Nackt zu neuem Job: RAV Frauenfeld startet radikales 50+-Programm
Text: pd/stz.
«Wer nicht auffällt, fällt raus» – Unter dem Titel «Visibility 50+» soll das Pilotprojekt Stellensuchende über 50 dazu ermutigen, «sichtbarer» zu werden, im wahrsten Sinne des Wortes. Auf dem Schild des Protagonisten steht in klarer Botschaft: «Alter Marketingsack sucht Stelle», darunter ein QR-Code, der direkt zu seinem LinkedIn-Profil führt.
Aus anonymen RAV-Kreisen heisst es, es gehe darum, eingefahrene Bewerbungsroutinen aufzubrechen. «Die klassische Bewerbung reicht heute bei weitem nicht mehr. Unsere Klienten müssen aus der Masse herausstechen, notfalls auch mal ohne Hemd. Marketing beginnt ja bekanntlich bei sich selbst.»
Kampf gegen Unsichtbarkeit
Tatsächlich werden viele Stellensuchende 50+ bei Bewerbungen aufgrund des Alters systematisch aussortiert. Absagen wegen «Überqualifikation», «fehlendem Cultural Fit» oder schlicht wegen des Alters sind keine Seltenheit. Der Mann beim Kreisel, ein Marketingspezialist, seit über einem Jahr auf Stellensuche, nimmt es mit Humor. Statt Frust zeigt er Selbstironie, Kreativität und digitales Know-how.
Wir wollten von dem Protagonisten M.W. wissen: «Gab es einen Moment, in dem Sie dachten: Vielleicht ist das keine so gute Idee?» M.W. antwortete: «Nur kurz, als der erste Bus mit Schülern vorbeifuhr. Aber dann habe ich mir gesagt: Wenn das RAV und Unternehmen junge und freche Kommunikation wollen, mache ich das genauso.»
Provokation mit Botschaft – was bleibt, ist ein Schmunzeln und ein Denkanstoss: Wie sichtbar muss man tatsächlich auf dem heutigen Arbeitsmarkt sein? Und braucht es wirklich immer lautere, schrillere Aktionen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, insbesondere bei den Ü50?
Das RAV Frauenfeld selbst hat sich offiziell zum Programm noch nicht geäussert. Doch eines ist sicher: Am Tower-Kreisel in Frauenfeld wurde gestern nicht nur der Verkehr ausgebremst, sondern auch aufgezeigt, wie weit man gehen muss, um mit 50+ noch einen Job zu finden.