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Vertrauen lässt sich nicht automatisieren

Vertrauen lässt sich nicht automatisieren
Gianluca Galasso
Lesezeit: 5 Minuten

Seit Mai leitet Gianluca Galasso die PwC-Geschäftsstelle St.Gallen. Künstliche Intelligenz, Cyberrisiken, neue Steuerregeln und geopolitische Spannungen wirken gleichzeitig auf die Kunden des Wirtschaftsprüfungs-, Steuer- und Unternehmensberatungsunternehmens ein. Galasso setzt deshalb auf belastbare Urteile, wirksame Umsetzung und persönliche Nähe.

Der gebürtige St.Galler arbeitete nach seiner kaufmännischen Ausbildung im Finanz- und Rechnungswesen lokaler Familienunternehmen; 2006 wechselte er in die Wirtschaftsprüfung von PwC Schweiz. Heute ist Galasso eidgenössisch diplomierter Wirtschaftsprüfer und Partner und betreut Unternehmen aus der Ostschweiz und Liechtenstein.

Seit Mai 2026 führt er die St.Galler Geschäftsstelle mit rund 83 Mitarbeitern. Gianluca Galasso folgte auf Beat Inauen, der nach mehr als 34 Jahren bei PwC in den Ruhestand trat. Er betrachtet St.Gallen nicht bloss als Standort, sondern als Netzwerk, das von Beziehungen und Vertrauen lebt. Sein Anspruch: «Wir sind präsent, hören zu und liefern Lösungen, die Mehrwert schaffen.»

Durch den technologischen Wandel erhält dieser Anspruch eine neue Bedeutung: Die knappe Ressource ist nicht mehr Information, sondern deren verlässliche Einordnung. «Beratung muss aus Daten Entscheidungen, aus Vorschriften praktikable Prozesse und aus Technologie wirtschaftlichen Nutzen machen», fasst es Galasso zusammen.

«Erst wenn Technologie in Abläufe, Führung und Geschäftsmodell eingebettet wird, entsteht nachhaltiger Nutzen.»

Unternehmen stehen unter gleichzeitigem Druck

Die Ausgangslage ist anspruchsvoll: Gemäss der Schweizer Ausgabe der PwC «29th Global CEO Survey» erwarten nur 37 Prozent der befragten Unternehmenschefs für 2026 ein Wachstum der Schweizer Wirtschaft, während sich 54 Prozent unter starkem Transformationsdruck sehen.

Cyberkriminalität steht mit 28 Prozent an der Spitze der Bedrohungen, die Sorge vor technologischer Disruption ist von zehn auf 17 Prozent gestiegen. Rund ein Drittel rechnet zudem mit sinkenden Gewinnmargen durch Zölle.

Für die industriell geprägte und exportorientierte Ostschweiz ist das unmittelbar relevant: Zölle können Lieferketten infrage stellen, Cyberangriffe die Produktion stoppen und neue Vorschriften bisher nicht erhobene Daten verlangen. Gleichzeitig sollen Investitionen in Digitalisierung und KI rasch Resultate liefern. «Gefragt sind deshalb Lösungen, die zur Kultur, zur finanziellen Tragfähigkeit und zur Risikobereitschaft des Unternehmens passen», sagt Galasso.

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Wirtschaftsprüfung umfasst mehr als Finanzzahlen

In Galassos angestammtem Fachgebiet zeigt sich der Wandel besonders deutlich: Moderne Prüfplattformen analysieren Transaktionsbestände, erkennen Auffälligkeiten und durchsuchen grosse Mengen an Richtlinien. Routinearbeiten lassen sich einfach automatisieren und Risiken gezielter untersuchen.

Das mache den Wirtschaftsprüfer aber nicht überflüssig: «Ein Algorithmus erkennt eine Abweichung, aber nicht zwingend deren wirtschaftliche Bedeutung. Ob ein ungewöhnlicher Vorgang auf einen Fehler, einen einmaligen Geschäftsverlauf oder eine Manipulation zurückgeht, verlangt Branchenverständnis, professionelles Misstrauen und menschliches Urteil», so Galasso. Auch müssten Daten und Annahmen eines KI-Modells nachvollziehbar bleiben.

Die Prüfungsqualität hängt damit zunehmend von den digitalen Grundlagen ab; Datenvollständigkeit, Zugriffsrechte, Cybersecurity und automatisierte Kontrollen werden Teil der Beurteilung. «Neben verlässlichen Finanzzahlen ist hier vor allem Vertrauen in Prozesse und Nachhaltigkeitsinformationen gefragt», sagt Gianluca Galasso.

Auch die Nachhaltigkeitsberichterstattung bleibt in Bewegung: Nach dem im April 2026 in die Vernehmlassung geschickten Entwurf wären statt heute rund 200 noch etwa 100 Unternehmen direkt berichtspflichtig; deren Berichte müssten jedoch extern geprüft werden. «KMU bleiben allerdings indirekt betroffen, wenn grosse Kunden Lieferkettendaten verlangen», gibt Galasso zu bedenken.

Wirtschaftsprüfung wird damit zu einer breiteren Vertrauensleistung. Weil PwC prüft und berät, müssten «Unabhängigkeit, Rollen und Verantwortlichkeiten eindeutig bleiben».

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Steuerberatung wird zum Systemprojekt

Auch die Steuerberatung hat sich weit vom Ausfüllen von Deklarationen entfernt. Mindeststeuer, Verrechnungspreise, Mehrwertsteuer, Zölle und Transparenzpflichten greifen in Geschäftsmodelle, Lieferketten und Finanzprozesse ein.

Die OECD-Mindeststeuer von 15 Prozent etwa gilt für internationale Gruppen mit mindestens 750 Millionen Euro Jahresumsatz. Die Schweiz führte die nationale Ergänzungssteuer 2024 und die internationale Ergänzungssteuer 2025 ein. «Nun gilt es, Daten und Prozesse dauerhaft zu beherrschen, zumal die Umsetzung international nicht einheitlich erfolgt», gibt Galasso ein Beispiel.

Steuerberatung wird so zum Zusammenspiel von Recht, Rechnungslegung, Datenmanagement und Technologie. Berechnungen müssen in revisionsfähige Abläufe überführt werden; verändert sich eine Lieferkette, verschieben sich Zollwerte, Verrechnungspreise und Zuständigkeiten. «Gute Beratung erkennt diese Wechselwirkungen, ohne für jedes KMU eine Konzernlösung aufzubauen.»

«Beratung muss aus Daten Entscheidungen, aus Vorschriften praktikable Prozesse und aus Technologie wirtschaftlichen Nutzen machen.»

Managementberatung muss Umsetzung beweisen

Am stärksten unter Rechtfertigungsdruck steht die Managementberatung: KI erstellt Marktanalysen, dokumentiert Prozesse, berechnet Szenarien und formuliert Präsentationen. Das beschleunigt die Arbeit und stellt den Wert standardisierter Leistungen infrage.

«Der Wert verschiebt sich von der Informationsbeschaffung zur Umsetzung», bestätigt Gianluca Galasso. Die PwC-CEO-Umfrage zeige die Lücke: 21 Prozent der Schweizer Unternehmen erzielen durch KI zwar bereits Kostensenkungen, aber nur 16 Prozent zusätzliche Umsätze. Und: Lediglich 44 Prozent verfügen über eine klare KI-Transformationsstrategie.

«Managementberater müssen deshalb priorisieren: Welcher Anwendungsfall löst ein reales Problem, und sind Daten, Prozesse und Verantwortlichkeiten geklärt?», sagt Galasso. Ein Pilotprojekt sei dabei noch keine Transformation. «Erst wenn Technologie in Abläufe, Führung und Geschäftsmodell eingebettet wird, entsteht nachhaltiger Nutzen.»

Ein weiteres Beispiel: Seit dem 2. August 2026 werden zentrale Bestimmungen des EU AI Act, der EU-KI-Verordnung, durchgesetzt. Auch Schweizer Unternehmen mit EU-Geschäft müssen Systeme, Rollen in der Wertschöpfungskette sowie mögliche Dokumentations- und Kennzeichnungspflichten prüfen. «Aus einem IT-Projekt wird damit rasch ein Thema für Geschäftsleitung, Recht, Datenschutz und interne Kontrolle», so Galasso.

Auch Cybersecurity ist eine Führungsaufgabe. Laut PwC erhöhen zwar 52 Prozent der befragten Schweizer Firmen ihre Sicherheitsausgaben. Häufig fehlen aber quantifizierte Risiken, klare Verantwortlichkeiten und getestete Notfallpläne. «Technik allein schafft keine Resilienz», bringt es Galasso auf den Punkt.

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Persönliche Nähe bleibt ein Wettbewerbsvorteil

Der Wandel trifft auch die Beratungshäuser. Das traditionelle Modell, in dem junge Mitarbeiter Daten zusammentragen und Analysen erstellen, wird durch KI infrage gestellt. Den Nachwuchs durch Technologie zu ersetzen, wäre dennoch kurzsichtig: «Wer später komplexe Mandate führt, muss das Handwerk von Grund auf erlernen», ist Galasso überzeugt.

Gefragt sind also weniger manuelle Routine, dafür früherer Kundenkontakt, Datenkompetenz und kritisches Denken. «PwC will Talente gewinnen, entwickeln und in der Region halten.» Zugleich muss Galasso das internationale PwC-Netzwerk mit regionaler Verbindlichkeit verbinden. Spezialwissen lässt sich zwar weltweit organisieren. «Für den Kunden muss aber immer klar bleiben, wer Verantwortung übernimmt.»

Die grösste Herausforderung der Consultingbranche ist damit nicht eine einzelne Technologie oder Vorschrift, sondern die Gleichzeitigkeit des Wandels: Wirtschaftsprüfer müssen digitale Systeme verstehen und unabhängig urteilen, Steuerberater globale Regeln in beherrschbare Prozesse übersetzen, und Managementberater Transformationen zum Funktionieren bringen.

Am Ende führt vieles zu jenem Begriff zurück, den Galasso bei seinem Amtsantritt ins Zentrum stellte: Vertrauen. «Je leichter Wissen verfügbar und je mehr Arbeit automatisierbar wird, desto wertvoller werden Urteilskraft, persönliche Verantwortung und Lösungen, die im Unternehmen tatsächlich funktionieren», bilanziert er. Darin läge die Zukunft der Beratung.

Text: Stephan Ziegler

Bild: Marlies Beeler-Thurnheer

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