Ostschweizer Export wird ausgebremst
Die Ostschweizer Exportwirtschaft steht unter Druck. Im ersten Halbjahr 2026 gingen die Warenexporte aus St.Gallen, Thurgau und den beiden Appenzell gegenüber der Vorjahresperiode um rund 300 Millionen Franken oder 3,6 Prozent zurück, wie provisorische Zahlen des Bundes zeigen. Wie Jan Riss, der Chefökonom der IHK St.Gallen-Appenzell, erläutert, resultiert der Rückgang vor allem aus tieferen Exporten in die USA. Gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 verlor die Ostschweiz 19,3 Prozent an Exporten. Auch die Exporte nach Asien gingen um 7.5 Prozent zurück, während die Exporte ins europäische Ausland um 1.7 Prozent leicht zulegten.
Für Exporteure nehmen regulatorische und handelspolitische Anforderungen zu. Die wachsende Komplexität des internationalen Warenverkehrs bereitet ihnen laut Remo Wild, Leiter Exportdienste der IHK St.Gallen-Appenzell, Kopfzerbrechen. Er relativiert jedoch: «Vieles davon würde ich nicht Sorgen nennen, sondern alltägliche Herausforderungen.» Neue Freihandelsabkommen eröffneten zwar Chancen, doch für Zollvorteile müssten Unternehmen unterschiedliche Ursprungsregeln und Vorschriften beachten.
Bürokratische Handelshemmnisse
Auch die Digitalisierung der Zollabwicklung sorgt für Aufwand. In der Schweiz wird das bisherige Verzollungssystem schrittweise ersetzt, andere Länder führen ebenfalls neue Systeme ein. Solche Systemwechsel erfordern Anpassungen bei Prozessen, Stammdaten und teilweise auch bei den IT-Schnittstellen zu Partnern und Dienstleistern.
Hinzu kommen neue regulatorische Vorgaben wie CBAM (der komplexe EU-Mechanismus zur Verhinderung der Verlagerung von Treibhausgasemissionen in Drittstaaten), die EU-Entwaldungsverordnung EUDR oder die neue Verpackungsverordnung PPWR. Die IHK beobachtet deshalb eine steigende Nachfrage nach Beratung – nicht mehr nur zu Zollrecht, sondern zunehmend zu Marktzugang und nichttarifären Handelshemmnissen.
Maschinen-Exporte ausgebremst
Der Export in die USA ist deutlich zurückgebunden worden. Die minus 19.3 Prozent für das erste Halbjahr 2026 liegen aber auch am guten Vergleichswert: «Das erste Halbjahr 2025 wurde durch Vorzieheffekte nach oben verzerrt», erklärt Jan Riss.
Vor den erwarteten US-Handelsmassnahmen seien insbesondere bei Pharmazeutika zusätzliche Lieferungen vorgezogen worden. Ab August 2025 hätten die US-Zölle und die handelspolitische Unsicherheit dagegen für Bremseffekte gesorgt. Besonders betroffen war die Maschinenindustrie: Im August 2025 lagen die Schweizer Maschinenexporte in die USA mehr als 40 Prozent unter dem Mehrjahresdurchschnitt.
Maschinen sind gerade für die Ostschweiz wichtig. Knapp ein Viertel der Warenexporte entfällt auf diese Produktgruppe. Auch andere Güter der Tech-Industrie, etwa aus Datenverarbeitung, Elektronik und Optik, haben grosses Gewicht. Pharmazeutische Erzeugnisse machen dagegen 6,6 Prozent der Ostschweizer Warenexporte aus – deutlich weniger als auf nationaler Ebene, wo Pharma mit Abstand das wichtigste Exportgut ist.
Positive Signale
Die Probleme der Industrie begannen allerdings lange vor dem Zollstreit. Seit dreieinhalb Jahren liegt der Auftragsbestand der Ostschweizer Industrie auf zu tiefem Niveau. Zuletzt hellte sich die Stimmung etwas auf: Unternehmen aus Elektronik und Optik sowie Maschinen- und Fahrzeugbau beurteilen ihre Geschäftslage wieder etwas besser. Vier von zehn Unternehmen melden mehr Bestellungen, ein Drittel Produktionssteigerungen. «Diese positiven Signale folgen aber auf eine ausgeprägte, langanhaltende Schwächephase und sind noch mit Vorsicht zu interpretieren», sagt Jan Riss. Kapazitätsauslastung und Auftragsbestände seien weiterhin tief.
Autozulieferer leiden
Besonders schwierig ist die Lage für Autozulieferer: Sie spüren die Schwäche der deutschen Autoindustrie, den Wandel zur Elektromobilität, komplexere Fertigungslösungen wie Megacasting sowie chinesische Konkurrenz und Überkapazitäten.
Trotzdem sieht Jan Riss die Schweiz gut aufgestellt: Das stabile politische und rechtliche Umfeld, das Bildungssystem, liberales Arbeitsrecht, moderate Unternehmenssteuern und hohes Arbeitsethos überzeugten weiterhin. «Aber die Herausforderungen sind zahlreich und akzentuieren sich vielerorts.» Hohe Lohn- und Energiepreise sowie der starke Franken belasten die Wettbewerbsfähigkeit. Zugleich wachsen handelspolitische Hemmnisse, während Industriepolitik und Subventionen international an Bedeutung gewinnen.
Exportmärkte in der Nachbarschaft
Der wichtigste Absatzmarkt für die Ostschweiz bleibt Europa. Knapp 60 Prozent der Warenexporte gehen in die EU. Deshalb setzt sich die IHK St.Gallen-Appenzell auch dezidiert für eine Annahme der Bilateralen III, des Vertragspakets mit der EU, ein.
Deutschland und Österreich sind die wichtigsten europäischen Märkte. Die geografische Nähe und die Branchenstruktur machen insbesondere Süddeutschland und Vorarlberg für die Ostschweiz bedeutend. Die Exportorientierung Richtung EU hat sich damit nicht grundsätzlich verändert, auch wenn deren Anteil an den Gesamtexporten leicht zurückgegangen ist.
Neue Märkte können deshalb eine Ergänzung sein. Freihandelsabkommen verbessern den Marktzugang und verhindern Wettbewerbsnachteile gegenüber Unternehmen aus anderen Ländern. Das gilt auch für das unterzeichnete Abkommen mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay. Heute entfallen zwar erst rund 0,9 Prozent der Ostschweizer Warenexporte auf diese Region. Nach dem vorgesehenen Zollabbau sollen jedoch rund 96 Prozent der Schweizer Exporte in diese Länder vollständig zollbefreit sein. Für die exportorientierte Ostschweizer Industrie ist das insbesondere bei Maschinen und Präzisionsinstrumenten interessant.
«Ein Freihandelsabkommen eröffnet neue Möglichkeiten – die Unternehmen müssen aber auch in der Lage sein, diese in der Praxis zu nutzen», sagt Remo Wild. Denn die Zollbegünstigung kommt nicht automatisch: Unternehmen müssen Ursprungsregeln erfüllen und den präferenziellen Ursprung ihrer Waren nachweisen. Gerade bei komplexen Produkten und internationalen Lieferketten kann das anspruchsvoll sein.
Text: Philipp Landmark
Bild: Rebekka Grossglauser