Gast-Kommentar

Warum die Physiotherapie in der Ostschweiz an einem Wendepunkt steht

Warum die Physiotherapie in der Ostschweiz an einem Wendepunkt steht
Philipp Peter ist Inhaber der Physiotherapie Aveo GmbH und der Noru Medical GmbH sowie Vorstandsmitglied des Regionalverbands Physioswiss St.Gallen–Appenzell
Lesezeit: 5 Minuten

Die Physiotherapie sieht sich in der Ostschweiz mit tiefgreifenden Veränderungen konfrontiert: wissenschaftliche Anforderungen steigen, der Fachkräftemangel verschärft sich, Tarifstrukturen geraten an ihre Grenzen und das Gesundheitsgesetz wird revidiert. Philipp Peter ordnet diese Entwicklungen ein, zeigt Herausforderungen auf und macht deutlich, welche Chancen sich für einen Berufsstand ergeben, der sich neu positionieren muss.

Text: Philipp Peter

Die Physiotherapie in der Ostschweiz steht an einem entscheidenden Wendepunkt. Selten zuvor war der Berufsstand gleichzeitig mit so vielen strukturellen, fachlichen und gesundheitspolitischen Veränderungen konfrontiert.

Als Unternehmer, Physiotherapeut und langjähriger Verbandsvertreter erlebe ich diesen Wandel täglich aus unterschiedlichen Perspektiven: im Praxisalltag mit über 50 Mitarbeitern, in der standespolitischen Arbeit sowie in der Planung und Umsetzung moderner Physiotherapiepraxen. Eines ist klar: Die Physiotherapie befindet sich im Umbruch – und dieser Umbruch birgt grosse Chancen.

Zwischen Tradition und Wissenschaft: Die Identität der Physiotherapie

Ein zentrales Spannungsfeld, das die Physiotherapie aktuell prägt, ist der Spagat zwischen traditionellen Werten und einer wissenschaftsbasierten Herangehensweise. Über Jahrzehnte hinweg waren manuelle Techniken ein prägendes Element unseres Berufsbildes. Sie haben ihre Berechtigung und sind – richtig eingesetzt – nach wie vor ein wichtiges Werkzeug in der physiotherapeutischen Behandlung.

Gleichzeitig hat sich das Wissen in den Bewegungs- und Gesundheitswissenschaften in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Evidenzbasierte Medizin, klinische Studien und systematische Leitlinien liefern wertvolle Erkenntnisse darüber, welche Interventionen wirksam sind und unter welchen Bedingungen sie den grössten Nutzen entfalten. Für mich steht ausser Frage: Die Basis der Physiotherapie muss auf fundierten wissenschaftlichen Daten beruhen.

Doch das allein reicht nicht aus. Physiotherapie ist keine standardisierte Industrieleistung. Im Zentrum unserer Bemühungen steht der Mensch. Es gibt keinen allgemeingültigen Blueprint für «die richtige Therapie». Jeder Patient bringt individuelle Voraussetzungen, Ressourcen, Erwartungen und Lebensumstände mit. Die grosse Herausforderung – und gleichzeitig die Stärke unseres Berufs – liegt darin, wissenschaftliche Erkenntnisse patientenorientiert und situationsgerecht einzusetzen.

Dabei ist mir ein Punkt besonders wichtig: Die Physiotherapie darf kein Selbstbedienungsladen sein. Unser Ziel darf nicht sein, Patienten langfristig an uns zu binden, sondern sie zu befähigen. Wir müssen ihnen Mittel und Wege vermitteln, um selbstständig und nachhaltig mit ihren körperlichen Beschwerden umzugehen. Eine Abhängigkeit von einem Therapeuten widerspricht dem Gedanken der Selbstwirksamkeit wie auch einem modernen, verantwortungsvollen Gesundheitsverständnis.

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Fachkräftemangel: Herausforderungen erkennen, Chancen nutzen

Der Fachkräftemangel ist längst auch in der Physiotherapie angekommen. In vielen Regionen der Schweiz – so auch in der Ostschweiz – ist es zunehmend schwierig, qualifiziertes Personal zu finden. Umso wichtiger ist es, dass Politik, Verwaltung und Berufsverbände gemeinsam nach Lösungen suchen.

Der Kanton St. Gallen hat bereits vor der Einführung des neuen Gesundheitsgesetzes mit der Überbrückungsbewilligung einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Das Gesundheitsdepartement hat die Bedürfnisse der Physiotherapie erkannt und die von Physioswiss eingebrachten Anliegen ernst genommen. Diese pragmatische Haltung ist ein starkes Signal für den Stellenwert unseres Berufs.

Besonders positiv bewerte ich den vor fünf Jahren gestarteten Physiotherapie-Studiengang an der OST – Ostschweizer Fachhochschule. Er stellt einen Meilenstein für die regionale Nachwuchsförderung dar und trägt wesentlich zur langfristigen Sicherung der Versorgung bei.

Hervorzuheben ist dabei der inhaltliche Fokus des Studiengangs, der sich bewusst von anderen Ausbildungsangeboten unterscheidet. Themen wie mentale Gesundheit, Bewegung und Training als Medizin sowie der professionelle Umgang mit chronischen Schmerzpatienten stehen im Zentrum.

Unter der Leitung von Emanuel Brunner setzt die Ausbildung hier Akzente, die wir dringend benötigen. Diese Ausrichtung ist aus meiner Sicht zukunftsweisend. Aufgrund der demografischen und epidemiologischen Entwicklung ist davon auszugehen, dass chronische Erkrankungen, psychische Belastungen und komplexe Schmerzsyndrome weiter zunehmen werden. Die Physiotherapie muss auf diese Realität vorbereitet sein – fachlich, strukturell und interdisziplinär.

Tarifverhandlungen: Ein System am Limit

Seit vielen Jahren befindet sich die Physiotherapie in einem intensiven Dialog über ihre Tarifstruktur. Die aktuelle Situation ist unbefriedigend – für Leistungserbringer ebenso wie für Krankenkassen. Unsere Tarife basieren auf rechnerischen Grundlagen, die über 25 Jahre alt sind, und bilden die heutigen physiotherapeutischen Leistungen nur unzureichend ab.

Bis heute können in der Physiotherapie keine administrativen Leistungen verrechnet werden, obwohl der administrative Aufwand stetig zunimmt. Dokumentation, Koordination, interprofessionelle Zusammenarbeit und Qualitätssicherung sind integrale Bestandteile unserer Arbeit, bleiben jedoch tariflich unberücksichtigt.

Nun zeichnet sich erstmals seit Langem eine substanzielle Veränderung ab: Eine neue Tarifstruktur tritt voraussichtlich 2027 in Kraft. Dieser Schritt ist dringend notwendig und zu begrüssen. Eine moderne Struktur kann zu mehr Transparenz bei der Erfassung und Abrechnung physiotherapeutischer und administrativer Leistungen führen und den tatsächlichen Arbeitsaufwand realistischer abbilden.

Allerdings ist die Tarifstruktur nur eine Seite der Medaille. Die andere – und ebenso entscheidende – ist die Entschädigung der erbrachten Leistungen. In dieser Frage sind die Fronten zwischen Leistungserbringern und Krankenkassen weiterhin verhärtet. Da auf nationaler Ebene keine Einigung erzielt werden konnte, liegt die Festsetzung der Entschädigungshöhe (Taxpunktwert) nun bei den Kantonen.

Wie diese Verantwortung wahrgenommen wird, wird massgeblich darüber entscheiden, ob die neue Tarifstruktur tatsächlich zu einer Verbesserung der Rahmenbedingungen führt. Es ist eine Chance für die Ostschweizer Kantone, die Bedeutung der Physiotherapie durch eine faire Wertschätzung zu untermauern.

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Totalrevision des Gesundheitsgesetzes: Eine historische Chance

In der Totalrevision des kantonalen Gesundheitsgesetzes sehe ich eine grosse Chance für die Physiotherapie in der Ostschweiz. Physiotherapeuten verfügen über fundiertes Wissen und vielfältige Kompetenzen, die weit über die klassische Einzelbehandlung hinausgehen.

Insbesondere in den Bereichen Prävention und Gesundheitsförderung liegt enormes Potenzial. Frühzeitige Interventionen, Bewegungskonzepte und edukative Angebote können dazu beitragen, Erkrankungen zu verhindern oder deren Verlauf positiv zu beeinflussen. Auch im betrieblichen Gesundheitsmanagement können Physiotherapeuten eine zentrale Rolle übernehmen, etwa bei der Reduktion von arbeitsbedingten Beschwerden und Fehlzeiten.

Darüber hinaus sehe ich grosse Möglichkeiten in der Kurativversorgung und in der Arbeitswiedereingliederung. Die Physiotherapie kann als Bindeglied zwischen medizinischer Behandlung, Rehabilitation und beruflicher Reintegration wirken. Voraussetzung dafür ist, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen diese erweiterten Rollen zulassen und fördern.

Ein Berufsstand mit Zukunft

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die Entwicklung der Physiotherapie in der Ostschweiz ist insgesamt positiv. Es gibt politische Unterstützung, innovative Ausbildungsangebote und konkrete Reformprojekte. Doch diese Chancen müssen aktiv genutzt werden.

Die Physiotherapie muss sich ihrer aktuellen und zukünftigen Rolle im Gesundheitssystem bewusst sein. Sie muss weiter daran arbeiten, ihre eigenen Standards kontinuierlich zu verbessern, Qualität transparent zu machen und Verantwortung zu übernehmen. Nur wenn wir den hohen Stellenwert, den wir für uns beanspruchen, durch Kompetenz, Professionalität und Selbstreflexion untermauern, können wir der damit verbundenen Verantwortung gerecht werden.

Wir sind vom passiven «Behandelt-werden» auf dem Weg zum aktiven «Gesundwerden». Das ist nicht nur gut für unsere Patienten, sondern essenziell für ein bezahlbares und effizientes Gesundheitssystem.

Der Wandel ist da. Es liegt an uns, ihn mitzugestalten.

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