Zwischen Zuversicht und Zurückhaltung
Die Arbeitslosenquote von 2,4 Prozent ordnet Jérôme Müggler nüchtern ein. «Diese entspricht ungefähr dem zehnjährigen Durchschnitt. Die Quote ist für den Kanton Thurgau normal gut, kein Boom, aber auch kein Warnsignal.» Der seit 2023 leicht steigende Trend sei zu beobachten, bewege sich aber «noch weit von einem konjunkturellen Problembereich entfernt». In der Schweiz komme dieser Wert einer strukturellen Vollbeschäftigung nahe, die verbleibende Arbeitslosigkeit sei grösstenteils friktionell.
Daniel Wessner blickt auf das Umfeld hinter dieser Zahl. «Es ist zuerst einmal eine Momentaufnahme, denn wir bewegen uns in einem unsicheren Umfeld.» Globale Spannungen, protektionistische Tendenzen sowie die angespannte Wirtschaftslage in Deutschland wirkten direkt auf die Thurgauer Unternehmen. «Auch unsere Unternehmen kämpfen mit den US-Zollrückforderungen, steigenden Öl- und Energiepreisen und einem starken Franken.» Die Folge seien zurückhaltende Investitionen und Einstellungsstopps insbesondere im Grosshandel und in der Industrie. Die weitere Entwicklung bleibe eng an die geopolitische Lage gekoppelt.
«Treten Sie selbstbewusst auf und sprechen Sie über Ihren Erfolg.»
Breite Basis, aber Nachholbedarf bei Innovation
Trotz dieser Unsicherheiten sieht Wessner eine stabile Grundlage. «Unsere KMU haben in der Vergangenheit immer wieder Krisen meistern müssen und haben dabei bereits mehrfach ihre Resilienz und Innovationsfähigkeit unter Beweis gestellt.» Der Thurgau verfüge über eine breite Branchenstruktur, viele inhabergeführte Unternehmen und einen funktionierenden, grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt. Gleichzeitig sei der Kanton gefordert, attraktive Rahmenbedingungen zu schaffen. «Wir müssen uns dafür einsetzen, dass die Unternehmen gerne im Thurgau tätig sind.» Sein Appell an die Betriebe: «Treten Sie selbstbewusst auf und sprechen Sie über Ihren Erfolg.»
Gleichzeitig bleibt die Innovationskraft ein Thema. Der kantonale Wettbewerbsindikator zeige Handlungsbedarf. «Mit einem neuen Innovationsfonds oder mit dem eben eröffneten I+D Campus sollen gerade KMU noch einfacheren und besseren Zugang zu Innovationsangeboten erhalten.» Hier entscheidet sich, wie zukunftsfähig der Standort tatsächlich ist.
Auch aus der Sicht von Müggler wird die wirtschaftliche Lage stark von externen Faktoren geprägt. «Die Wirtschaftslage in den wichtigsten Absatzmärkten von Thurgauer Unternehmen bleibt angespannt, die Nachfrage ist vielerorts unterdurchschnittlich.» Besonders ins Gewicht falle die Abhängigkeit von Deutschland und der EU. Gleichzeitig verteuerten Zölle und Währungseffekte den Handel mit den USA, während geopolitische Konflikte Kosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette erhöhten. «Insofern ist es schwieriger, Investitionen mit guter Perspektive zu tätigen.» Dennoch investierten drei von vier Unternehmen weiterhin in gewohntem Umfang, so der IHK-Direktor.
Industrie im Umbruch
Für Wessner ist die Lage der Industrie mehr als eine kurzfristige Schwächephase. «Der Thurgau ist ein Industriekanton. Die vielen Exporte sind von handelspolitischen Turbulenzen und Verunsicherungen besonders betroffen.» Der zunehmende Protektionismus zwinge Unternehmen zum Umdenken. «Die Industrie muss sich weiterentwickeln, digitalisieren, resilient sein.» Anpassungen in den Lieferketten und die Erschliessung neuer Märkte seien unverzichtbar. «Ein gewisser Strukturwandel ist auch im Thurgau erkennbar», sagt der AWA-Leiter. Positiv sieht er, dass das BIP im Thurgau im Vergleich zu den anderen Kantonen deutlich über dem Durchschnitt gewachsen ist.
Zudem verweist Jérôme Müggler auf Rahmenbedingungen im eigenen System. «Administrativ hinkt der Kanton bei Steuerveranlagungen, beim Handelsregister oder bei Baubewilligungen immer wieder hinterher. Das ist für Unternehmen mühsam und zeitraubend.» Auch politisch fehle teilweise die Offenheit gegenüber wirtschaftsnahen Themen. Diskussionen rund um Innovation, Leistungsmessung der Verwaltung oder Wirtschaftsförderung zeigten, dass sich der Kanton hier dynamischer entwickeln könnte.
«KMU müssen in Innovationen investieren und die Produktivität erhöhen.»
Unternehmen müssen aktiver werden
Daniel Wessner sieht die Verantwortung auch bei den Unternehmen selbst. «KMU im Thurgau müssen in Innovationen investieren und die Produktivität erhöhen.» Gleichzeitig gelte es, Lieferketten zu überprüfen und neue Märkte zu erschliessen. Der Arbeitsmarkt verändere sich spürbar. «Mehr Frauen sind im Berufsleben, Männer wollen vermehrt Teilzeit arbeiten.» Flexible Arbeitsmodelle würden damit zum entscheidenden Faktor im Wettbewerb um Fachkräfte. Gleichzeitig müsse das inländische Potenzial besser genutzt werden, da die hohe Zuwanderung gesellschaftlich zunehmend kritischer gesehen werde. «Auch stetige Weiterbildungen der Mitarbeiter sind essenziell.»
Beim I+D Campus zeigt sich Müggler pragmatisch. «Der Campus ist gut gestartet und hat für sein zartes Alter von wenigen Monaten bereits konkrete Form angenommen.» Entscheidend sei die konsequente Ausrichtung am Markt. «Was keiner kaufen will, machen wir nicht.» Der Campus soll damit nicht Symbol bleiben, sondern konkrete Wertschöpfung ermöglichen.
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Die entscheidenden Hebel liegen ausserhalb und im Innern
Bei den wirtschaftspolitischen Prioritäten setzen beide unterschiedliche Schwerpunkte. Müggler fokussiert auf die internationale Dimension. «Ganz klar die Stabilisierung und Weiterentwicklung der bilateralen Verträge mit der EU.» Für einen exportorientierten Kanton sei der Zugang zu diesem Markt zentral.
Wessner sieht den Hebel stärker in der Standortpolitik. «Von der Politik würde ich mir etwas mehr Mut bei den Investitionen in attraktive Rahmenbedingungen oder ins Standortmarketing wünschen.» Gleichzeitig wäre es aus wirtschaftlicher Sicht wünschenswert, «wenn sich im Thurgau noch das eine oder andere grosse Unternehmen aus einer Branche mit hoher Wertschöpfung ansiedeln würde».
Woran sich Fortschritt messen lässt
Und wie wollen die beiden Wirtschaftsfachmänner messen, ob ihre Anstrengungen Früchte tragen? Für Jérôme Müggler ergibt sich die Bewertung der wirtschaftlichen Entwicklung aus mehreren Kennzahlen. «Rein wirtschaftlich sind das kantonale BIP beziehungsweise die Bruttowertschöpfung im Vergleich zum Schweizer Wachstum, die Exportzahlen, die Beschäftigungsentwicklung in kapitalintensiven Sektoren, die Investitionstätigkeit oder die Steuerkraft.»
Daniel Wessner setzt den Fokus stärker auf die Unternehmen selbst. «Es wäre zu messen, ob die Unternehmen eine höhere Wertschöpfung generieren und ihr Investitionsvolumen gesteigert haben. Und wie sich der Arbeitsmarkt entwickelt.»
Der Wirtschaftsraum Thurgau steht damit exemplarisch für eine Region, die auf einer stabilen Basis steht, sich aber zunehmend neu ausrichten muss. Entscheidend wird sein, wie konsequent Wirtschaft und Politik die vorhandenen Stärken weiterentwickeln und die strukturellen Schwächen angehen.
Text: Stephan Ziegler
Bild: Rebekka Grossglauser