Ostschweizer Wirtschaft behauptet sich im Gegenwind
Text: pd/stz.
Die Ostschweizer Unternehmen blicken auf ein turbulentes erstes Halbjahr 2026 zurück. Die schwache Nachfrage in wichtigen Absatzmärkten belastet insbesondere die exportorientierte Industrie. Hinzu kommen steigende Beschaffungskosten, längere Lieferfristen und eine anhaltend grosse handelspolitische Unsicherheit.
Trotz dieses schwierigen Umfelds hat sich die Geschäftslage in der Ostschweizer Wirtschaft zuletzt leicht verbessert. Sie liegt nun knapp im positiven Bereich. Der Stimmungsbarometer entwickelt sich dagegen seitwärts und verharrt unter seinem langfristigen Durchschnitt.
Iran-Krieg erschwert die Planung
Die Spannungen im Nahen Osten und die Blockade der Strasse von Hormus treiben die Preise für Rohmaterialien und Halbfabrikate nach oben. Gleichzeitig erschwert die unsichere Entwicklung der Beschaffungskosten die Planung der Unternehmen.
«In Zeiten wie diesen halten sich viele Unternehmen mit Investitionen zurück, mit Folgen für die in der Ostschweiz prominent vertretenen Hersteller von Maschinen und Ausrüstungsgütern», sagt Roman Elbel, Konjunkturexperte bei der St.Galler Kantonalbank.
Industrie- und Grosshandelsunternehmen rechnen vermehrt mit steigenden Einkaufspreisen. Diese können sie jedoch nur begrenzt an ihre Kunden weitergeben. Die Auswirkungen des Iran-Kriegs seien für die Firmen der Region deshalb noch längst nicht ausgestanden.
Deutschland bleibt ein Sorgenkind
Zusätzlich belastet die schwache Dynamik in wichtigen Absatzmärkten. Besonders angespannt bleibt die Situation in Deutschland, dem wichtigsten Handelspartner vieler Ostschweizer Unternehmen.
«Die deutsche Industrie hat sich zwar auf tiefem Niveau stabilisiert. Die Anzeichen eines Aufschwungs konzentrieren sich jedoch stark auf rüstungsnahe Bereiche und sind noch nicht selbsttragend», sagt Elbel. Auch die für zahlreiche Ostschweizer Zulieferbetriebe wichtige Automobilindustrie komme weiterhin nicht richtig in Schwung.
Ostschweizer Exporte in die USA brechen ein
Neue Belastungen bringt die amerikanische Handelspolitik. Seit dem 24. Juli 2026 gelten angepasste US-Zölle. Diese bewegen sich laut dem Konjunkturboard grundsätzlich im erwarteten Rahmen. Für viele Produkte der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie sind die Zölle sogar leicht gesunken.
Ein entscheidender Nachteil bleibt jedoch bestehen: Gegenüber Konkurrenten aus der Europäischen Union zahlen Schweizer Unternehmen einen um 2,5 Prozentpunkte höheren Zollsatz.
«Aus den laufenden Untersuchungen im Bereich der industriellen Überkapazitäten könnten weitere Zölle resultieren», warnt Albert Flak, Research Analyst bei der IHK St.Gallen-Appenzell. Die wiederholten Änderungen des Zollregimes verursachten zudem einen erheblichen administrativen Aufwand.
Die Folgen zeigen sich bereits in der Exportstatistik. Die Warenausfuhren aus der Ostschweiz gingen im ersten Halbjahr 2026 gegenüber der Vorjahresperiode um 3,6 Prozent zurück. Besonders stark brachen die Exporte in die USA ein: Sie lagen 19,3 Prozent unter dem Vorjahreswert. Unter Druck standen vor allem Ausfuhren der MEM-Industrie.
Erste Lichtblicke in der Industrie
Trotz des schwierigen Umfelds hellte sich die Stimmung in der Ostschweizer Industrie im Juli leicht auf. Die Branche beurteilt ihre Geschäftslage inzwischen wieder als knapp befriedigend.
Insbesondere Unternehmen aus der Elektronik- und Optikbranche sowie dem Maschinen- und Fahrzeugbau schätzten ihre Situation besser ein als noch im Frühling. Vier von zehn befragten Betrieben melden mehr Bestellungen, ein Drittel hat die Produktion gesteigert.
Diese Signale folgen allerdings auf eine lange und ausgeprägte Schwächephase. «Eine mögliche Erholung, selbst auf tiefem Niveau, muss sich erst noch bestätigen», sagt Elbel.
Die Kapazitätsauslastung und die Auftragsbestände bleiben niedrig. Besonders angespannt ist die Situation in der Metallindustrie. Dort berichtet seit April mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen über zu wenige Aufträge.
Binnenwirtschaft stabilisiert die Region
Wesentlich besser präsentiert sich die Lage in den binnenorientierten Branchen. Finanz- und Versicherungsunternehmen sowie der Grosshandel beurteilen ihre Geschäftslage als sehr gut.
Auch das Baugewerbe entwickelt sich weiterhin positiv. Es profitiert von den tiefen Zinsen und der anhaltend hohen Nachfrage nach neuem Wohnraum.
Im Gastgewerbe hat sich die Geschäftslage ebenfalls leicht verbessert. Die Zahl der Logiernächte blieb zwischen März und Juni gegenüber dem Vorjahreszeitraum nahezu unverändert. Der Rückgang bei Gästen aus Asien konnte durch Besucher aus der Schweiz und Europa kompensiert werden. Dank des schönen Wetters verläuft auch die Sommersaison gemäss den bisherigen Indikatoren erfreulich.
Konsumenten bleiben vorsichtig
Der Ostschweizer Detailhandel meldet eine befriedigende Geschäftslage und erwartet für die kommenden Monate eine stabile Entwicklung. Die Konsumentenstimmung bleibt allerdings verhalten.
Die als gering wahrgenommene Arbeitsplatzsicherheit und leicht gestiegene Preiserwartungen erhöhen die Sparneigung und bremsen den privaten Konsum. «Das Portemonnaie sitzt nicht mehr ganz so locker», sagt Flak. Dennoch sorge der Konsum weiterhin für positive Wachstumsimpulse.
Der regionale Arbeitsmarkt präsentiert sich insgesamt robust. Die Arbeitslosenquote liegt bei 2,1 Prozent und damit im langjährigen Durchschnitt. Zwar ist die Zahl der offenen Stellen zuletzt leicht zurückgegangen, die meisten Branchen erwarten in den kommenden drei Monaten aber eine stabile Beschäftigtenzahl.
Das Konjunkturboard Ostschweiz beurteilt quartalsweise die Entwicklung der regionalen Wirtschaft. Grundlage bilden regelmässige Unternehmensbefragungen in Zusammenarbeit mit dem KOF Institut der ETH Zürich sowie die Konsumentenbefragung des Staatssekretariats für Wirtschaft.
Getragen wird das Konjunkturboard von der IHK St.Gallen-Appenzell und der St.Galler Kantonalbank. Ergänzt wird das Gremium durch Vertreter der IHK Thurgau sowie der kantonalen Wirtschaftsämter von St.Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Thurgau.