Fiechter erklärt, wie Vitra mit AI Business-Nutzen schafft
Text: pd/stz.
Neue AI-Modelle, Werkzeuge und Anwendungsmöglichkeiten entstehen beinahe täglich. Für Unternehmen stellt sich deshalb weniger die Frage, was technologisch alles möglich ist, sondern welche Lösungen tatsächlich einen geschäftlichen Mehrwert schaffen. Gleichzeitig gilt es zu verhindern, dass aus der Begeisterung für neue Möglichkeiten ein unübersichtlicher und kostspieliger «Technologie-Zoo» entsteht.
Nachdem Fabian Schmid in der dritten Folge von «shift» Einblick in die digitale Transformation der Liechtensteinischen Landesverwaltung gegeben hat, richtet sich der Blick nun auf ein international tätiges Unternehmen. Daniel Fiechter zeigt, wie Vitra AI und Digitalisierung pragmatisch angeht, weshalb eine gemeinsame Plattform wichtiger ist als eine möglichst grosse Zahl einzelner Werkzeuge und wie sich Führung im Zusammenspiel von Mensch und AI verändert.
Fiechter bewegt sich seit vielen Jahren an der Schnittstelle zwischen Unternehmensführung, Technologie und Customer Experience. Als CIO und Managing Director bei Vitra verantwortet er die technologische Transformation und die operative Exzellenz des Unternehmens.
Zuvor war er als Group CIO und Mitglied der Geschäftsleitung beim Storenhersteller Stobag tätig und begleitete dort die digitale Transformation eines klassischen Industrieunternehmens. Seine unternehmerischen Erfahrungen als Gründer der Taktwerk GmbH prägen seinen Blick auf Technologie bis heute. Entscheidend ist für ihn nicht das neueste Werkzeug, sondern der konkrete Nutzen für das Unternehmen.
Der Business-Nutzen steht am Anfang
Auch bei Vitra versteht Fiechter die IT nicht als reine Systemverwaltung. Technologie soll Geschäftsprozesse verbessern, die Unternehmensstrategie unterstützen und dort zum Einsatz kommen, wo sie einen messbaren Unterschied macht. IT und Business lassen sich aus seiner Sicht deshalb immer weniger voneinander trennen.
Nach dem Aufkommen von ChatGPT baute Vitra früh eine interne AI-Taskforce auf. Mitarbeiter aus verschiedenen Unternehmensbereichen konnten experimentieren, Erfahrungen sammeln und mögliche Anwendungsfälle einbringen. Auf diese Weise kamen mehr als 100 Use Cases zusammen.
Die grosse Zahl an Ideen offenbarte allerdings auch eine zentrale Herausforderung. Ähnliche Anwendungsfälle wurden teilweise in verschiedenen Abteilungen, mit unterschiedlichen Partnern und auf unterschiedlichen technologischen Grundlagen verfolgt. Für Fiechter war deshalb klar, dass es einen stärkeren Fokus und eine gemeinsame Strategie braucht.
Heute konzentriert sich Vitra bewusst auf jene Bereiche, in denen AI einen konkreten Mehrwert schaffen kann. Dazu gehören insbesondere Effizienzsteigerungen, die Unterstützung des Verkaufs und der bessere Umgang mit umfangreichem Produktwissen.
Am Anfang steht dabei nicht die Frage, welches AI-Modell oder welcher Agent eingesetzt werden soll. Zuerst muss geklärt werden, welches Problem überhaupt gelöst werden soll. Nicht jede Herausforderung verlangt nach künstlicher Intelligenz. Gerade bei bestehenden und klar strukturierten Abläufen kann eine klassische Automatisierung weiterhin die einfachere und sinnvollere Lösung sein.
Prozesse müssen grundlegend neu gedacht werden
Ein wesentlicher Hebel liegt für Fiechter darin, bestehende Prozesse nicht einfach mithilfe von AI etwas schneller zu machen. Unternehmen sollten sich vielmehr fragen, wie ein Prozess mit den heutigen technologischen Möglichkeiten grundsätzlich neu gestaltet werden könnte.
Wer für jedes Problem lediglich ein weiteres spezialisiertes Werkzeug einführt, schafft mit der Zeit eine immer komplexere Technologielandschaft. Die Zahl der Anwendungen, Schnittstellen und Anbieter steigt, während der tatsächliche Geschäftsnutzen nicht zwingend im gleichen Mass zunimmt.
Vitra verfolgt deshalb einen Plattformansatz und setzt im AI-Umfeld auf die Microsoft-Plattform. Dokumente und Wissen befinden sich bereits in Microsoft 365, SharePoint und Teams. Dadurch kann sich das Unternehmen stärker auf die eigentlichen Probleme und Anwendungsfälle konzentrieren, anstatt bei jedem Projekt erneut über Technologien, Modelle und Datenzugänge entscheiden zu müssen.
Die gemeinsame Plattform soll helfen, vorhandenes Wissen zentral nutzbar zu machen und neue Lösungen auf einer einheitlichen Grundlage aufzubauen. AI wird damit nicht als isoliertes Werkzeug betrachtet, sondern als Bestandteil der bestehenden Prozess- und Systemlandschaft.
Mitarbeiter gestalten den Wandel mit
Neben Technologie, Daten und Prozessen spielt die Akzeptanz innerhalb des Unternehmens eine entscheidende Rolle. Bei Vitra beschäftigen sich rund 40 bis 50 AI-Enthusiasten aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen intensiv mit den neuen Möglichkeiten. Sie probieren Anwendungen aus, sammeln Erfahrungen und tragen ihr Wissen in die Organisation.
Ergänzt wird dieser Bottom-up-Ansatz durch niederschwellige Schulungen und regelmässige Austauschformate. Mitarbeiter können beispielsweise Copilot Chat nutzen und ihre Erfahrungen mit Text-, Bild- und Videogenerierung sowie weiteren AI-Anwendungen miteinander teilen.
Experimentieren allein reicht nach Einschätzung Fiechters jedoch nicht aus. Sobald Prozesse grundlegend verändert werden sollen, braucht es klare Entscheide und teilweise auch einen Top-down-Ansatz. Es geht dann nicht mehr nur darum, einzelne Abläufe schrittweise zu verbessern, sondern bestehende Strukturen mit den neuen technologischen Möglichkeiten grundsätzlich zu hinterfragen.
Führung misst sich stärker am Ergebnis
Mit AI-Agents verändert sich auch die Frage, wie Arbeit künftig organisiert und geführt wird. Eine zentrale Fähigkeit von Führungskräften wird laut Fiechter darin bestehen, unterscheiden zu können, welche Aufgaben autonom ausgeführt werden können und wo weiterhin der Mensch gefragt ist.
Gut definierte Prozesse mit klaren Ergebnissen können zunehmend automatisiert werden. Bei komplexen Entscheidungen, kritischen Situationen oder Aufgaben, die Erfahrung, Kontext und Fingerspitzengefühl verlangen, bleibt der Mensch dagegen entscheidend.
«Ich glaube, es wird immer wichtiger zu unterscheiden, wo es wirklich den menschlichen Entscheid braucht und was ich autonom laufen lassen kann», sagt Daniel Fiechter.
Damit könnte sich auch das Verständnis von Führung verändern. Entscheidend wäre künftig weniger, wie viele Mitarbeiter jemand führt, sondern welches Ergebnis erzielt wird. Ob einzelne Aufgaben von Menschen oder AI-Agents übernommen werden, tritt dabei gegenüber dem gemeinsam erreichten Resultat in den Hintergrund.
Veränderungsbereitschaft wird zur Schlüsselfähigkeit
Die technologische Entwicklung beschleunigt sich laufend. Welche Kompetenzen in fünf oder zehn Jahren genau benötigt werden, lässt sich kaum zuverlässig vorhersagen. Umso wichtiger wird für Fiechter die Fähigkeit, sich an neue Situationen anzupassen und bestehende Kompetenzen auf neue Aufgaben zu übertragen.
Veränderungsbereitschaft und Anpassungsfähigkeit werden damit zu zentralen Fähigkeiten in einer Arbeitswelt, die sich durch AI kontinuierlich weiterentwickelt. Fiechter geht nicht davon aus, dass Arbeit einfach verschwindet. Vielmehr werden sich Rollen und Tätigkeiten verändern, wie dies bereits bei früheren technologischen Umbrüchen der Fall war.
Praxisnaher Blick auf AI und Transformation
Die vierte Folge von «shift – Das Signal im Rauschen» bietet einen praxisnahen Blick auf AI und digitale Transformation bei Vitra. Das Gespräch zeigt, wie Unternehmen aus einer Vielzahl von Ideen klare Prioritäten entwickeln, weshalb der Business-Nutzen vor der Technologie stehen sollte und warum Prozesse mit den neuen Möglichkeiten grundlegend neu gedacht werden müssen.
Balz Zürrer und Daniel Fiechter sprechen ausserdem darüber, wie Mitarbeiter in die Veränderung einbezogen werden können, welche Rolle eine gemeinsame technologische Plattform spielt und wie Menschen und AI-Agents künftig zusammenarbeiten werden.
Die Folge mit Daniel Fiechter ist auf Spotify und YouTube verfügbar. Weitere Informationen und alle bisher veröffentlichten Episoden sind unter online.ch/shift abrufbar.
Online Consulting begleitet Unternehmen seit über 30 Jahren bei der digitalen Transformation. Das Unternehmen entwickelt Cloud- und AI-Lösungen, optimiert Geschäftsprozesse und unterstützt seine Kunden bei der Einführung moderner Arbeitsmodelle. Online Consulting ist zertifizierter Microsoft-Partner und nach ISO 27001 zertifiziert.
