GHG Riederenholz: 170 Jahre jung
Text: pd/stz.
Die GHG Riederenholz hat mit der Armen- und Waisenanstalt, die Pater Theodosius Florentini im Auftrag der Stadt St.Gallen 1856 gründete, nicht mehr wirklich etwas gemeinsam. Zwischen der damaligen «Anstalt» und dem heutigen familienergänzenden Angebot der GHG Riederenholz liegen Welten.
Historisch gewachsen
Pater Theodosius übergab die Führung der Armen- und Waisenanstalt den Ingenbohler Schwestern. Wie die meisten Heime im 19. Jahrhundert sollte sie die Gesellschaft entlasten und soziale Kontrolle gewährleisten: Kinder aus armen, «verwahrlosten» oder als moralisch gefährdet geltenden Familien sollten von der Gesellschaft ferngehalten und zu gehorsamen, arbeitsamen Menschen erzogen werden.
Die Angaben zur Heimgeschichte stützen sich auf die zwei Projektsites sozialgeschichte.ch der PHSG und kinderheime-schweiz.ch der Guido Fluri Stiftung.
1892 wurden Waisen- und Armenanstalt getrennt, 1929 von der Stadt übernommen. Die Waisenanstalt wurde 1948 zum «Städtischen Kinderheim Riederenholz». Anfang Oktober 1951 bezog es den Neubau an der Brauerstrasse.
Dieser ist auch heute, 75 Jahre später, noch das Zuhause von zwei Kinder-Wohngruppen. Die Wohngruppe für Jugendliche ist im ehemaligen Heimleiterhaus untergebracht. Die Armenanstalt, das spätere «Wohnheim für Betagte Riederenholz» (2022 geschlossen) blieb am ursprünglichen Standort an der Rorschacherstrasse.
Klarer Paradigmenwechsel
Die Heim-Philosophie und das Bild des arbeitenden Heimkindes waren bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet.
«Das war ein eigentliches Wegsperren. Seither fand ein klarer Paradigmenwechsel statt», erklärt Christoph Wiedemann, Institutionsleiter der GHG Riederenholz. «Heute sind wir ein familienergänzendes Angebot für Kinder und Jugendliche in besonderen Lebenslagen. Ein sicheres und verlässliches Umfeld, ein Ort, an dem sie sich nach ihren individuellen Bedürfnissen entfalten und sich auf ihr eigenständiges Leben vorbereiten können.»
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Einladung zum Tag der offenen Tür
Zum 170-Jahr-Jubiläum öffnet die GHG Riederenholz am Sonntag, 21. Juni 2026, ihre Türen an der Brauerstrasse 99 im Osten der Stadt St.Gallen von 10 bis 15 Uhr für alle Interessierten. Mit Attraktionen für die Kinder, Führungen und Gaumenfreuden für alle sowie einem festlichen Jubiläumsakt um 12 Uhr. Sie sind herzlich eingeladen!
1976 mussten die Ingenbohler Schwestern aus Mangel an Nachwuchs das Arbeitsverhältnis im Riederenholz per Frühjahr 1978 kündigen. Eine Expertenkommission der Stadt kam zum Schluss, das Heim sei weiterzuführen mit dem Auftrag, «schulpflichtige, normalbegabte, verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche aufzunehmen».
Die Neuausrichtung fiel in die Zeit eines schweizweiten Umdenkens im Heimwesen. Anfang der 70er-Jahre hatte eine Protestbewegung die repressiven Methoden in Erziehungsheimen angeprangert. Nach und nach fand ein Umdenken statt: vom Schutz der Gesellschaft zum Schutz der Kinder und Jugendlichen. Das öffnete Spielräume für individuelle Entfaltung und Förderung.
Ein Zukunftsprojekt
Die GHG plant auf dem Areal Riederenholz ein Zukunftsprojekt: je einen Neubau für die GHG CP-Schule und die GHG Riederenholz. Ihre beiden Sonderschulen (CP- und Heilpädagogische Schule) leiden an Platzmangel. Und in der GHG Riederenholz sollen die Kinder und Jugendlichen mit familiärem Charakter wohnen können. Der Neubau sieht deshalb für die einzelnen Wohngruppen je einzeln zugängliche (Reihen-)Häuser vor.
Mehr dazu auf ghg-riederenholz.ch/zukunftsprojekt
Die Gemeinnützige und Hilfs-Gesellschaft der Stadt St.Gallen GHG engagiert sich in der Region St.Gallen für über 2000 Menschen mit einem besonderen Betreuungs- und Unterstützungsbedarf. Sie bietet spezialisierte Angebote für Säuglinge, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, ältere Menschen und betreibt ein Brockenhaus.
Die GHG wurde 1816 gegründet und setzt sich seit jeher für ein selbstbestimmtes Leben und einen erfüllten Alltag der ihr anvertrauten Personen ein. Sie beschäftigt rund 840 Mitarbeitende in insgesamt 8 Institutionen.