Klartext von Kris: «Haltung» gibt’s à discrétion
Je unverrückbarer, desto besser: Dann darf man Haltung und Rückgrat für sich reklamieren (top fürs Wählerprofil) – und muss gleichzeitig nicht handeln (top für die Erfolgsbilanz). Es reicht, bei der Maximalforderung zu bleiben. Wohl wissend, dass sie nie zur Handlung wird. Weil es dafür keine Mehrheit gibt.
Denn Haltung ist etwas anderes: Sie sagt, für welche Werte man einsteht, nach welchen Grundsätzen man entscheidet und welche Ziele man erreichen will. Haltung heisst, überzeugt für ein Ziel einzutreten – und trotzdem die Grösse zu haben, festzustellen, wenn der eingeschlagene Weg nicht funktioniert. Haltung heisst, ein gutes Argument der Gegenseite anerkennen zu können. Und Haltung heisst, einen Kompromiss einzugehen, ohne die eigene Überzeugung an der Garderobe abzugeben. Vielleicht zeigt sich wirkliche Haltung sogar gerade dann. Denn ohne diese Fähigkeit, aus Haltung Handlung zu machen, würde unsere direkte Demokratie nicht funktionieren.
Die Herausforderungen sind gross genug. Natürlich müssen wir verhandeln. Aber irgendwann muss gehandelt werden. Wir müssen die Reihen schliessen, ohne gleich zu denken. Verlässlich sein, ohne unbeweglich zu werden. Und gemeinsam ehrliche Lösungen finden, die vielleicht niemandem ganz gehören – aber dafür funktionieren.
Die Welt um uns herum wird nicht übersichtlicher. Umso wichtiger ist, dass die Politik in unserem Land berechenbar und verlässlich bleibt. Pragmatisch und fähig, über politische Gräben hinweg zusammenzuarbeiten. Wir müssen nicht miteinander recht haben, aber wir haben die Pflicht, miteinander weiterzukommen.
Erinnern wir uns jeden Tag daran, dass uns am Ende mehr verbindet als trennt.
Text: Kris Vietze