Ringwald erklärt, weshalb AI gute Daten und Resilienz braucht
Text: pd/stz.
AI entwickelt sich rasant. Laufend kommen neue Modelle, Plattformen und Anwendungen auf den Markt. Unternehmen stehen deshalb vor einer schwierigen Entscheidung: Welche Technologien sollen sie selbst entwickeln, welche früh übernehmen – und wann ist bewusstes Abwarten die bessere Strategie?
Fabian Ringwald bewegt sich seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Technologie, Strategie und Unternehmensführung. Sein beruflicher Weg führte ihn von der Energiebranche über die Logistik bis ins Gesundheitswesen. Heute verantwortet er als CIO und Geschäftsleitungsmitglied von SWICA die technologische Weiterentwicklung des Krankenversicherers.
Technologie ist für Ringwald kein Selbstzweck. Sie soll Menschen unterstützen, Abläufe verbessern und einen konkreten Beitrag zum Unternehmen und zur Gesellschaft leisten. Gerade im Gesundheitswesen trifft dabei eine stark regulierte und auf Verlässlichkeit angewiesene Branche auf digitale Werkzeuge, die sich immer schneller verändern.
Daten bilden das Fundament
Als Ringwald zu SWICA stiess, wurde rasch deutlich, welche zentrale Rolle Daten in einer Versicherung spielen. Neben Menschen und Kapital ist die Informatik ein entscheidender Produktionsfaktor – und diese wird wiederum von Daten angetrieben.
SWICA setzte deshalb früh auf einen Data-Mesh-Ansatz. Daten sollen nicht ausschliesslich von einem zentralen Spezialistenteam aufbereitet werden. Stattdessen erhalten die Fachbereiche Zugang zu verlässlichen Datenprodukten und können daraus selbst Informationen und Entscheidungsgrundlagen gewinnen.
Was zunächst eine langfristige strategische Wette war, erweist sich mit dem Aufstieg generativer AI als wichtiger Vorteil. Denn leistungsfähige AI-Anwendungen benötigen verfügbare, verständliche und qualitativ hochwertige Daten. Die Voraussetzungen für einen sinnvollen AI-Einsatz entstehen somit häufig Jahre vor der Einführung des ersten konkreten Tools.
Experimente dürfen scheitern
Die AI-Reise von SWICA verlief dennoch nicht geradlinig. Bereits vor dem öffentlichen Durchbruch von ChatGPT experimentierte das Unternehmen gemeinsam mit einem Technologiepartner mit generativer AI. Ein Beratungsgespräch sollte automatisch transkribiert und anschliessend zusammengefasst werden.
Während die Transkription überzeugte, interpretierte oder ergänzte die AI einzelne Inhalte bei der Zusammenfassung falsch. Für ein Dokument, das direkt an Kunden weitergegeben werden sollte, war die notwendige Verlässlichkeit damit nicht gegeben. SWICA beendete das Experiment.
Für Ringwald gehört dieser Entscheid zu einer glaubwürdigen Innovationskultur. «Kill your Darlings» bedeutet, eine Idee nicht allein deshalb weiterzuverfolgen, weil bereits Zeit, Geld und Begeisterung investiert wurden. Innovation heisst nicht nur, Neues zu beginnen, sondern bisweilen auch, ein Projekt konsequent zu stoppen.
Smart Fast Follower statt Innovation um jeden Preis
Diese Erfahrung prägt die Technologiestrategie von SWICA. Der Krankenversicherer versteht sich nicht als Technologieproduzent, sondern als intelligenter und schneller Anwender. Statt bei jeder Entwicklung der Erste sein zu wollen, verfolgt das Unternehmen eine Smart-Fast-Follower-Strategie.
Entscheidend ist dabei das «smart»: Eine Technologie soll ausreichend ausgereift sein, ohne dass das Unternehmen so lange wartet, bis die wichtigsten Chancen vergeben sind. Für Ringwald kann es sinnvoller sein, der dritte oder vierte Kunde einer neuen Lösung zu sein. So profitiert SWICA von ersten Markterfahrungen, ohne den Anschluss zu verlieren.
Damit lässt sich auch ein verbreitetes Risiko vermeiden: Unternehmen investieren hohe Summen in Eigenentwicklungen, die sie später dauerhaft pflegen müssen. Gleichzeitig entwickeln spezialisierte Anbieter ihre Produkte weiter und bringen Lösungen auf den Markt, die funktional ausgereifter und wirtschaftlich attraktiver sind. Wer dann nur noch zum Schutz früherer Investitionen an der eigenen Lösung festhält, schafft technologische Altlasten.
Resilienz ist wichtiger als Unabhängigkeit
Im Gespräch thematisieren Zürrer und Ringwald auch die Abhängigkeit von internationalen Technologieanbietern und Hyperscalern. Der oft verwendete Begriff der digitalen Souveränität greift für den SWICA-CIO zu kurz. Eine vollständige technologische Unabhängigkeit sei kaum realistisch – Abhängigkeiten habe es schliesslich bereits lange vor der Cloud gegeben.
Wichtiger ist, dass Unternehmen ihre Abhängigkeiten kennen, die damit verbundenen Risiken einschätzen und sich konkrete Handlungsoptionen erhalten. Ringwald bringt es auf den Punkt: «Ich glaube, was wir wirklich brauchen, ist nicht Souveränität, sondern Resilienz.»
Dazu gehört etwa die Fähigkeit, bei einem Wechsel des Cloud-Anbieters innerhalb einer vertretbaren Frist wieder auf die eigenen Daten zugreifen und diese weiterverwenden zu können. Resilienz bedeutet somit nicht, auf globale Technologieanbieter zu verzichten, sondern bewusst und kontrolliert mit Abhängigkeiten umzugehen.
AI soll das Gesundheitswesen verbessern
Bei SWICA steht die technologische Transformation stets im Zusammenhang mit der Entwicklung des Gesundheitswesens. Ringwald beschreibt den Krankenversicherer als Treuhänder der Prämienzahler und als eine Art ökonomisches Gewissen innerhalb eines komplexen Systems.
Ein strategischer Ansatz ist dabei Value-Based Healthcare. Medizinische Leistungen sollen stärker danach beurteilt werden, welchen tatsächlichen Nutzen sie für Patienten schaffen. Bei chronisch erkrankten Menschen könnten Daten und strukturierte Abfragen beispielsweise helfen, besser zu erkennen, wann eine persönliche Konsultation tatsächlich notwendig ist.
Patienten vermeiden dadurch unnötige Wege und Wartezeiten, medizinische Fachpersonen können sich auf relevante Fälle konzentrieren und gleichzeitig lassen sich Kosten reduzieren. SWICA versteht sich dabei als ein Akteur in einem Gesundheitsökosystem, in dem Fortschritte nur gemeinsam mit Partnern möglich sind.
Führung muss gute Entscheidungen ermöglichen
Auch Führung verändert sich durch AI. Für Ringwald müssen Führungskräfte nicht auf jede Frage selbst die beste Antwort kennen. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen gute Entscheidungen dort getroffen werden können, wo das notwendige Wissen vorhanden ist.
Dazu gehört, AI nicht nur theoretisch zu beurteilen, sondern selbst damit zu arbeiten. Nur wer die Möglichkeiten und Grenzen der Technologie aus eigener Erfahrung kennt, kann ihre Auswirkungen auf Prozesse, Mitarbeiter und Kunden realistisch einschätzen.
In der Kundeninteraktion dürften AI Agents künftig vor allem einfache und wiederkehrende Anfragen übernehmen und rund um die Uhr Antworten liefern. Bei komplexen oder emotional belastenden Anliegen bleibt der persönliche Kontakt hingegen zentral. AI schafft Geschwindigkeit und Verfügbarkeit – Menschen bringen Empathie, Erfahrung und Kontext ein.
Das Gespräch mit Fabian Ringwald zeigt einen pragmatischen Weg zwischen Innovationsdruck und technologischer Zurückhaltung: Unternehmen brauchen gute Daten, den Mut zum Experiment und die Konsequenz, ungeeignete Lösungen wieder aufzugeben. Vor allem aber benötigen sie die Fähigkeit, auch unter veränderten technologischen und geopolitischen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.
Die fünfte Folge von «shift – Das Signal im Rauschen» ist ab sofort auf Spotify und YouTube verfügbar. Weitere Informationen finden sich auf der Podcastseite von Online und im ausführlichen Blogbeitrag.
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