Gast-Kommentar

Freiheit zur Selbstversklavung

Freiheit zur Selbstversklavung
Louis Grosjean
Lesezeit: 3 Minuten

Es gibt ein Missverständnis in unserer Gesellschaft: Wirst du Unternehmer, gewinnst du an Freiheit. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Diskurs von Louis Grosjean über Freiheit und Autonomie im Unternehmertum von der kritischen Seite.

Text: Louis Grosjean, Partner altrimo

Unternehmertum wird hierzulande zelebriert. Der Begriff ist mit vielen positiven Eigenschaften verbunden: Macher, Umsetzer, Visionär, und – in der romantischen Vorstellung vieler Mitmenschen – Freiheit. Doch dies ist eine Mär.

Freiheit und Autonomie

Freiheit hat in der zeitgenössischen Philosophie eine doppelte Bedeutung. Einerseits bedeutet sie die Abwesenheit von Zwang (negative Freiheit). Andererseits bedeutet sie das Vorhandensein möglichst vieler Optionen, um sein Leben zu führen oder ganz einfach sich im Alltag zu betätigen (positive Freiheit).

Das Wort Autonomie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Selbstbestimmung: die Möglichkeit, selber Normen zu setzen. Die deutsche Philosophin Monika Betzler schreibt der Autonomie einen moralischen Wert zu und verbindet damit zwei Vorteile. Zum einen den Wert, dass man nach den eigenen Zielen und Wünschen handelt. Zum anderen die Würde des moralischen Status als autonome Person und das Recht auf Achtung und Respekt.

Der Unternehmer ist zwar nicht frei …

Die meisten Arbeitsverträge sehen eine Kündigungsfrist von drei Monaten vor. Ein Mitarbeiter, dem es im Unternehmen nicht gefällt, kann jederzeit kündigen. Gewiss, er ist dann nicht sicher, eine andere Stelle zu finden. Aber beim heutigen, ausgetrockneten Arbeitsmarkt sind die Risiken gering – zumindest dann, wenn man eine gute Ausbildung hat und Praxiserfahrung gesammelt hat. Der Mitarbeiter ist frei, muss aber den Weisungen der Arbeitgeberin folgen und ist insofern nur eingeschränkt autonom.

Der Unternehmer ist alles andere als frei. Er identifiziert sich mit seinem Unternehmen. Verlässt er dieses, geht ein Teil seiner Identität verloren. Auch ist er mit seinem Kapital an das Unternehmen gebunden. Und meistens macht dieses Kapital einen wesentlichen Teil seines Vermögens aus. Klar, er könnte das Unternehmen verkaufen. Jedoch ist ein Unternehmensverkauf deutlich schwieriger und aufwendiger als der Wechsel einer Arbeitsstelle. Der Unternehmer ist viel mehr an sein Unternehmen gebunden als seine Mitarbeiter.

… jedoch einigermassen autonom

Was der Unternehmer hingegen hat – im Gegensatz zu seinen Mitarbeitern – ist ein höherer Grad an Autonomie. Er kann mehr Regeln setzen, als wenn er im Anstellungsverhältnis wäre. Der Unternehmer entscheidet über die Strategie: Soll das Unternehmen wachsen? Soll es hingegen überschaubar bleiben, damit ich nicht nur mit Führung, sondern auch mit meinem Beruf und mit den Kunden beschäftigt bin?

Aber komplett autonom ist der Unternehmer auch nicht. Es gibt unzählige faktische Vorgaben, die er nicht beeinflussen kann. Das Gesetz der Akquisition, zum Beispiel: Es reicht nicht, am Morgen ins Geschäft zu kommen und den ganzen Tag fleissig zu arbeiten. Der Unternehmer ist die erste Verkäuferin im Geschäft. Er muss sich um neue Kunden bemühen – und diese geben den Takt vor.

Auch der Markt gibt einiges vor: Geht die Inflation in die Achter-Bahn, muss er seine Löhne und seine Preise anpassen. Er muss hart mit den Lieferanten verhandeln. Die unternehmerische Autonomie im Alltag zu bewahren, ist ein harter Kampf.

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Freiheit zur Selbstversklavung

Ich habe einst einen humoristisch gemeinten Spruch gehört: «Die letzte Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe, ist zu heiraten.» Natürlich ist diese Aussage übertrieben. Aber auch der Unternehmer trifft eine grosse Entscheidung im Leben: diejenige, sich ins Unternehmertum zu stürzen. Von da an ist er gebunden. Er muss alles für sein Unternehmen geben. Unternehmertum mit Zurückhaltung geht nicht. Erfolg steht im Widerspruch zur Freiheit.

Die Freiheit, die der Unternehmer hat, ist diejenige der Selbstversklavung. Er kann höchstens versuchen – und soll es meiner Meinung nach –, so autonom wie möglich zu werden. Und bevor sich eine Person ins Unternehmertum stürzt, sollte sie sich gut überlegen: Will ich frei sein oder autonom?

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