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KI macht aus der Beraterpyramide eine Raute

KI macht aus der Beraterpyramide eine Raute
Lesezeit: 6 Minuten

Künstliche Intelligenz recherchiert, analysiert Daten, entwickelt Szenarien und baut Präsentationen. Damit greift sie ausgerechnet jene Tätigkeiten an, mit denen Unternehmensberatungen einen beträchtlichen Teil ihrer Wertschöpfung erzielen. Die Consultingbranche verschwindet deshalb nicht. Doch ihre Organisationsstruktur verändert sich, und sie muss schneller als viele ihrer Kunden klären, wofür diese künftig noch bezahlen sollen.

Kaum eine Branche ist davon so unmittelbar betroffen wie das Consulting. Sein Rohstoff ist Wissen, sein Produkt besteht häufig aus Analyse, Orientierung und Entscheidungsvorlagen. Genau in diesen Bereichen haben grosse Sprachmodelle besonders schnell an Leistungsfähigkeit gewonnen. Der Effizienzsprung betrifft deshalb nicht nur interne Abläufe, sondern stellt auch das traditionelle Geschäftsmodell infrage.

KI macht Berater schneller und manchmal schlechter

Wie gross das Potenzial ist, zeigt ein Feldexperiment der Harvard Business School mit 758 Beratern der Boston Consulting Group. Bei Aufgaben innerhalb der Leistungsgrenzen von GPT-4 erledigten die Teilnehmer mit KI-Unterstützung über zwölf Prozent mehr Teilaufgaben, arbeiteten mehr als 25 Prozent schneller und lieferten deutlich bessere Resultate als die Vergleichsgruppe ohne KI.

Die Studie liefert jedoch ebenso eine Warnung: Bei einer Aufgabe ausserhalb der Leistungsgrenze sank die Trefferquote von 84,5 Prozent ohne KI auf 70,6 Prozent mit KI. Die Forscher sprechen von einer «zerklüfteten technologischen Grenze»: Bei manchen Aufgaben wirkt KI wie ein Hochleistungsassistent, bei ähnlich erscheinenden Problemen produziert sie überzeugend formulierte, aber falsche Antworten. Für den Anwender ist nicht immer erkennbar, auf welcher Seite dieser Grenze er sich bewegt.

Damit verändert sich das Kompetenzprofil. Wertvoll wird, wer Probleme präzise einordnet, geeignete Daten auswählt und erkennt, wann dem Modell nicht zu trauen ist. Fachwissen wird zur Voraussetzung dafür, maschinell erzeugte Analysen verantworten zu können.

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Jan Marco Leimeister
Jan Marco Leimeister

Leimeister sieht KI als Kopiloten

Mit diesen Veränderungen befasst sich Prof. Dr. Jan Marco Leimeister an der Universität St.Gallen. Der Direktor am Institut für Wirtschaftsinformatik forscht zu generativer KI, digitaler Arbeit, Dienstleistungsinnovation und der Zukunft der Arbeit. Das dort angesiedelte Kompetenzzentrum «GenAI im Unternehmen» verbindet Forschung mit Anwendungen in Unternehmen.

Leimeister ordnet KI nicht bloss als Automatisierungswerkzeug ein. In einem Vortrag zur Zukunft der Arbeit beschrieb er sie als Kopiloten, der menschliche Fähigkeiten erweitert, Zusammenarbeit unterstützt und mehr Wert aus Unternehmensdaten erschliessen kann. Entscheidend ist nicht die isolierte Leistung eines Modells, sondern die Gestaltung des Arbeitssystems: Welche Aufgabe übernimmt die Maschine, wo entscheidet der Mensch, wie wird die Qualität kontrolliert und wie lernen Mitarbeiter im neuen Zusammenspiel weiter?

«Nähe zum Kunden, Branchenwissen und schnelle Entscheidungen fallen stärker ins Gewicht.»

Aus dem Assistenten wird ein Akteur

Die nächste Stufe reicht über den Chatbot hinaus. Im Juli 2026 veröffentlichte Leimeister gemeinsam mit Mahei Li und Philipp Reinhard einen Fachbeitrag zu «Agentic AI». Solche Systeme beantworten nicht nur einzelne Fragen. Mehrere spezialisierte KI-Agenten können komplexe Aufgaben aufteilen, Informationen aus verschiedenen Anwendungen zusammenführen und nach menschlicher Freigabe Prozessschritte ausführen.

Für Beratungen ist das weitreichend. Agenten können Marktdaten beobachten, Finanzmodelle aktualisieren, Berichte vorbereiten und Risiken überwachen. Aus einem punktuellen Projekt wird eine kontinuierliche Begleitung. PwC beschreibt mit seiner 2026 lancierten Plattform «PwC One» genau diese Verschiebung hin zu laufenden Erkenntnissen und kürzeren Lernzyklen.

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Aus der klassischen Pyramide wird eine Raute

Traditionelle Beratungshäuser sind pyramidenförmig organisiert: Viele junge Berater sammeln Informationen, erstellen Analysen und bereiten Präsentationen vor. Erfahrene Projektleiter verdichten die Ergebnisse, Partner pflegen die Kundenbeziehung und tragen die Verantwortung. Wenn KI einen wachsenden Teil der Recherche und Aufbereitung übernimmt, braucht es für dieselbe Leistung weniger manuelle Stunden auf den unteren Stufen.

Nach Einschätzung Leimeisters dürfte sich die klassische Pyramide deshalb in Richtung einer Raute verändern. Die breite Basis mit zahlreichen Junior-Beratern wird schmaler, weil viele standardisierbare Einstiegsaufgaben automatisiert oder stark beschleunigt werden. Auch die Spitze mit wenigen Partnern bleibt schmal. An Bedeutung gewinnt dagegen die Mitte: Erfahrene Berater, Projektleiter und Spezialisten verbinden Branchenwissen, technisches Verständnis, Qualitätskontrolle und Umsetzungskompetenz.

Gerade diese mittlere Ebene muss maschinell erzeugte Ergebnisse einordnen, mit dem Kundenkontext verbinden und in tragfähige Entscheidungen übersetzen. Sie übernimmt damit eine Scharnierfunktion zwischen KI, Fachabteilungen und Unternehmensführung. Für Beratungen bedeutet das nicht nur eine andere Personalstruktur, sondern auch veränderte Karrierewege und Ausbildungsmodelle.

Der Berufseinstieg verschwindet damit nicht automatisch, verändert aber seinen Inhalt. Nachwuchskräfte müssen früher lernen, Hypothesen zu entwickeln, Kundenprobleme zu verstehen, KI-Ergebnisse zu prüfen und Entscheidungen vorzubereiten. Gleichzeitig entsteht ein Ausbildungsproblem: Wer die Grundlagen nicht mehr selbst erarbeitet, kann später schwer beurteilen, ob eine Analyse trägt. Beratungen müssen Effizienz und Kompetenzaufbau bewusst austarieren.

Leimeisters Forschung zum «Job Crafting» untersucht deshalb nicht nur Produktivitätsgewinne, sondern auch die Kompetenzentwicklung. Zeitgewinne sind nur nachhaltig, wenn nicht jene Fähigkeiten verkümmern, die zur Kontrolle der KI nötig sind.

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«Time and Material» gerät unter Druck

Unter Druck gerät auch das verbreitete Geschäftsmodell «Time and Material», bei dem Beratungen geleistete Stunden oder Personentage sowie weitere Aufwände verrechnen. Dieses Modell beruht darauf, dass Zeit und personeller Einsatz als nachvollziehbare Annäherung an den geschaffenen Wert gelten. KI löst diesen Zusammenhang zunehmend auf.

Wenn eine Marktanalyse dank KI statt fünf Tagen nur noch einen Tag dauert, lässt sich der frühere Preis kaum mit geleisteten Stunden begründen. Der Nutzen für den Kunden kann gleich gross oder sogar grösser sein, während der sichtbare Aufwand sinkt. Für die Beratung entsteht ein Dilemma: Gibt sie den gesamten Effizienzgewinn über weniger verrechenbare Stunden weiter, schmälert die höhere Produktivität den eigenen Umsatz. Hält sie am bisherigen Preis fest, muss sie diesen anders begründen.

Leimeister erwartet deshalb, dass «Time and Material» an Bedeutung verliert und Beratungen stärker auf Value-based Pricing umstellen müssen. Der Preis orientiert sich dann nicht primär am Aufwand, sondern am wirtschaftlichen Wert der Lösung für den Kunden. Entscheidend ist weniger, wie viele Berater wie lange gearbeitet haben, sondern welches Problem gelöst, welches Risiko reduziert oder welches Ergebnis erreicht wurde.

«Die aufgewendete Zeit verliert als wichtigste Preisgrundlage an Bedeutung.»

Das verstärkt den Trend zu Pauschalen, Abonnements, erfolgsabhängigen Honoraren und Preisen, die sich am erzielten Mehrwert orientieren. PwC gibt bereits an, bei rund einem Drittel seiner Mandate einen Teil des Honorars vom Resultat abhängig zu machen. Solche Modelle verlangen jedoch klare Messgrössen, transparente Annahmen und eine faire Aufteilung der Risiken. Nicht jedes Beratungsergebnis lässt sich eindeutig beziffern oder einem einzelnen Projekt zurechnen.

Value-based Pricing setzt zudem voraus, dass Beratungen den Nutzen ihrer Arbeit präziser beschreiben und nachweisen können. Wer lediglich Arbeitsstunden verkauft, gerät stärker unter Druck. Wer dagegen Verantwortung für ein messbares Ergebnis übernimmt, kann auch dann einen hohen Preis rechtfertigen, wenn KI den dafür nötigen Aufwand deutlich reduziert.

Zugleich wächst ein neues Geschäftsfeld. Unternehmen benötigen Hilfe bei der Auswahl von Anwendungen, beim Aufbau einer tragfähigen Datenbasis sowie bei Governance, Sicherheit, Einführung und Schulung. KI automatisiert somit Beratungsarbeit und erzeugt gleichzeitig Beratungsbedarf. Die Nachfrage verschiebt sich von allgemeinen Konzepten zur Umsetzung: Gefragt ist nicht die hundertste KI-Strategie, sondern ein funktionierender Prozess mit messbarem Nutzen.

Regionale Spezialisten erhalten eine Chance

Für kleinere Beratungen in der Ostschweiz ist die Entwicklung nicht nur bedrohlich. Allgemein verfügbare Modelle senken die Kosten für Recherche, Analyse und Produktion. Ein spezialisiertes Team kann Leistungen erbringen, für die früher die Infrastruktur eines grossen Hauses nötig war. Nähe zum Kunden, Branchenwissen und schnelle Entscheidungen können stärker ins Gewicht fallen.

Erfolgversprechend ist eine klare Spezialisierung. Wer Prozesse, Regulierung und Akteure einer Branche kennt, kann KI präziser einsetzen als ein Generalist. Im regionalen Mittelstand kommt hinzu: Viele Veränderungen scheitern nicht an der Technologie, sondern an fehlendem Vertrauen, unklaren Verantwortlichkeiten und mangelnder Akzeptanz. Hier bleibt persönliche Begleitung entscheidend.

«Nähe, Branchenwissen und schnelle Entscheidungen zählen.»

Vertrauen wird zur härtesten Währung

Je leistungsfähiger die Systeme werden, desto wichtiger werden Kontrolle und Verantwortung. Vertrauliche Kundendaten dürfen nicht in ungeeignete Systeme gelangen. Quellen müssen nachvollziehbar, Annahmen offengelegt und Ergebnisse überprüft werden. Hinzu kommen Fragen zu Urheberrecht, Datenschutz, Verzerrungen und Haftung. Ein schön formulierter Fehler bleibt ein Fehler, auch wenn er in Sekunden entstanden ist.

Die Consultingbranche wird deshalb nicht menschenleer. Sie wird aber weniger dafür bezahlt werden, Informationen zusammenzutragen, Arbeitsstunden anzuhäufen und Folien zu produzieren. Ihr Wert verschiebt sich zum richtigen Problemverständnis, zum Urteil unter Unsicherheit, zur Gestaltung tragfähiger Lösungen und zur Begleitung ihrer Umsetzung. Auch Machtfragen, Interessenkonflikte und Widerstände in Organisationen lassen sich nicht an ein Sprachmodell delegieren.

KI macht aus der Beraterpyramide eine Raute: Die automatisierbare Basis wird schmaler, die beratungsintensive Mitte gewinnt an Gewicht, und an der Spitze bleibt die Verantwortung konzentriert. Gleichzeitig verliert die aufgewendete Zeit als wichtigste Preisgrundlage an Bedeutung. Gewinner werden jene Beratungen sein, die nicht Stunden, sondern nachweisbaren Wert verkaufen und zeigen können, wo die Maschine einen Vorsprung schafft, wo der Mensch unverzichtbar bleibt und wer die Verantwortung trägt.

Text: Stephan Ziegler

Bild: Marlies Beeler-Thurnheer, KI/Michelle Hadur

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