St.Gallen

Bürokratie frisst Freiheit

Bürokratie frisst Freiheit
Mathias Binswanger, Christoph Lanter und Wolfgang Giella
Lesezeit: 2 Minuten

Ist die Gemeindeautonomie noch Realität oder schon Fiktion? Dieser Frage widmete sich die jüngste Ausgabe von «Wirtschaft in der Wirtschaft» am 19. Februar im Restaurant Freihof in Gossau. Moderator Christoph Lanter diskutierte mit Ökonom Mathias Binswanger und Stadtpräsident Wolfgang Giella über Bürokratie, Regulierungsdichte und schrumpfende Handlungsspielräume der Gemeinden.

Text: stz.

Die sechste Ausgabe von «Wirtschaft in der Wirtschaft» machte Halt im Restaurant Freihof in Gossau. Das Format von Christoph Lanter und Mathias Binswanger bringt wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen in lockerer Gaststuben-Atmosphäre zur Diskussion. Als Gast nahm Stadtpräsident Wolfgang Giella teil.

Auf die Einstiegsfrage, ob er ein überzeugter Bürokrat sei, antwortete Giella mit einem ironischen «Ja». Als Verwaltungschef müsse er Bürokratie bejahen, verwies er auf deren ursprüngliche Bedeutung. Problematisch sei nicht Bürokratie an sich, sondern ein überbordender Bürokratismus mit immer mehr Regeln und Verfahren. «Die Autonomie hat massiv abgenommen», stellte Giella mit Blick auf seine achtjährige Amtszeit fest. Der Handlungsspielraum der Gemeinden sei heute stark eingeschränkt.

Mathias Binswanger ordnete diese Entwicklung volkswirtschaftlich ein. Bürokratie sei ein fester Bestandteil moderner Wirtschaftssysteme. Als Treiber nannte er die zunehmende Komplexität, steigende Sicherheitsanforderungen und einen wachsenden Optimierungsdruck mit immer mehr Kennzahlen und Kontrollen. Daraus sei eine wirkungsvolle Controlling-Bürokratie entstanden.

Diese Absicherungsmentalität führe dazu, dass Fehler um jeden Preis vermieden werden sollen. «Hauptsache, man kann mir keinen Fehler vorwerfen», sei vielerorts zum Leitprinzip geworden. Mut und Innovation blieben dabei oft auf der Strecke. Giella bestätigte eine deutliche Zunahme von Einsprachen und Klagen. Mehr Vertrauen der Bürger sei Voraussetzung, um den Aufwand zu reduzieren.

Am Beispiel der Ortsplanungsrevision in Gossau zeigte Giella die praktischen Folgen. Rund 200 Eingaben aus Mitwirkungsverfahren mussten geprüft und beantwortet werden. Die Mitwirkung sei grundsätzlich sinnvoll, der Aufwand jedoch enorm. Binswanger sprach von einer gut gemeinten Idee, deren Nutzen in der Praxis häufig in keinem Verhältnis zum Aufwand stehe.

Der Anlass wurde von Cronberg und HIG Gossau unterstützt; der LEADER begleitete die Veranstaltung als Medienpartner.

Auch interessant

Vom Protektionismus zum Glück
Thurgau

Vom Protektionismus zum Glück

«ACH» feiert 100 Jahre mit grossem Jubiläumsfest
St.Gallen

«ACH» feiert 100 Jahre mit grossem Jubiläumsfest

SGKB-Händler ergaunert über 30'000 Franken
St.Gallen

SGKB-Händler ergaunert über 30'000 Franken