LEADER-Hauptausgabe

Milizpolitik zwischen Verantwortung und Realität

Milizpolitik zwischen Verantwortung und Realität
Lesezeit: 6 Minuten

Die Schweizer Politik baut traditionell auf dem Milizsystem auf. Doch die Anforderungen steigen im Beruf, in der Politik und im Privatleben. Gleichzeitig wird es für Parteien zunehmend schwieriger, geeignete Kandidaten für politische Ämter zu finden. Mit Mike Egger (*1992) spricht der LEADER über die Vereinbarkeit von Nationalratsmandat, Führungsfunktion in der Privatwirtschaft und bald auch Familie, über die wachsenden Herausforderungen für Milizpolitiker und die Frage, ob das System noch zeitgemäss ist.

Mike Egger, Sie sind Nationalrat, stellvertretender CEO und werden im August Vater. Wie organisieren Sie Ihren Alltag?
Mein Wecker klingelt um 04:15 Uhr – und dann läuft der Tag. Beruf, Politik, Sitzungen und oft noch Abendanlässe. Ohne klare Prioritäten und Disziplin funktioniert das nicht. Entscheidend ist die Freude an der Arbeit – sonst hält man das Pensum nicht durch. Ohne meine Frau Lisa, die das alles mitträgt und mich aktiv unterstützt, wäre das so nicht möglich. Diese Unterstützung im privaten Umfeld zeigt mir jeden Tag, dass hinter jeder Leistung immer auch Menschen stehen müssen, die mittragen. Das motiviert auch, seinem Umfeld Sorge zu tragen.

Wo stossen Sie aber an Grenzen, wenn Sie politische Verantwortung, Führungsaufgaben in der Privatwirtschaft und künftig die Familie gleichzeitig tragen?

Ganz klar bei der Zeit. Auch mein Tag hat nur 24 Stunden (lacht). Man merkt schnell: Man kann nicht überall gleichzeitig sein, aber wenn man in einem Meeting, an einer Sitzung oder an einem Anlass ist, dann zu 100 Prozent und mit vollem Fokus darauf. Ich habe aber auch gelernt, Nein zu sagen und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Mit der Familie wird das noch wichtiger; Familie ist das Fundament und auch in schwierigen Zeiten für einen da. Die Bodenhaftung, die mir meine Familie gibt, hilft mir politisch, Entscheidungen nicht nur abstrakt, sondern immer mit Blick auf die konkreten Auswirkungen für die Menschen zu treffen.

«Ein politisches Engagement gibt viel zurück.»

Welche Kompetenzen aus der Wirtschaft helfen Ihnen im Nationalrat am meisten?
Resultatorientierung, Effizienz und Verantwortungsbewusstsein. Irgendwann muss man entscheiden und die Konsequenzen tragen – dieses Denken und Handeln bringe ich auch in die Politik ein. Der Unterschied ist: In der Politik dauern Prozesse oft länger, und es geht stärker um Mehrheiten. Was in der Politik oftmals fehlt, ist der Bezug zur Praxis, gerade bei wirtschaftsnahen Themen. Darum brauchen wir wieder mehr Handwerker, Gewerbler und Unternehmer sowie Führungspersönlichkeiten in politischen Spitzenpositionen.

Gibt es umgekehrt auch Erfahrungen aus der Politik, die Ihre Arbeit als Führungskraft in der Malu-Holding beeinflussen?
Ja, absolut. Politik schärft den Blick für unterschiedliche Perspektiven. Man sitzt mit Menschen aus verschiedenen Lebensrealitäten am Tisch; das hilft auch in der Führung. Gerade in einer Unternehmensgruppe mit rund 400 Angestellten geht es nicht nur um Zahlen, sondern vor allem um Menschen. Und ich habe gelernt: Entscheide müssen verständlich erklärt werden, sonst werden sie nicht mitgetragen. Diese Fähigkeit ist auch in der Politik entscheidend, gerade in Exekutivfunktionen, wo Vertrauen und Klarheit zentral sind.

Berhalter  

Das Milizsystem gilt als Stärke der Schweiz. Erleben Sie es im Bundesparlament noch als realistisches Modell?
Für mich ist es nach wie vor eine grosse Stärke der Schweiz. Es sorgt dafür, dass Politik nahe an der Realität bleibt. Aber die Belastung ist gestiegen: Die Dossiers werden komplexer, die Erwartungen höher. Deshalb müssen wir das Milizsystem stärken, da dieses schliesslich ein echtes Erfolgsmodell für unser Land ist. Und deshalb sind Unternehmer und Gewerbler gefragt, weil sie die Realität aus dem Alltag mitbringen und die Sorgen und Nöte der Bevölkerung oft viel besser kennen als diejenigen Politiker, die in einer Bubble leben.

Wie viele Stunden pro Woche investieren Sie effektiv in Ihr Nationalratsmandat?
Das schwankt je nach Session, Kommissionsarbeit und politischer Aktualität. Es geht ja nicht nur um die Sessionstage in Bern, sondern auch um Vorbereitung, Dossierstudium, Fraktionssitzungen, Gespräche, Veranstaltungen und Kontakte im Wahlkreis. Für mich laufen Beruf und Politik ineinander, und die Arbeits- und Politikwoche hat meist sechs bis sieben Tage.

Viele Unternehmer schrecken heute vor einem politischen Engagement zurück. Warum?
Der Zeitaufwand ist beachtlich, die Anforderungen sind gestiegen. Gleichzeitig steht man stärker in der Öffentlichkeit, was viele abschreckt. Trotzdem ist Politik mehr als Streit und Schlagzeilen. Es ist die Möglichkeit, unser Land mitzugestalten und gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Wir Unternehmer müssen lernen, wieder mehr Ecken und Kanten zu zeigen und für unsere Anliegen einzustehen. Die Faust im Sack löst bekanntlich nur selten Probleme. Ich erlebe immer wieder in persönlichen Gesprächen, dass gerade Unternehmer viel beizutragen hätten, sich aber wenig einbringen. Das möchte ich ändern und andere motivieren, diesen Schritt ebenfalls zu wagen.

Wie wichtig ist es, dass Arbeitgeber politisches Engagement mittragen?
Das ist zentral. Ohne Unterstützung der Arbeitgeber funktioniert das Milizsystem nicht. Auch ich bin sehr dankbar, dass mein Arbeitgeber und die Inhaber der Malu-Holding den Mehrwert zwischen Politik und Unternehmensleitung erkannt haben. Ebenso dankbar bin ich, dass ich ein starkes Team im Rücken habe. Ein politisches Engagement gibt auch viel zurück: Praxisnähe, Netzwerk und Verständnis für Rahmenbedingungen. Wer Politik aus der Praxis kennt, trifft bessere Entscheidungen, und davon profitieren am Ende alle: Mitarbeiter, Unternehmen und der Standort Schweiz insgesamt.

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Hat sich die politische Tätigkeit in den letzten Jahren nicht so stark professionalisiert, dass sie faktisch zu einem Vollzeitjob geworden ist?
Nein. Selbstverständlich sind die Anforderungen gestiegen. Aber die Synergien, die man nutzen kann, ermöglichen auch neue Möglichkeiten, beispielsweise ein Arbeiten dank der Digitalisierung, auch wenn man unterwegs ist. Wichtig ist, dass man bereit ist, die Extrameile zu gehen und sowohl in der Politik als auch im Beruf 100 Prozent Einsatz zu leisten. Das Milizsystem muss erhalten bleiben, und ich bin überzeugt, dass es auch in Zukunft funktionieren kann, wenn wir den Fokus darauflegen, dass die Menschen im Zentrum der Politik stehen.

Welche Anpassungen bräuchte es denn, damit wieder mehr Privatwirtschaftler bereit sind, ein politisches Amt zu übernehmen?
Es braucht effizientere Strukturen in der Politik und umgekehrt mehr Respekt von der Wirtschaft für das Milizsystem. Politik muss besser mit dem Berufsalltag vereinbar sein, sprich: Man könnte die Sitzungen früher beginnen, die Mittagszeiten verkürzen und den Abend etwas verlängern. Ebenfalls könnte man die Entlöhnung der Politiker senken, um den Anreiz für einen Job in der Wirtschaft wieder zu erhöhen. Wichtig ist: Politisches Engagement ist nicht einfach ein Hobby, sondern ein wichtiger Beitrag für unser Land. Entscheidend ist auch, dass wieder mehr echte Berufserfahrung in die Politik kommt. Deshalb braucht es Vorbilder, die zeigen, dass beides möglich ist: Verantwortung im Unternehmen und Verantwortung in der Politik zu übernehmen.

«Politik kann man nicht lernen, Politik muss man machen.»

Und wie sieht es mit dem politischen Nachwuchs aus: Wie kann man wieder mehr junge Menschen für ein politisches Engagement gewinnen?
Indem man ihnen zeigt, dass Politik konkret etwas bewirken kann. Viele Junge wollen Verantwortung übernehmen, aber sie müssen sehen, dass ihr Einsatz zählt und geschäftlich honoriert wird. Wichtig ist, dass für junge Leute beide Entwicklungen parallel möglich sind: eine erfolgreiche Entwicklung im Beruf, aber auch in der Politik. Wir Unternehmer müssen junge Talente, die mehr leisten wollen, fördern und ihnen keine Steine in den Weg legen. Ich sehe es auch als meine Aufgabe, diese Perspektive vorzuleben und junge Leute zu ermutigen, den Schritt in die Politik zu wagen. Politik kann man nicht lernen, Politik muss man machen.

Haben Sie den Eindruck, dass sich Politik und Privatwirtschaft in der Schweiz zunehmend voneinander entfernen?
Teilweise ja – und das ist keine gute Entwicklung. Oft fehlt das Verständnis füreinander. Dabei brauchen sich beide Seiten. Wer beide Welten kennt, kann Brücken bauen. Diese Verbindung ist entscheidend für gute, pragmatische Lösungen. Zudem stelle ich fest, dass in Exekutivämtern oftmals die Führungserfahrung fehlt. Die Konsequenzen sind Unstimmigkeiten, personelle Fehlentscheide oder eine Verwaltung, die eine eigene politische Agenda entwickelt. Hier braucht es mehr Führungskompetenz aus der Praxis, also Menschen, die Verantwortung gewohnt und bereit sind, schwierige Entscheide zu treffen und diese auch zu vertreten.

Unternehmertag Vaduz  Mattes Films  

Welche Kompromisse müssen Sie heute schon eingehen und welche erwarten Sie, wenn Sie Vater sind?
Spontanität ist heute schon selten. Vieles ist durchgeplant, und private Zeit muss man sich bewusst nehmen. Mit der Familie wird der Fokus noch klarer. Ich kann nicht alles machen – und das ist auch gut so. Entscheidend ist, dass man dort, wo man ist, wirklich präsent ist und vollen Einsatz gibt. Mit meiner Frau ist geplant, dass wir nach der Geburt unseres Kindes einmal pro Monat einen Abend zu zweit geniessen – an dieser Stelle danke ich den Grosseltern für die Betreuung (lacht).

Zum Schluss: Welche Wünsche haben Sie an das politische System der Schweiz?
Mehr Praxis, weniger Theorie; mehr Unternehmer, weniger Berufspolitiker. Und mehr Fokus: weniger Bürokratie, mehr Eigenverantwortung und bessere Rahmenbedingungen. Wenn Politik und Wirtschaft enger zusammenarbeiten, bleibt die Schweiz auch in Zukunft erfolgreich. Mein persönliches Ziel ist es, diesen Brückenschlag vorzuleben – zwischen Unternehmertum, Exekutiverantwortung und Politik im Interesse der Bevölkerung.

Text: Stephan Ziegler

Bild: Rebekka Grossglauser

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