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Warum «Wil West» noch fast ein Jahrzehnt auf sich warten lässt

Warum «Wil West» noch fast ein Jahrzehnt auf sich warten lässt
Raffaele Landi, Dominik Diezi
Lesezeit: 4 Minuten

Nach dem Ja der St.Galler Stimmbevölkerung zum Grundstückgeschäft zwischen St.Gallen und Thurgau übernimmt der Kanton Thurgau beim Projekt «Wil West» eine grössere Rolle. Regierungsrat Dominik Diezi und Projektleiter Raffaele Landi sprechen über die nächsten Schritte, offene Entscheide und den erwarteten Zeitplan bis zur Erschliessung.

Dominik Diezi, Raffaele Landi, welche Auswirkungen hat der Entscheid auf die Rollenverteilung und Weiterentwicklung des Projekts?
DD: Mit dem Entscheid hat sich vor allem die Rolle des Kantons Thurgau erweitert. Er übernimmt neu auch die Funktion als Grundeigentümer im Gebiet Münchwilen, und zwar bis zur Weiterveräusserung der Parzellen. Die eigentliche Arealentwicklung erfolgt jedoch bewusst nicht durch den Kanton selbst, da dafür weder die gesetzlichen Grundlagen noch die notwendigen Ressourcen vorhanden sind. Stattdessen ist vorgesehen, die Grundstücke im Finanzvermögen zu führen und im Rahmen einer Investorenausschreibung unter klar definierten Vorgaben zu veräussern.
RL: Parallel dazu wurde das Projekt im politischen Prozess gezielt weiterentwickelt. Es erfüllte bereits zuvor die Anforderungen des Standards Nachhaltiges Bauen Schweiz und wurde insbesondere beim Umgang mit dem Boden, bei der Mobilität sowie bei der Anpassung an den Klimawandel weiter optimiert. Diese Aspekte bleiben auch im weiteren Verlauf prägend.

Der Kanton Thurgau übernimmt damit eine noch zentralere Rolle. Wie gestaltet sich vor diesem Hintergrund die Zusammenarbeit mit dem Kanton St.Gallen und den weiteren Partnern?
DD: Die Zusammenarbeit mit dem Kanton St.Gallen ist weiterhin eng und partnerschaftlich. Trotz der neuen Rolle des Kantons Thurgau bleibt die Abstimmung zwischen den beiden Kantonen zentral für den Projekterfolg.
RL: Das gilt auch für die weiteren Projektpartner, also den Bund, die beteiligten Gemeinden Münchwilen und Sirnach, die Stadt Wil sowie die Regio Wil. Auf operativer Ebene arbeiten alle Beteiligten in bestehenden Strukturen koordiniert zusammen, während die strategische Abstimmung insbesondere über das Agglomerationsprogramm Wil sowie über politisch-strategische Begleitgremien erfolgt.

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Welche Meilensteine stehen in den kommenden Jahren nun an?
RL: In der ersten Hälfte 2026 steht die Unterzeichnung des Vorvertrags zwischen Thurgau und St.Gallen an. Darauf folgen in der ersten Hälfte 2027 die kommunalen Abstimmungen in Münchwilen und Sirnach zu den Beiträgen an die Strassen- und Wegeinfrastruktur. Ein zentraler Meilenstein ist die öffentliche Auflage in der zweiten Hälfte 2027. Diese umfasst den Autobahnanschluss, Anpassungen an der Bahnlinie Frauenfeld–Wil mit neuer Haltestelle sowie die kantonalen Strassen- und Wegeprojekte und die Kantonale Nutzungszone inklusive Landumlegung. Parallel dazu wird der Investorenprozess gestartet, bevor der Grosse Rat über die Finanzierung entscheidet. 

Wann ist aus heutiger Sicht mit der baulichen Erschliessung des Areals zu rechnen?
RL: Wir erwarten, dass Anfang 2030 sowohl die Einzonung als auch die notwendigen Genehmigungen für die Infrastruktur rechtskräftig vorliegen, sofern keine Rechtsmittelverfahren zu Verzögerungen führen. Die Bauarbeiten dürften anschliessend rund fünf bis sechs Jahre dauern, womit eine Erschliessung gegen 2035 realistisch erscheint.

Der geplante Anschluss an die A1 gilt als zentrales Element. Wie weit ist die Planung hier fortgeschritten?
RL: Sie ist weit fortgeschritten und befindet sich auf dem gleichen Stand wie die übrigen Infrastrukturprojekte. Der Anschluss ist eng mit dem Gesamtterminplan verknüpft, weshalb eine abgestimmte Umsetzung der Bundes- und Kantonsprojekte entscheidend ist.

«Rechtsmittelverfahren können sowohl Zeitplan als auch Kostenentwicklung beeinflussen.»

Ist die Finanzierung der nächsten Projektphasen gesichert?
DD: Die Finanzierung bis zur öffentlichen Auflage ist grundsätzlich gesichert, vorbehaltlich der Budgetgenehmigung 2027 durch den Grossen Rat. Für die anschliessende Realisierung sind jedoch weitere politische Entscheide erforderlich, insbesondere auf kommunaler Ebene sowie durch den Grossen Rat zur Freigabe der notwendigen Mittel.

Gibt es bereits Interessenten für eine Ansiedlung im Gebiet Wil West?
DD: Konkrete oder vertraglich gesicherte Interessenten gibt es derzeit noch nicht. Zunächst wird eine Investorenausschreibung durchgeführt, auf deren Basis gezielt passende Unternehmen angesprochen werden können. Gleichzeitig zeigt sich bereits heute ein spürbares Interesse aus verschiedenen Branchen, von Industrie und Gewerbe bis zu Dienstleistungen und Investoren.

Wie positioniert sich Wil West im Vergleich zu anderen Wirtschaftsgebieten in der Ostschweiz?
DD: Wil West richtet sich gezielt an wertschöpfungsstarke Unternehmen. Grundlage dafür sind hohe Anforderungen an Bauqualität, Nachhaltigkeit, Mobilität und Energieversorgung, die sich auch im Landpreis widerspiegeln. Gleichzeitig entsteht dadurch ein qualitativ hochwertiges Profil. Die Lage im Korridor Zürich–Winterthur–St.Gallen–Rheintal mit einer guten Anbindung an Bahn und Strasse ist ein wesentlicher Standortvorteil und ermöglicht eine hohe Erreichbarkeit.

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Das Projekt wurde im politischen Prozess insbesondere ökologisch und verkehrlich überarbeitet. Welche dieser Anpassungen waren entscheidend für die Akzeptanz?
RL: Entscheidend sind vor allem Verbesserungen bei Mobilität, Flächennutzung und Ökologie. Dazu gehören eine weitere Reduktion des motorisierten Verkehrs, eine effizientere Nutzung des Bodens sowie zusätzliche Grün- und Wasserflächen. Ergänzend kompensiert der Kanton St.Gallen freiwillig zusätzliche Flächen zur bereits vollständigen Kompensation der Fruchtfolgeflächen durch den Kanton Thurgau; auch die angestrebte SNBS-Zertifizierung trägt zur Akzeptanz bei.

Welche Branchen oder Nutzungen sollen künftig prioritär angesiedelt werden?
DD: Eine abschliessende Festlegung gibt es derzeit noch nicht, da die Kriterien erst im Rahmen der Investorenausschreibung konkretisiert werden. Im Fokus stehen jedoch Unternehmen mit hoher Wertschöpfung und einer entsprechenden Arbeitsplatzdichte. Aktuell wird von rund 2000 bis 3000 Arbeitsplätzen ausgegangen. Für Münchwilen ist ein ausgewogener Nutzungsmix vorgesehen, während in Sirnach der Fokus stärker auf lokales Gewerbe und Industrie liegt.

«Konkrete Ansiedlungen stehen erst nach der Investorenausschreibung fest.»

Wo sehen Sie die grössten Risiken für Verzögerungen oder Mehrkosten im weiteren Projektverlauf?
RL: In möglichen Rechtsmittelverfahren im Zusammenhang mit der öffentlichen Auflage. Diese können sowohl den Zeitplan als auch die Kostenentwicklung beeinflussen, weshalb eine sorgfältige Planung und enge Abstimmung zentral sind.

Wann wird Wil West für die Region erstmals spürbare wirtschaftliche Effekte bringen?
DD: Erste spürbare Effekte für die Region sind ab Mitte der 2030er-Jahre zu erwarten, insbesondere mit dem Fortschritt der Erschliessung und den ersten Unternehmensansiedlungen.

Text: Patrick Stämpfli

Bild: Rebekka Grossglauser

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