Fokus Alpenrheintal

Das Epizentrum der Präzisionsindustrie

Das Epizentrum der Präzisionsindustrie
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In seinem vor wenigen Monaten vom Verein für wirtschaftshistorische Studien in Zürich herausgegebenen Buch «Brennpunkt Heerbrugg – Vom Überschwemmungstal zum Hightech-Valley» hat Historiker Dieter Holenstein die ungewöhnliche Geschichte des «Präzisions-Clusters» Heerbrugg nachgezeichnet.

Dieter Holenstein arbeitete lange als Geschichtslehrer und unterrichtete als Dozent für Allgemeine und Schweizer Zeit geschichte an der Universität Freiburg. Dank etlichen Forschungsarbeiten ist er ausgewiesener Kenner der Ostschweizer Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Der in St.Gallen wohnhafte Autor ist von seiner familiären Herkunft her eng mit dem St.Galler Rheintal verbunden.

Dieter Holenstein, mit dem Buch «Brennpunkt Heerbrugg –Vom Überschwemmungstal zum Hightech-Valley» haben Sie wohl das künftige Standardwerk zur Geschichte der Präzisionsindustrie im St.Galler Rheintal vorgelegt. Wie ist es dazu gekommen?
Ich wurde vom Verein für wirtschaftshistorische Studien aus Zürich angefragt, ob ich bereit sei, im Rahmen der Serie «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik» einen Band zum Thema «Präzisionstechnik im Rheintal» zu schreiben. Das zeigt, dass das faszinierende «Hightech-Valley» auch ausserhalb der Ostschweiz auf Interesse stösst. Was das Rheintal in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte zu einem einzigartigen Spezialfall macht, ist der Umstand, dass es sich innerhalb von lediglich Jahrzehnten von der armen Überschwemmungs- zur florierenden Hochtechnologieregion wandelte. Eben zum Hightech-, High-Precision- oder präzisionstechnischen «Siliconvalley» der Schweiz. In meinem Buch habe ich mich auf das Mittelrheintal beschränkt. Das aus Platzgründen – aber auch, weil der ganze Prozess im Raum Heerbrugg begonnen hatte und die Ballung präzisionstechnischer Unternehmen dort bis heute am grössten ist.

Was war die Ursache dieser rasanten Entwicklung, was war der «Big Bang», der zur heutigen Dichte an weltweit füh renden Unternehmen im ehemals periodisch vom Rhein überschwemmten Rheintal beigetragen hat?
Von einem eigentlichen Urknall würde ich als Historiker nicht sprechen. Klar ist aber, dass der Prozess 1921 mit der Gründung der Firma Wild in Heerbrugg begann und dass deren Nachfolgerin Leica Geosystems AG heute noch das mit Abstand wichtigste Präzisionsunternehmen des ganzen Rheintals darstellt. Die Firma Wild und die Entwicklung zum Hightech-Valley kamen durch ein Zusammenspiel diverser sich positiv ergänzender Faktoren zustande. Voraussetzung dafür waren allerdings die Rheinkorrektion und die Melioration der Überschwemmungs- und Nassgebiete. Damit gewann gerade der Grossraum Heerbrugg viel nutzbares Gelände und Baulandreserven dazu. Mit der Bändigung des Alpenrheins und der Schaffung des Werdenberger und des 1906 fertiggestellten Rheintaler Binnenkanals wurde die Basis für ein stabiles Wirtschaften im Rheintaler Talboden überhaupt erst gelegt.

 

Wichtig war aber auch das Zusammentreffen und Wirken visionärer Persönlichkeiten?
Absolut! Zunächst dasjenige des Thüringers Karl Völker, der als politisch Verfolgter aus dem damals monarchistischen Deutschland in die Schweiz und dann nach England floh und sich schliesslich wegen verwandtschaftlicher Beziehungen seiner Frau im Rheintal niederliess. 1830 erwarb Völker das Schlossgut Heerbrugg, wo er eine Privatschule für englische Zöglinge gründete. Mit exotischen Geschäftseinfällen wie etwa einer Maulbeerbaumzucht für die Seidenproduktion hatte er wenig Erfolg. Bleibende Spuren hinterliess er aber durch seine Drainagetechnik mit Röhren aus Ton, für deren Herstellung er am Fuss des Schlosshügels eine Ziegelei errichtete. Vor allem aber war Karl Völker ein unermüdlicher Kämpfer für die Eisenbahn und wurde zum «Vater» des Bahnhofs Heerbrugg, womit der kleine Weiler mit wenigen Einwohnern ab 1858 mit der Welt verbunden war. Im Hinblick auf seine spätere wirtschaftliche Entwicklung war das von enormer Bedeutung.

Heerbrugg war überhaupt verkehrstechnisch aussergewöhnlich gut situiert?
Ja, denn ein weiterer Visionär, Jacob Schmidheiny, war der Initiator des elektrischen Trams, das bereits 1897 von Altstätten über Heerbrugg nach Berneck führte und die Dörfer des Rheintals miteinander verband. Schmidheiny hatte von Karl Völker lange vorher auch die Ziegelei in Heerbrugg erworben, die er sehr erfolgreich betrieb und welche die Keimzelle des gesamten Industrieimperiums der Familie Schmidheiny darstellt. Ohne die daraus resultierende Finanzkraft hätte der lange und schwierige Aufbau der Firma Wild bis tief in die Dreissigerjahre hinein gar nicht bezahlt werden können.

«Hauptkunde war mit fast der Hälfte des 1940–1945 erzielten Gesamtumsatzes die Schweizer Armee.»

Und dann gibt’s da ja auch noch die Grenzlage …
Diese erlaubte einerseits den Import von Arbeitskräften, andererseits aber schon in den Anfangsjahren von Wild auch Produktionsverlagerungen ins benachbarte Vorarlberg. Und nicht zu vergessen: Durch den Ersten Weltkrieg war die für die Region wichtige Stickereibranche massiv eingebrochen. So arbeiteten etwa in Balgach 1910 noch dreimal mehr Ortsbewohner in der Stickerei als 1927. In dieser Krisensituation erhielt Jacob Schmidheinys Leitspruch «Arbeit dem Rheintaler Volk!» ganz besondere Bedeutung. Die tiefe Verbundenheit der Schmidheinys mit ihrer Heimatregion führte dann ja auch massgeblich zur Gründung der Firma Wild und damit zu neuen, zukunftsgerichteten industriellen Perspektiven. Entscheidend dafür war, dass 1921 drei herausragende Persönlichkeiten zusammenfanden.

Wie Sie in Ihrem Buch beschreiben, waren dies der Geodät Heinrich Wild, damals Oberingenieur und Chefkonstrukteur bei Geo Carl Zeiss in Jena, Rudolf Helbling mit seinem international erfolgreichen Vermessungsbüro in Flums und der Heerbrugger Industrielle Jacob Schmidheiny. Wenig später kam dann noch dessen Bruder Ernst dazu.
Mit dem genialen geodätischen Entwickler Wild, Vermesser Helbling, der die neuen Geräte über sein Büro dem Praxistest unterziehen konnte, und dem regional verwurzelten, aber weltweit erfolgreichen Industriellen Jacob Schmidheiny als Geldgeber war eine geradezu ideale personelle Konstellation für das Unternehmen gegeben, das die Drei 1921 als «Heinrich Wild, Werkstätte für Feinmechanik und Optik» gründeten. Mit einem Durchhaltewillen, den heutige Investoren wohl kaum hätten, retteten Jacob Schmidheiny und sein Bruder Ernst die Firma über die langen und schwierigen Anfangsjahre hinüber. Im und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg kam dann der grosse Erfolg. Das gilt auch für ihre Nachfolgerin, die 1997 gebildete Leica Geosystems AG, die fünf von ihr abgespalteten Unternehmen (z. B. die APM Technica AG) sowie die zahlreichen Firmen, die im Umfeld von Wild entstanden und zum Hightech-Cluster Heerbrugg heranwuchsen.

 

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Wäre eine solche Entwicklung auch in doch eher städtischen Gebieten mit ihrer damaligen grossbürgerlichen Gesellschaft, Einschränkungen und Zwängen möglich gewesen?
Auffallend viele Firmengründer des Rheintaler Clusters stammen aus einfachen, ja teils ärmlichen Verhältnissen. Das liegt ganz wesentlich daran, dass gerade im ländlich geprägten Mittelrheintal althergebrachte Standesstrukturen mit ihrer oft immanenten Behinderung von Innovation, sozialer Mobilität und wirtschaftlichem Aufstieg weitgehend fehlten. Allerdings mussten etliche Firmengründer jahrelang hart arbeiten, bevor sich der unternehmerische Erfolg einstellte. Aber Durchhaltewillen war ja bei der seit jeher an materielle Not gewöhnten Rheintaler Landbevölkerung fast schon Teil der eigenen Genetik.

Kommen wir noch einmal auf das Kernunternehmen der Entwicklung zurück, auf die Firma Wild. Wie genau war deren Verwicklung in die Rüstungsgeschäfte des Zweiten Weltkriegs?
Gefragt von Wild waren damals vor allem Telemeter (Entfernungsmesser), Panorama- und Zielfernrohre. Hauptkunde war mit fast der Hälfte des 1940-1945 erzielten Gesamtumsatzes von 66 Millionen Franken die Schweizer Armee. Zweitwichtigster Abnehmer war das deutsche Oberkommando des Heeres mit einem Anteil von 20 Prozent an den Wild-Umsätzen. 1940, 1944 und 1945 wurden aber an den zweitwichtigsten Exportkunden, das neutrale Schweden, sogar mehr Produkte geliefert als an Deutschland. Ausserdem bleibt festzuhalten, dass die Firma Wild nie auf die schwarze Liste der Alliierten geriet. Nach dem Krieg wurde Wild dann Weltmarktführer im Bereich der Photogrammetrie und beschäftigte schon in den Sechzigerjahren mehrere tausend Menschen.

 

Text: Gerhard Huber

Bild: Marlies Thurnheer

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