«Aufhören scheitert an der Gewohnheit, nicht am Nikotin»
Text: pd/stz.
Warum das Pflaster allein nicht reicht
Das klingt zunächst überraschend, weil die gesamte Industrie rund um den Rauchstopp seit Jahrzehnten auf eine andere Annahme aufbaut. Nikotinpflaster, Kaugummis, Sprays: Sie alle gehen davon aus, dass der Körper die Substanz braucht und es reicht, diese anderweitig zuzuführen. Die Rückfallquoten sprechen jedoch eine andere Sprache. Studien, die Oertli in der Entwicklung von KLAIR als Grundlage nutzte, zeigen etwas Verblüffendes: Der häufigste Auslöser für einen Rückfall ist nicht extremes Verlangen, sondern ein ganz normaler Alltagsmoment.
Shiffman et al. untersuchten 2008 im Journal of Consulting and Clinical Psychology systematisch, wann und warum Raucher nach einem Ausstiegsversuch wieder zur Zigarette greifen. Das Ergebnis war eindeutig: Kontextspezifische Gewohnheiten, also der Griff zur Zigarette nach dem Essen, beim Autofahren oder in Stresssituationen, erwiesen sich als häufigster Rückfallauslöser, weit vor dem körperlichen Entzug. Wer das Rauchen aufgibt, gibt damit auch eine ganze Sammlung von Alltagsritualen auf. Und diesen Verlust kompensiert kein Pflaster.
West und Shiffman beschrieben 2016 in «Fast Facts: Smoking Cessation» etwas Ähnliches aus einer anderen Perspektive. Die motorische Handlung selbst, das In-die-Hand-Nehmen und das Ziehen, ist ein eigenständiges Element der Suchtstruktur. Klassische Entwöhnungsprodukte adressieren diese Komponente schlicht nicht. Das Ergebnis sind Entzugsprodukte, die chemisch wirken, aber verhaltensmässig ins Leere laufen.
Das Ritual als eigentlicher Suchtträger
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen hat 2020 beschrieben, dass der Rauchakt im Alltag eine psychologische Strukturierungsfunktion übernimmt. Er gliedert den Tag, markiert Übergänge, schafft Momente der Ruhe. Die Zigarette nach dem Essen ist nicht einfach Nikotin auf nüchternen Magen, sie ist das bewusste Absatzzeichen hinter einer Mahlzeit. Die Pause am Arbeitsplatz ist nicht nur Nikotinversorgung, sie ist der erlaubte Moment des Abschaltens, der durch das Ritual seine Form bekommt.
Wer aufhört, verliert diese Struktur. Ersatzhandlungen oder Rückfälle sind dann oft die Konsequenz, nicht wegen körperlicher Abhängigkeit, sondern wegen fehlender Routine. Dieses Muster kennt jeder, der schon einmal versucht hat, eine starke Gewohnheit durch reine Willenskraft abzulegen, egal ob es das abendliche Glas Wein, das Handy vor dem Einschlafen oder eben die Zigarette zur Kaffeepause ist. Substanzabhängigkeit und Verhaltensabhängigkeit laufen parallel, und die Verhaltenskomponente wird systematisch unterschätzt.
Der Ansatz von KLAIR: Verhalten ersetzen, nicht unterdrücken
«Wir geben dem Gehirn das Ritual zurück. Nicht den Stoff, das Ritual», sagt Claude Oertli. Dieser Satz fasst zusammen, was KLAIR von allem anderen auf diesem Markt trennt. Das Produkt ist ein mechanischer Aromaöl-Inhalator: kein Vape, keine E-Zigarette, kein Tabakerhitzer. Das Gerät funktioniert rein physikalisch. Wer einatmet, zieht Umgebungsluft durch eine Aromakapsel auf Basis ätherischer Öle, wodurch im vorderen Mundraum ein milder Geschmackseindruck entsteht. Keine Verbrennung, kein Dampf, keine Elektronik, kein Nikotin.
Was simpel klingt, ist konzeptionell durchdacht. Was KLAIR ersetzt, ist nicht die Substanz, sondern die Bewegung. Die Hand-zu-Mund-Bewegung, das Einatmen, das kurze Innehalten, all das bleibt erhalten. Das Gehirn bekommt das gewohnte Signal, der Moment hat seine Form, die Struktur des Tages bleibt bestehen. Nur der schädliche Teil fällt weg.
Oertli selbst beschreibt die Positionierung von KLAIR bewusst ausserhalb bekannter Kategorien. Es ist kein Entwöhnungsprodukt im medizinischen Sinn, kein Lifestyle-Gadget für Technikfans und auch keine weitere Variante des ewig gleichen Nikotinersatzes. KLAIR nennt die eigene Produktkategorie «ritualbasierter Rauchersatz». Zwischen dem Wunsch nach Veränderung und dem Bedürfnis, den eigenen Alltag nicht von Grund auf umzubauen, gibt es offenbar eine Lücke, die bislang niemand bedient hat.
Wie KLAIR entstanden ist
Oertli und sein Mitgründer Kevin Müller lernten sich am Arbeitsplatz kennen und entdeckten, dass sie dieselbe unternehmerische Grundhaltung teilten. Der konkrete Anlass zur Gründung kam durch eine eher zufällige Entdeckung: Ein ähnliches Produkt tauchte in sozialen Medien auf, eine kurze Recherche zeigte, dass der europäische Markt für ritualbasierte Rauchalternativen praktisch leer war. Die Entscheidung fiel schnell.
Die ersten Schritte begannen in der Garage. Viele Aromamischungen erwiesen sich als unbrauchbar, Prototypen wurden verworfen, das Design überarbeitet. Sechs Monate nach der ersten Idee ging der Shop online. Zum Start gab es zwei Modelle und fünf Geschmacksrichtungen, heute sind es zehn Designs und 17 Aromen. Rund 3500 Kunden nutzen das Produkt inzwischen aktiv.
Was die Inhaltsstoffe betrifft
Regulatorisch ist KLAIR klar eingeordnet. Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit stuft das Produkt nicht unter das Tabakproduktegesetz ein, weil es keinen Tabak enthält, kein Nikotin, keine Elektronik und keine Verbrennung oder Verdampfung erzeugt. Die Einordnung erfolgt unter das Lebensmittelrecht, die Inhaltsstoffe basieren auf der Lebensmittel- und Aromastoffverordnung. Propylenglykol, einer der Hauptbestandteile, gilt laut der US-amerikanischen Food and Drug Administration für bestimmte Anwendungen als Lebensmittelzusatzstoff als unbedenklich. Auf Nikotin, Tabak, Teer und synthetische Stimulanzien wird vollständig verzichtet.
Das Gerät selbst ist wiederverwendbar, die austauschbaren Aromakapseln halten rund drei Tage und können im Haushaltsabfall entsorgt werden. Keine Batterie, kein Akku, kein Elektroschrott.
Ein Ansatz, der mit der Forschung übereinstimmt
Die WHO hat in ihrem Report on the Global Tobacco Epidemic 2019 festgehalten, dass verhaltensbezogene Komponenten eine entscheidende Rolle bei der langfristigen Entwöhnung spielen und dass Produkte, die diese berücksichtigen, erfolgreicher zur Rauchfreiheit beitragen können. Dieser Befund klingt in der Forschungsliteratur so selbstverständlich, dass man sich fragen kann, warum der Markt ihn so lange ignoriert hat.
Oertli beantwortet diese Frage pragmatisch: Der Markt habe sich jahrzehntelang auf das Nikotin konzentriert, weil das messbar und vermarktbar ist. Gewohnheiten zu ersetzen, sei komplizierter zu erklären und schwieriger zu verkaufen. Genau deshalb habe KLAIR eine freie Fläche vorgefunden.
Ob das Produkt langfristig hält, was die Theorie verspricht, wird sich zeigen. Die Verhaltenspsychologie gibt dem Ansatz jedenfalls recht: Wer eine Gewohnheit dauerhaft ablegen will, tut gut daran, sie zu ersetzen, statt zu unterdrücken. Das weiss im Grunde jeder, der schon einmal versucht hat, einfach nicht mehr an etwas zu denken.