigen sich überall in den Bereichen Erreichbarkeit und Innovation.»

Zahlreiche Parameter, die im Vergleich der Wettbewerbsfähigkeit eine Rolle spielen, könnten kaum direkt beeinflusst werden, sagt Jan Riss. So sei insbesondere die Topografie gegeben. Umgekehrt liessen sich gewisse Aspekte wie die lösungsorientierte Nähe von Politik, Wirtschaft und Verwaltung kaum messen. «Anspruch muss es gleichwohl sein, die Rahmenbedingungen aktiv zu verbessern.»

Attraktiv über Grenzen hinweg

Die verschiedenen Statistiken und Studien, die versuchen, die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz zu erfassen, betrachten jeweils die einzelnen Kantone. «Die Kantone lassen sich eben statistisch gut vermessen», erklärt Jan Riss, «die Wirtschaftsräume gestalten sich aber über die Kantonsgrenzen hinaus». Der IHK-Chefökonom stellt fest, dass die Kernregion Ostschweiz stets deutlichere Konturen eines zusammenhängenden Wirtschaftsraumes annehme und vermehrt auch Teile von Süddeutschland und Vorarlberg dazu zählen. «Entsprechend müssen auch die Arbeiten an der Standortattraktivität kantonsübergreifend koordiniert und wenn möglich gar gemeinsam geleistet werden.»

Wichtige Standortfaktoren sind für Jan Riss unter anderem der flexible Arbeitsmarkt, die moderate Steuerbelastung, Marktzugänge, Rechtssicherheit, das arbeitsmarktorientierte Bildungssystem, die Nähe zu Spitzenforschung und gesunde öffentliche Finanzen – alles Faktoren, dank denen die Schweiz zu den wettbewerbsfähigsten Ländern der Welt gehört. Im World Competitiveness Ranking der Lausanner Wirtschaftshochschule IMD belegt die Schweiz Platz 3 hinter Dänemark und Irland; die Eidgenossenschaft schneidet in sämtlichen gemessenen Wettbewerbsfaktoren stark ab.

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«Der Vorteil des kantonalen Standortwettbewerbs ist es ja gerade, dass die Kantone voneinander lernen.»

Nicht in Trägheit verfallen

Allerdings: Vor zwei Jahren lag die Schweiz in dieser Betrachtung auf dem Spitzenplatz. «Dass die Schweiz nun zum zweiten Mal in Folge einen Platz einbüsste, sollte als Warnung dienen», betont Jan Riss. «Entscheidend ist, dass wir nicht der Genügsamkeit verfallen. Genügsamkeit führt zu Trägheit.» Angesichts des hohen Innovations- und Kostendrucks für die Unternehmen könne sich die Schweiz Trägheit schlicht nicht leisten. Auch, weil mit der OECD-Mindeststeuer ein Standortvorteil künftig relativiert werde.

Bisher dürfte gerade bei Zuzügen aus dem Ausland zwar das Gesamtpaket entscheidend gewesen sein, im Vergleich zu bereits ansässigen Unternehmen dürften aber messbare Kriterien wie die Steuerbelastung noch etwas stärker ins Gewicht gefallen sein. Bei Unternehmen, die ins Ausland wegziehen, stehen zumeist Kostenüberlegungen im Vordergrund.

Auch bei Neugründungen von Firmen scheinen steuerliche Überlegungen stark einzufliessen, beobachtet Riss. «Setzt man die Zahl der Firmengründungen mit der Einwohnerzahl in Relation, so steht der Kanton Zug klar an der Spitze des Rankings, weit vor Schwyz, Genf und Appenzell Innerrhoden.» Das wichtigste Kriterium sei aber der Zugang zu Netzwerken, Inkubatoren und Arbeitskräften. «Mit der Neugründung des Switzerland Innovation Park Ost und der Bündelung der Kräfte mit dem seit rund zehn Jahren erfolgreichen Startfeld entsteht gerade für Unternehmensneugründungen in der Ostschweiz eine Anlaufstelle, ja ein Akzelerator», betont Riss. «Es muss nur genutzt werden.»

Text: Philipp Landmark

Bild: Thomas Hary

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