Edi Züger sah Chancen und packte an
Text: Stephan Ziegler
Ich habe Edi Züger in den Spanischkursen der Klubschule kennengelernt, die wir gemeinsam besuchten. Sein Grund, die Sprache zu lernen, ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Er brachte ausgediente Schweizer Milchwirtschaftsmaschinen nach Lateinamerika, um dort Käsereien zu helfen. Dafür wollte er sich mit den Menschen verständigen können.
Diese Erinnerung sagt für mich viel über ihn aus. Edi sah, welchen Nutzen eine Maschine andernorts noch haben konnte. Er erkannte eine Möglichkeit, etwas zu verbessern, und nahm dafür auch selbst nochmals die Rolle des Lernenden an. In diesem Engagement begegnen sich zwei Seiten seines Lebens: der Unternehmer, der nach praktischen Lösungen suchte, und der Mensch, der seine Möglichkeiten für andere einsetzte.
Edwin Züger wurde am 29. Februar 1936 geboren. Er entstammte einer Familie mit einer langen Käsertradition, deren Wurzeln bis ins Jahr 1850 zurückreichen. Seine eigene unternehmerische Leistung bestand darin, diesem überlieferten Handwerk eine neue Richtung zu geben.
Zum Ursprung der späteren Frischkäserei gehört eine sehr konkrete betriebliche Herausforderung. Wie sein Sohn Christof später schilderte, geriet der elterliche Schweinebetrieb durch staatliche Vorgaben unter Druck. Eine Ausnahmeregelung für die Verfütterung von Molke aus eigener Käseproduktion eröffnete einen Ausweg. Edi Züger griff diese Möglichkeit auf und verband sie mit einer Produktidee, deren Potenzial damals in der Schweiz erst wenige erkannten.
Einen wichtigen Anstoss erhielt er bei einem Besuch von Verwandten in den USA. Dort lernte er die Mozzarella-Produktion kennen. Er sah die wachsende Nachfrage und wollte einen solchen Frischkäse auch aus Schweizer Milch herstellen. Die Anfänge waren bescheiden: Die Produktion begann in einer Garage in Niederbüren.
Zwischen einer guten Idee und einem marktfähigen Lebensmittel liegt viel Arbeit. Herstellungsverfahren müssen stimmen, die Qualität muss verlässlich sein, und schliesslich braucht es Kunden, die das Produkt kaufen. Gemeinsam mit seinem Sohn Markus entwickelte Edi Züger die Mozzarella-Produktion. Nach einer langen Entwicklungsphase war 1984 der erste Züger-Mozzarella marktreif.
Darin liegt seine Bedeutung als Pionier: Er erkannte eine Veränderung der Essgewohnheiten und traute einem Produkt eine Zukunft zu, das hierzulande noch wenig verbreitet war. Er brachte handwerkliche Erfahrung, Beobachtungsgabe und die Bereitschaft zusammen, etwas Ungewohntes zu versuchen. Aus einer betrieblichen Herausforderung wurde ein neues Geschäftsfeld.
1992 zog das Unternehmen in einen Fabrikneubau in Oberbüren. Bereits 1993 begann die Herstellung von Bioprodukten. 1998 folgte die offizielle Gründung der Züger Frischkäse AG. Diese Wegmarken zeigen, wie aus dem kleinen Anfang Schritt für Schritt ein Unternehmen mit eigener industrieller Perspektive entstand.
Seine Söhne Markus und Christof bauten auf diesem Fundament weiter
Sie entwickelten das Sortiment, investierten in die Produktion und erschlossen Exportmärkte. 2003 ersetzte eine kontinuierliche Käsungsanlage die traditionellen Käsekessel; 2005 und 2006 begannen die Exporte nach Europa und Übersee. Zur Würdigung des Gründers gehört auch die Leistung jener Generation, die seine Idee weitertrug und in neue Grössenordnungen führte.
Wie weit dieser Weg geführt hat, zeigen die Zahlen, die Christof Züger im Juni 2026 bei einem öffentlichen Auftritt präsentierte: Die Züger Gruppe beschäftigte rund 450 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von rund 400 Millionen Franken. Aus dem bescheidenen Produktionsbeginn war eine international tätige Unternehmensgruppe geworden.
Für die Ostschweiz bedeutet diese Entwicklung Arbeitsplätze, Ausbildungswissen und einen bedeutenden Absatzmarkt für die Landwirtschaft. Die Züger Frischkäse AG verarbeitet nach eigenen Angaben Milch von mehr als 400 Ostschweizer Bauernfamilien. Der wirtschaftliche Wert von Edis Initiative reicht damit weit über die Werkhallen in Oberbüren hinaus. Er ist auch auf den Höfen sichtbar, deren Milch dort zu Mozzarella, Hüttenkäse, Mascarpone und anderen Spezialitäten verarbeitet wird.
Das Unternehmen ist vollständig im Besitz der Familie geblieben. Christof Züger führt heute die Züger Gruppe, Markus ist Vizepräsident des Verwaltungsrates der Frischkäse AG. Deren operative Leitung liegt bei CEO Mario Breu. Das Lebenswerk des Gründers entwickelt sich unter neuen Verantwortlichkeiten weiter.
Edi begleitete diesen Weg auch im hohen Alter mit Interesse. Bei einer Betriebsbesichtigung im Juni 2022 sagte er: «Ich besuche noch jeden Tag mit Interesse den Betrieb». Seinen Söhnen wollte er dabei nicht hineinreden, denn «die machen das so gut». In diesen Worten liegen Freude am Geschaffenen und Vertrauen in die nächste Generation. Wer ein Unternehmen aufgebaut hat, muss Verantwortung auch weitergeben können. Edi fand dafür eine ebenso einfache wie grosszügige Formulierung.
Auch ausserhalb seiner Unternehmen übernahm er Verantwortung. Von 1984 bis 1995 stand er der Kirchenverwaltung der katholischen Kirchgemeinde Henau-Niederuzwil vor. In diese Amtszeit fielen die Renovationen beider Kirchen. Während er unternehmerisch Neues aufbaute, setzte er sich zugleich für das gemeinschaftliche Leben vor Ort ein. Die katholische Kirche Uzwil hat dieses Engagement nach seinem Tod ausdrücklich gewürdigt.
Edwin Züger starb nach kurzer Krankheit. Er hinterlässt sechs Kinder mit ihren Familien und 19 Enkelkinder. Der Abschied von ihm gilt einem Vater und Grossvater ebenso wie einem Unternehmer, dessen Entscheidungen die wirtschaftliche Entwicklung der Region mitgeprägt haben.
Mir bleibt neben diesem Lebenswerk die Erinnerung an unseren gemeinsamen Spanischunterricht. Edi lernte eine Sprache, weil er etwas vorhatte, das anderen helfen sollte. So werde ich ihn in Erinnerung behalten: als einen Menschen, der Möglichkeiten erkannte und bereit war, selbst etwas dafür zu tun.