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«Dank ihrer Offenheit ist die Schweiz eine starke Exportnation»

«Dank ihrer Offenheit ist die Schweiz eine starke Exportnation»
Silvan Wildhaber
Lesezeit: 4 Minuten

Als CEO des St.Galler Textilunternehmens Filtex AG leitet Silvan Wildhaber ein exportorientiertes KMU. Als neuer Präsident der Economiesuisse setzt er sich für offene Märkte und wenig Handelshemmnisse ein.

Silvan Wildhaber, Filtex exportiert mehr als 80 Prozent seiner Produkte. Was muss ein Schweizer Unternehmen können, um mit einem solchen Exportanteil erfolgreich zu sein?
Die Schweiz ist ein Hochkostenland mit einem kleinen Binnenmarkt. Wer von hier aus erfolgreich exportieren will, muss sich über Qualität, Innovation und Effizienz differenzieren. Gleichzeitig sind die Standortbedingungen absolut zentral. Es braucht offene Märkte und möglichst wenige Handelshemmnisse. Dank der Offenheit der Schweiz haben wir uns zu einer starken Exportnation entwickelt. Schweizer Unternehmen sind heute weltweit erfolgreich, weil sie sich auf anspruchsvolle Nischen konzentrieren und einen Mehrwert bieten, den andere nicht einfach kopieren können. Das gilt für die Textilindustrie ebenso wie für die Pharma-, Medtech- oder Tech-Industrie.

Sie verkaufen einen guten Teil Ihrer Stoffe nach Afrika. Unterschätzen andere Schweizer Unternehmen diesen Markt?
Unsere Waren gehen hauptsächlich nach Europa und Afrika. Oft wird Afrika als ein einziger Markt wahrgenommen. Tatsächlich sprechen wir aber über einen sehr vielfältigen Kontinent mit unterschiedlichen Wirtschaftsräumen und Entwicklungen. Viele Länder verfügen über eine junge Bevölkerung, wachsende Mittelschichten und einen steigenden Bedarf an hochwertigen Produkten. Für Schweizer Unternehmen lohnt es sich deshalb, genauer hinzuschauen und langfristig zu denken.

Warum kaufen Kunden in Afrika einen Stoff aus St.Gallen, der möglicherweise deutlich teurer ist als ein Produkt aus Asien?
Weil Qualität, Verlässlichkeit und Reputation einen Wert haben. Schweizer Unternehmen konkurrieren selten über den Preis allein. Sie überzeugen durch hochwertige Produkte, Service und langfristige Partnerschaften. Gerade in anspruchsvollen Märkten kann das entscheidend sein.

Inteligrid  kybun  

«Offenheit ist für die Schweiz kein ‹nice to have›, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit, wenn wir unseren Wohlstand halten wollen.»

Sie sagen, die Schweiz müsse ihre offenen Märkte verteidigen. Wie offen kann eine kleine Exportnation in einer zunehmend protektionistischen Welt noch sein?
Wir verdienen heute rund jeden zweiten Franken im Ausland. Die Exporte von Schweizer Gütern und Dienstleistungen machen rund 78 Prozent unseres BIP aus. Offenheit ist für die Schweiz kein «nice to have», sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit, wenn wir unseren Wohlstand halten wollen. Unsere Antwort auf mehr Protektionismus muss deshalb sein, weiterhin voll auf Offenheit zu setzen – also Handelsbeziehungen zu sichern und neue Märkte zu erschliessen.

Was ist denn heute die grösste Bedrohung für die Schweizer Exportwirtschaft: Zölle, der starke Franken, geopolitische Konflikte oder die hohen Kosten am Standort Schweiz?
Es gibt nicht die eine Bedrohung. Derzeit treffen mehrere Herausforderungen gleichzeitig aufeinander: geopolitische Spannungen, Zollkonflikte, ein starker Franken und eine schwache Konjunktur in wichtigen Absatzmärkten. Dazu kommen hausgemachte Themen wie Fachkräftemangel oder zunehmende Bürokratie. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken und den Zugang zu internationalen Märkten sichern.

Ist die Schweiz zu abhängig von einzelnen dieser internationalen Märkte – also Europa, den USA und China?
Diese Märkte bleiben von zentraler Bedeutung. Insbesondere die EU ist unsere wichtigste Handelspartnerin. Gleichzeitig müssen wir unsere Handelsbeziehungen breiter aufstellen. Gerade exportstarke Branchen wie Pharma-, Medtech-, Maschinenbau- oder Technologieunternehmen sind darauf angewiesen, dass sie ihre Produkte weltweit verkaufen können. Deshalb engagieren wir uns für neue Freihandelsabkommen und die Modernisierung bestehender Abkommen. Diversifikation ist gerade in geopolitisch unsicheren Zeiten ein wichtiger Erfolgsfaktor.

OD  Thurgauer Lehrlingstag  

Die Schweiz hat in den vergangenen Monaten erlebt, wie schnell sich die Bedingungen im US-Geschäft verändern können. Was können Schweizer Unternehmen daraus lernen?
Die wichtigste Lehre lautet: Diversifikation. Unternehmen sollten sich nicht auf einzelne Märkte verlassen, sondern ihre Risiken möglichst breit verteilen. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung, wie wichtig stabile und verlässliche Handelsbeziehungen sind. Hier ist auch die Politik gefordert, günstige Rahmenbedingungen für die Exportwirtschaft zu schaffen.

Gerade für die Ostschweizer Industrie sind Deutschland und die EU insgesamt ein zentraler Markt. Wie wichtig ist das neue Bilaterale-Paket für die Exportwirtschaft?
Die EU ist mit Abstand unsere wichtigste Handelspartnerin. Die Bilateralen III geben uns die Möglichkeit, den bilateralen Weg zu stabilisieren und gezielt weiterzuentwickeln. Für die Exportwirtschaft geht es um Rechtssicherheit, Marktzugang und den Zugang zu Fachkräften. Das Paket ist deshalb von grosser strategischer Bedeutung für den Standort Schweiz.

Wo soll die Schweiz gegenüber der EU Kompromisse eingehen – und wo darf sie keine machen?
Internationale Abkommen sind immer das Ergebnis von Verhandlungen. Das ausgehandelte Paket liegt auf dem Tisch. Die Vorteile für Wohlstand, Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit überwiegen klar. Aus Sicht der Wirtschaft fällt die Bilanz bei den Bilateralen III positiv aus. Economiesuisse unterstützt auch neue Freihandelsabkommen.

«Diversifikation ist gerade in geopolitisch unsicheren Zeiten ein wichtiger Erfolgsfaktor.»

Wie gross ist das konkrete Exportpotenzial von Mercosur für Schweizer Unternehmen?
Mercosur ist mit über 270 Millionen Einwohnern ein strategisch wichtiger Wachstumsmarkt. Das Abkommen verbessert den Marktzugang für Schweizer Unternehmen massiv: Über 95 Prozent der Exporte würden künftig zollfrei sein, das Zolleinsparungspotenzial beträgt rund 155 Millionen Franken pro Jahr. Das ist substanziell! Davon profitieren zahlreiche Branchen, darunter die Maschinen-, Pharma-, Medtech-, Chemie- und Technologieindustrie, aber auch viele spezialisierte KMU. Gleichzeitig verhindert das Abkommen Wettbewerbsnachteile gegenüber der EU, die ihr eigenes Mercosur-Abkommen bereits anwendet.

Welche Märkte werden Schweizer Unternehmen in den nächsten zehn Jahren stärker bearbeiten müssen: Indien, Südostasien, Afrika oder Lateinamerika?
Ich würde nicht auf eine einzelne Region setzen. Die Zukunft liegt in einer breiten Diversifikation. Indien, Südostasien, Lateinamerika und Teile Afrikas bieten grosse Chancen. Gerade in einer Zeit zunehmender geopolitischer Unsicherheit ist es wichtig, dass Schweizer Unternehmen mehrere starke Standbeine haben. Zudem sind die heutigen Lieferketten der Unternehmen global aufgestellt. Aufgabe der Politik muss es deshalb sein, möglichst gute Marktzugangsbedingungen zu schaffen und bestehende Hürden abzubauen.

Sie kennen als Filtex-Chef den Exportalltag eines mittelgrossen Unternehmens. Fehlt diese KMU-Perspektive bisher in der Economiesuisse?
Nein. Economiesuisse vertritt über ihre Mitgliedsverbände mehr als 100’000 Unternehmen, darunter 95 Prozent KMU. Trotzdem ist es wichtig, dass wir die praktischen Erfahrungen von Unternehmern noch stärker in die politische Debatte einbringen. Als KMU-Unternehmer weiss ich aus eigener Erfahrung, welche Auswirkungen Bürokratie, Fachkräftemangel oder Handelshemmnisse auf den Unternehmensalltag haben. Diese Perspektive möchte ich als Präsident gezielt einbringen.

Text: Philipp Landmark

Bild: Clara Tuma / zVg

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