Balanceakt zwischen Belastung und Anpassungsfähigkeit
Widler fasst die aktuelle Lage so zusammen: «Das Thurgauer Gewerbe zeigt sich insgesamt weiterhin robust, aber die Belastungen haben klar zugenommen.» Während sich das Baugewerbe weiterhin stabil entwickle und im Ausbau und Baunebengewerbe die Abschaffung des Eigenmietwerts aktuell für zusätzliche Nachfrageimpulse sorge, sei die Situation in der Exportwirtschaft deutlich anspruchsvoller. «Wechselkursrisiken und steigende Energiepreise stellen eine grosse Herausforderung dar.» Viele Unternehmen arbeiteten noch auf solidem Niveau, stünden aber unter wachsendem Druck und müssten zunehmend flexibel und vorausschauend agieren.
«Es braucht vor allem Entlastung im regulatorischen Bereich.»
Kosten, Nachfrage und Personal unter Druck
Besonders spürbar sei der Gegenwind auf der Kostenseite. «Energie, Materialien und Löhne haben sich spürbar verteuert», sagt Widler. Gleichzeitig sei bei den Kunden eine gewisse Zurückhaltung festzustellen, insbesondere bei grösseren Investitionen. Und auch beim Personal bleibe die Lage angespannt. «Diese gleichzeitige Belastung auf mehreren Ebenen macht das wirtschaftliche Umfeld aktuell besonders herausfordernd.»
Damit rückt die Margensituation in den Fokus. «Die Kosten steigen schneller, als sie am Markt durchgesetzt werden können», erklärt Widler. Das schmälere die Erträge und reduziere den finanziellen Spielraum für Investitionen. Kurzfristig würden Effizienzsteigerungen einen Teil dieser Entwicklung auffangen, langfristig brauche es jedoch stabilere Rahmenbedingungen.
Fachkräfte bleiben ein Engpass
Ein Dauerbrenner bleibt der Fachkräftemangel. «Eine generelle Entspannung ist nicht erkennbar», so Marc Widler. Besonders in handwerklichen Berufen sei der Mangel weiterhin ausgeprägt. Im kaufmännischen und administrativen Bereich habe sich die Situation zwar leicht verbessert, doch gerade für kleinere Betriebe könne es kritisch werden, wenn zentrale Funktionen nicht besetzt werden könnten. Positiv bewertet Widler, dass die Berufsbildung wieder stärker in den Fokus rücke. «Das ist entscheidend für die Zukunft.»
Mit Sorge beobachtet der TGV zudem eine gesellschaftliche Entwicklung: «Der direkte Bezug zur Wirtschaft ist für viele weniger greifbar geworden, während gleichzeitig die Erwartungen an Unternehmen steigen.» Dabei werde oft übersehen, dass der Wohlstand wesentlich von einer funktionierenden Wirtschaft abhänge. «Erfolgreiche Betriebe schaffen Arbeitsplätze, investieren und tragen zur Stabilität unserer Gesellschaft bei.» Diesen Zusammenhang gelte es wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken.
Bürokratie belastet den Alltag
Auch die Bürokratie bleibt ein zentrales Thema. «Bürokratie kostet in erster Linie Zeit und damit auch Geld», sagt Widler. Unternehmer seien zunehmend mit administrativen Aufgaben beschäftigt, die nicht direkt zur Wertschöpfung beitrügen. «Das ist Unsinn.» Häufig entstünden zusätzliche Kosten, weil externe Unterstützung benötigt werde. Gleichzeitig nehme die Komplexität weiter zu und erschwere den Arbeitsalltag.
Im Bau- und Ausbaugewerbe zeigen sich erste Bremsspuren. Projekte würden vorsichtiger geplant, teilweise verschoben oder in kleinerem Umfang umgesetzt. Gleichzeitig gebe es im Ausbau und Baunebengewerbe durch die Abschaffung des Eigenmietwerts zusätzliche Impulse, da werterhaltende Investitionen bis Ende 2028 steuerlich abzugsfähig seien.
«Im Bau- und Ausbaugewerbe zeigen sich erste Bremsspuren.»
Lokale Stärke trotz Wettbewerb
Der Detailhandel steht neben der allgemeinen Kaufunlust wegen der geopolitischen Situation unter Druck durch Onlineanbieter und Einkaufstourismus. Dennoch behauptet sich das lokale Gewerbe. «Der Wettbewerb ist intensiv, aber wir punkten mit Nähe, Service und Qualität», sagt Widler. Die Situation habe sich zuletzt stabilisiert, ein weiterer Abfluss in den Onlinehandel sei aktuell nicht festzustellen. Viele Betriebe setzten gezielt auf persönliche Beratung und neue Preismodelle, etwa Beratungspauschalen, die beim Kauf angerechnet werden.
Bei der Digitalisierung zeigt sich ein gemischtes Bild. «Fortschritte gibt es vor allem dort, wo Digitalisierung konkret entlastet», sagt Widler. Viele Betriebe nutzten digitale Lösungen zur Effizienzsteigerung. Gleichzeitig bleibe die Umsetzung im Alltag schwierig, insbesondere bei knappen personellen Ressourcen. Gefragt seien einfache und praxisnahe Ansätze.
Politische Rahmenbedingungen: ausbaufähig
Ein weiteres strukturelles Thema ist die Nachfolgefrage, vor der aktuell viele Betriebe stehen. «Das Risiko, keine adäquate Nachfolge zu finden, ist vorhanden und sollte nicht unterschätzt werden», warnt Marc Widler. Ohne geeignete Lösungen könnten auch gesunde Betriebe vom Markt verschwinden oder in grössere Strukturen integriert werden. Entscheidend sei, frühzeitig Perspektiven zu schaffen und Unternehmertum für die nächste Generation attraktiv zu halten. «Es braucht aber auch den Mut, sein Lebenswerk in jüngere Hände zu geben.»
Mit Blick auf die Politik formuliert der TGV-Geschäftsführer eine zentrale Erwartung: «Es braucht vor allem Entlastung im regulatorischen Bereich.» Weniger Bürokratie, schnellere Verfahren und verlässliche Rahmenbedingungen würden den Betrieben unmittelbar helfen. Gleichzeitig mahnt er auch zur Zurückhaltung in den eigenen Reihen: «Der Staat ist keine Vollkaskoversicherung.» Seine Aufgabe sei es, gute Rahmenbedingungen zu schaffen und die wirtschaftliche Freiheit zu gewährleisten. «Er sollte sich darauf beschränken.»
Das Thurgauer Gewerbe bleibt damit das stabile Fundament der regionalen Wirtschaft, getragen von Anpassungsfähigkeit, Unternehmergeist und der Fähigkeit, auch in anspruchsvollen Zeiten Lösungen zu finden.
Text: Stephan Ziegler
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer