Selber denken bleibt ein Wettbewerbsvorteil
Text: pd/stz.
Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt in hohem Tempo. Sie analysiert Daten, erkennt Muster und übernimmt Aufgaben, die früher viel Zeit beanspruchten. Doch dort, wo Unternehmen vor komplexen Entscheidungen stehen, bleibt der Mensch unverzichtbar. Diese Botschaft stand im Zentrum der beiden Dialoganlässe der IV-Stelle St.Gallen in Flums und Gossau. Unter dem Titel «Selber denken oder denken lassen?» erhielten die Gäste Impulse zu KI, Arbeit, Gesundheit und beruflicher Integration.
Gastreferent Henning Beck nahm das Publikum mit auf eine anschauliche Reise durch das menschliche Denken. Der Neurowissenschaftler erklärte, weshalb der Mensch einer künstlichen Intelligenz in entscheidenden Punkten überlegen bleibt. KI erkenne einen Stuhl an Merkmalen wie vier Beinen und einer Sitzfläche. Menschen hingegen verstehen die Funktion: Ein Stuhl ist ein Gegenstand, auf dem man sitzen kann. Genau dieses Denken in Konzepten mache menschliche Intelligenz so stark.
Eine zentrale Rolle spielen für Beck auch Fehler. Was in Unternehmen oft als Störung betrachtet wird, ist aus neurowissenschaftlicher Sicht ein wichtiger Bestandteil des Lernens. Menschen probieren aus, testen Hypothesen, scheitern, korrigieren sich und finden dadurch neue Wege. Fehler zeigen Abweichungen auf, machen Zusammenhänge sichtbar und fördern kreative Lösungen. Damit werden sie zu einem Vorteil gegenüber einer künstlichen Intelligenz, die vor allem auf vorhandenen Daten, Mustern und Wahrscheinlichkeiten aufbaut.
Für die Unternehmen bedeutet das: KI nicht zu nutzen, ist keine Option. Diese Einschätzung teilte auch Patrick Scheiwiller, Leiter der IV-Stelle St.Gallen. Eine spontane Umfrage im Publikum zeigte, dass eine Mehrheit den Einsatz von künstlicher Intelligenz im Unternehmen als Entlastung betrachtet. Gleichzeitig dürfe der Blick nicht allein auf Produktivität gerichtet sein. Arbeitgeber tragen auch Verantwortung für gesunde Arbeitsbedingungen und für Mitarbeiter, deren Leistungsfähigkeit zeitweise eingeschränkt ist.
Genau hier setzt die Arbeit der IV-Stelle an. Patrick Scheiwiller zeigte anhand aktueller Zahlen, welche Bedeutung die berufliche Integration hat. Im vergangenen Jahr gelang es, 1438 Personen in die Arbeitsfähigkeit zurückzuführen und nachhaltige Lösungen zu finden. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch, der wieder eine Perspektive im Arbeitsleben erhalten hat. Zugleich profitieren auch Unternehmen, weil Know-how erhalten bleibt und Ausfälle reduziert werden können.
Dass in der Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern, Arbeitnehmern, Ärzten und der IV-Stelle weiteres Potenzial liegt, machte Michael Rimle, Leiter berufliche Integration der IV-Stelle, deutlich. Er stellte das neu geschaffene Tool reWork-Profil vor. Es soll die Kommunikation zwischen den Beteiligten wesentlich erleichtern und dazu beitragen, Menschen vollständig oder teilweise im Arbeitsprozess zu halten oder wieder einzugliedern.
Der Ansatz ist pragmatisch: Im Zentrum stehen nicht die Einschränkungen, sondern die noch vorhandenen Ressourcen. Diese werden sichtbar gemacht und gezielt genutzt. Für Arbeitgeber entsteht dadurch eine bessere Grundlage, um Aufgaben anzupassen, Einsatzmöglichkeiten zu prüfen und Lösungen zu finden, die für beide Seiten tragfähig sind. Für Arbeitnehmer ist es zugleich ein wichtiges Signal, dass sie weiterhin gebraucht werden und ihr Beitrag im Unternehmen zählt.