LEADER-Hauptausgabe

Wer übernimmt morgen noch Verantwortung?

Wer übernimmt morgen noch Verantwortung?
Jennifer Abderhalden,Fabian Giuliani,Martina Jucker, Daniel Bosshard, Ruedi Zbinden, Franziska Steiner-Kaufmann
Lesezeit: 6 Minuten

Die Schweizer Demokratie lebt vom Milizprinzip. Auf allen politischen Ebenen engagieren sich Bürger neben Beruf und Familie für öffentliche Ämter – in Gemeinderäten, Kantonsparlamenten oder im Bundeshaus. Dieses System sorgt dafür, dass politische Entscheide nahe an der Lebensrealität der Bevölkerung bleiben. Doch genau dieses Modell gerät zunehmend unter Druck. Viele Gemeinden haben Mühe, Kandidaten für Exekutivämter zu finden, Parteien suchen intensiver nach Nachwuchs, und die Belastung für Mandatsträger wächst spürbar.

Gleichzeitig zeigt sich ein scheinbarer Widerspruch: Politische Themen sind präsent wie selten zuvor, sei es in sozialen Medien, in öffentlichen Debatten oder im Alltag. Doch die Bereitschaft, selbst Verantwortung zu übernehmen, ist weniger selbstverständlich geworden. Besonders herausfordernd bleibt es für Parteien, junge Menschen nicht nur zu interessieren, sondern sie auch langfristig an ein politisches Engagement zu binden.

Was also tun gegen politische Abstinenz? Und wie lässt sich das Milizsystem stärken, ohne seine Grundidee aufzugeben? Der LEADER hat sich bei Ostschweizer Parteien umgehört, welche Ansätze sie sehen, um Nachwuchs zu gewinnen und das System zukunftsfähig zu halten.

Auf den ersten Blick wirkt die Situation stabil

«Mit 3300 Mitgliedern haben wir kantonsweit eine gute Personaldecke», sagt Ruedi Zbinden von der SVP Thurgau. Solche Zahlen vermitteln Kontinuität. Doch sie erzählen nur einen Teil der Realität. Denn genügend Mitglieder bedeuten nicht automatisch, dass sich auch genügend Menschen aktiv für politische Ämter zur Verfügung stellen. Die Differenz zwischen Mitgliedschaft und tatsächlichem Engagement wird grösser.

Diese Erfahrung teilt auch Franziska Steiner-Kaufmann von der Mitte im Kanton St.Gallen. Zwar gelinge es weiterhin, «qualifizierte und gute Kandidatinnen und Kandidaten für politische Ämter zu finden und aufzustellen, die auch gewählt werden». Gleichzeitig stellt sie fest, dass «die Bereitschaft, in einer politischen Partei Verantwortung zu übernehmen, nicht gestiegen ist». Das System funktioniert noch, aber es trägt sich nicht mehr von selbst. Es braucht mehr Aufwand, mehr Überzeugungsarbeit und mehr Begleitung als früher.

Noch deutlicher formuliert es Martina Jucker von der SP Appenzell Ausserrhoden: «Es ist eine grosse Herausforderung.» Die Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten ist aufwendiger geworden, der Pool kleiner, die Ansprache intensiver. Parteien müssen heute stärker erklären, motivieren und unterstützen, um Menschen für politische Aufgaben zu gewinnen.

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Eine ähnliche Einschätzung vertritt Fabian Giuliani von den St.Galler Grünliberalen. Besonders auf kommunaler Ebene sei es anspruchsvoll, genügend Kandidatinnen und Kandidaten zu finden. «Hier stossen wir teilweise an unsere Grenzen», sagt er. Gleichzeitig gelinge es den Regionalparteien immer wieder, Kandidaturen zu platzieren. Entscheidend sei, politische Mandate als Chance zu vermitteln und Interessierte frühzeitig persönlich zu begleiten. «Wer sich engagieren möchte, soll nicht allein gelassen werden.»

Einen strukturierten Zugang beschreibt Jennifer Abderhalden von der FDP Appenzell Ausserrhoden. «Die Situation ist bei uns aktuell stabil, aber nicht selbstverständlich», sagt sie. Entscheidend sei der kontinuierliche Kontakt zu den eigenen Mitgliedern. «Wir sprechen aktiv an, wer Interesse an einem politischen Amt hat, und halten diese Rückmeldungen systematisch fest.» Politik beginnt damit nicht erst im Wahlkampf, sondern im persönlichen Gespräch und in der langfristigen Beziehungspflege.

Auch bei den Grünen zeigt sich ein ähnliches Bild – allerdings mit regionalen Unterschieden. Daniel Bosshard von den St.Galler Grünen sagt: «Für Wahlen wie beispielsweise Kantonsratswahlen finden wir in der Regel genügend Kandidatinnen und Kandidaten.» In ländlichen Wahlkreisen sei die Ausgangslage jedoch anspruchsvoller, da dort weniger Mitglieder zur Verfügung stehen. Entsprechend kleiner ist auch der Pool möglicher Kandidatinnen und Kandidaten. Gleichzeitig lege seine Partei grossen Wert auf ausgewogene Listen. «Erfahrungsgemäss braucht es bei Frauen oft etwas mehr Überzeugungsarbeit», so Bosshard.

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«Das System funktioniert noch, aber es trägt sich nicht mehr von selbst.»

Diese direkte, persönliche Ansprache zieht sich durch alle Parteien

Es ist weniger der Parteiapparat, der neue Leute gewinnt, sondern das persönliche Umfeld, das Engagement einzelner und das direkte Gespräch. «Die jungen Leute für die Politik begeistern, indem man sie zu Anlässen einlädt», sagt Zbinden. Auch Abderhalden hält fest: «Zentral sind das persönliche Ansprechen und das Vorleben des Engagements.»

Auch die Grünliberalen setzen stark auf Nachwuchsarbeit. «Unsere Jungpartei ist ein zentrales Vehikel zur Mobilisierung», erklärt Giuliani. Gerade bei Themen wie Umwelt- und Energiepolitik zeige sich, dass junge Menschen durchaus Interesse hätten – dieses müsse jedoch gezielt aufgenommen und in Engagement überführt werden.

Bei den Grünen spielt zudem die Nachwuchsarbeit eine zentrale Rolle. «Die Junge Grüne Kanton St.Gallen übernimmt einen wichtigen Teil der Nachwuchsarbeit und erleichtert jungen Menschen den Einstieg in die Politik», erklärt Bosshard. Der Übergang in die Mutterpartei erfolgt oft fliessend. Gleichzeitig engagieren sich Mandatsträger regelmässig an Schulen, nehmen an Podien teil und treten so direkt mit jungen Menschen in Kontakt.

Die SP setzt zusätzlich auf politische Bildung und Offenheit. «Veranstaltungen auch für Nicht-Parteimitglieder öffnen und versuchen, sie für jüngere Leute attraktiv zu machen», sagt Jucker. Die Mitte setzt auf konkrete Mehrwerte. «Für junge Menschen bieten wir attraktive Weiterbildungs- und Netzwerkformate an», erklärt Steiner-Kaufmann. Politisches Engagement wird so auch als persönliche Entwicklungschance positioniert.

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Trotz dieser Bemühungen bleibt ein Spannungsfeld bestehen

Das Interesse an Politik ist durchaus vorhanden, doch die Bindung an Parteien nimmt ab. «Viele engagieren sich themenspezifisch, haben aber Mühe, sich klar einer Partei zuzuordnen», sagt Abderhalden. Klassische Parteibindungen verlieren an Bedeutung, während projektbezogenes Engagement zunimmt. Jucker spricht von einem gemischten Bild: «Es gibt viele jüngere Leute, die politisch sehr wach und interessiert sind, aber natürlich auch das Gegenteil.»

Auch Giuliani beobachtet dieses Muster. Engagement finde heute häufiger punktuell und projektbezogen statt. «Gerade junge Menschen möchten sich flexibel engagieren, statt sich langfristig zu binden», sagt er. Diese Entwicklung sei nicht nur in der Politik, sondern auch in Vereinen oder anderen Organisationen sichtbar.

Daniel Bosshard beobachtet gleichzeitig ein wachsendes Interesse, insbesondere bei jüngeren Menschen. Themen wie Klimawandel, gesellschaftliche Fragen oder internationale Konflikte bewegen viele und können ein Einstieg in die Politik sein. Allerdings führt dieses Interesse nicht automatisch zu einer langfristigen Bindung an eine Partei.

Franziska Steiner-Kaufmann ergänzt eine weitere Perspektive: Junge Menschen seien über die sozialen Medien «oft näher an internationalen Ereignissen als an nationaler und kantonaler Politik», gleichzeitig oder auch deshalb wachse aber «der Wunsch nach stabilen politischen Verhältnissen». Politik wird globaler wahrgenommen, während die lokale Verankerung an Bedeutung verliert.

«Wer sich engagieren möchte, soll nicht allein gelassen werden.»

Ein zentraler Grund für diese Entwicklung liegt in den veränderten Lebensrealitäten

«Das Umfeld in Beruf und Familie hat sich verändert, dadurch fehlt vielen die Zeit», sagt Ruedi Zbinden. Auch Fabian Giuliani sieht hier eine zentrale Herausforderung. Politisches Engagement müsse mit Beruf und Familie vereinbar bleiben. Gleichzeitig brauche es Verständnis dafür, dass dieses Engagement nicht immer oberste Priorität haben könne.

Jennifer Abderhalden beschreibt dies als strukturellen Wandel. «Politisches Engagement wird stärker phasenabhängig, weniger eine Frage des Wollens als der verfügbaren Ressourcen.»

Hinzu kommt ein veränderter gesellschaftlicher Umgangston. «Die Bereitschaft hat sich aufgrund der wachsenden Anforderungen und der ständigen Beobachtung, insbesondere auf Social Media, eher verringert», sagt Martina Jucker.

Trotz dieser Entwicklungen stellt keine der Parteien das Milizsystem grundsätzlich infrage. Für die Mitte ist es «eine der tragenden Säulen unseres Landes», für die SVP «das Erfolgsrezept».

Auch die Grünliberalen sehen im Milizsystem weiterhin eine zentrale Stärke. «Es sorgt dafür, dass Politik nahe am Alltag der Bevölkerung bleibt», sagt Giuliani. Eine zu starke Professionalisierung berge dagegen das Risiko einer politischen Parallelgesellschaft.

Ein entscheidender Schlüssel liegt ausserhalb der Politik – in der Wirtschaft

«Ein weitsichtiger Unternehmer weiss, dass Mitarbeiter, die sich in einem öffentlichen Amt engagieren, auch für den Betrieb ein Gewinn sind», sagt Zbinden. Politische Erfahrung stärke Kompetenzen wie Führung, Verhandlung und Entscheidungsfähigkeit.

Am Ende verdichten sich die Einschätzungen zu einer grundlegenden Erkenntnis: Das Milizsystem ist weniger eine Frage der Strukturen als der Rahmenbedingungen. Parteien können motivieren, begleiten und Strukturen schaffen. Doch ohne Unterstützung aus Wirtschaft und Gesellschaft stösst das System an Grenzen.

«Die Differenz zwischen Mitgliedschaft und Engagement wird grösser.»

Text: Stephan Ziegler

Bild: zVg

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