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Zwischen Sicherheitsbedürfnis und Exporthürden

Zwischen Sicherheitsbedürfnis und Exporthürden
Giuseppe Chillari
Lesezeit: 3 Minuten

Die geopolitische Lage verändert auch den Wirtschaftsraum Thurgau. Beim Kreuzlinger Fahrzeughersteller GDELS-Mowag nimmt die Nachfrage nach geschützten Militärfahrzeugen deutlich zu. Gleichzeitig gerät die Schweizer Rüstungsindustrie wegen strenger Exportregeln und gesellschaftlicher Debatten zunehmend unter Druck.

Mit rund 1000 Mitarbeitern zählt GDELS-Mowag zu den grösseren Industriearbeitgebern im Thurgau. Dazu kommen Zulieferbetriebe aus der Region sowie aktuell 62 Lehrlinge in 13 Berufen. Für CEO Giuseppe Chillari ist klar: «Wir leisten einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung unserer Region.» 

Der Standort Kreuzlingen zählt seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Schweizer Produktionsstandorten der Branche. Produziert werden unter anderem die Fahrzeugplattformen EAGLE, DURO und PIRANHA, die international eingesetzt werden. Gleichzeitig ist das Unternehmen tief in der Ostschweizer Industrielandschaft verankert. Neben hochspezialisierten Ingenieuren und Fachkräften beschäftigt GDELS-Mowag auch viele Angestellte in Produktion, Logistik und technischen Berufen. Hinzu kommen regionale Unternehmen, die direkt oder indirekt mit dem Fahrzeughersteller zusammenarbeiten.

«Die Nachfrage nach unseren Fahrzeugen ist seit 2022 deutlich gestiegen.»

Sicherheitspolitik verändert den Markt

Dass ein Unternehmen aus dem Thurgau heute stärker im Fokus steht als noch vor wenigen Jahren, hat vor allem mit der Entwicklung in Europa zu tun. Der Krieg in der Ukraine und die Diskussionen über die Verteidigungsfähigkeit europäischer Staaten haben die Branche grundlegend verändert. Viele europäische Staaten investieren wieder stärker in ihre Verteidigungsfähigkeit und die Modernisierung bestehender Fahrzeugflotten.

«Die Nachfrage nach unseren geschützten Fahrzeugen ist seit 2022 deutlich gestiegen», erklärt Chillari. Viele Staaten hätten Investitionen über Jahre hinausgeschoben. «Daher gibt es in den meisten Fällen grossen Nachholbedarf bei Neuanschaffungen sowie beim Unterhalt und bei Reparaturen bestehender Fahrzeugflotten.»

Für GDELS-Mowag bedeutet das nicht nur zusätzliche Aufträge, sondern auch steigende Anforderungen an Produktion, Planung und Lieferfähigkeit. Gleichzeitig spielt der Zugang zu qualifiziertem Personal für den Standort weiterhin eine zentrale Rolle. «Für den Standort sprechen eindeutig der ausgezeichnete Zugang zu Fachpersonal sowie die Ausbildung und die Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter», so der CEO.

Der Fachkräftemangel beschäftigt auch die Industrie im Thurgau. Umso wichtiger sei die eigene Ausbildung und der langfristige Erhalt von technischem Know-how. Gerade für spezialisierte Industriebetriebe wird die Sicherung von Fachwissen zunehmend zu einem wichtigen Standortfaktor.

Fallback  Kermi  

Politische Unsicherheit belastet das Geschäft

An Grenzen stösst das Unternehmen laut Chillari dagegen zunehmend bei den politischen Rahmenbedingungen. Kritisch beurteilt er die Schweizer Exportregeln. «Die strikte Exportregulierung bringt uns klare Nachteile im internationalen Wettbewerb.»

Laut Chillari würden internationale Kunden den Schweizer Behörden teilweise nur noch eingeschränkt vertrauen. Hintergrund sind unter anderem Diskussionen um die Wiederausfuhr von Munition und Militärfahrzeugen in europäische Staaten. «Deshalb sehen wir uns zunehmend mit Forderungen unserer Kunden konfrontiert, nur bei uns zu kaufen, wenn keine Schweizer Endverbleibserklärung benötigt wird.» Die Folgen könnten laut Chillari weit über die eigene Branche hinausreichen. «Das hat zur Folge, dass wir bei solchen Aufträgen einen Teil der Produktion ins Ausland verlegen müssen.» Gerade kleinere Schweizer Rüstungsunternehmen könnten mit der aktuellen Gesetzgebung zunehmend unter Druck geraten. «Nicht jede Firma ist in der Lage, kurzfristig ein neues Werk im Ausland zu realisieren.»

Für internationale Kunden werde Planungssicherheit zunehmend zu einem entscheidenden Faktor. Viele europäische Staaten investieren derzeit stark in ihre Verteidigungsfähigkeit und erwarten langfristige Verlässlichkeit bei Beschaffung, Unterhalt und Ersatzteilen. Entsprechend sensibel reagieren Kunden auf mögliche Einschränkungen bei Exporten oder Wiederausfuhren.

Eine Branche im gesellschaftlichen Spannungsfeld

Auch gesellschaftlich habe sich die Wahrnehmung der Branche verändert. Lange sei die Diskussion über die Rüstungsindustrie sehr einseitig geführt worden. «Niemand kauft unsere Produkte, weil er sie einsetzen möchte.» Sie sollten vielmehr abschreckend wirken und möglichst nie zum Einsatz kommen.

Während nach dem Kalten Krieg vielerorts von einer sogenannten Friedensdividende gesprochen wurde und zahlreiche Staaten ihre Verteidigungsausgaben reduzierten, hat sich die Debatte in Europa seit 2022 deutlich verändert. Sicherheitspolitische Fragen werden heute wieder breiter diskutiert als noch vor wenigen Jahren. «Viele erkennen nun die Notwendigkeit unserer Produkte», sagt Chillari. Gleichzeitig seien viele der Meinung, «dass mehr für die Sicherheit unseres Landes getan werden muss».

Für den CEO geht die Diskussion deshalb längst über einzelne Exportfragen hinaus. Er sieht darin auch eine industriepolitische Frage für die Schweiz. «Unser Milizsystem ist auf Fachpersonal aus der Rüstungsindustrie und dessen Know-how angewiesen.» Wenn Unternehmen ihre Produktion zunehmend ins Ausland verlagern müssten, steige auch die Abhängigkeit vom Ausland weiter an.

Damit betrifft die Diskussion rund um die Schweizer Rüstungsindustrie längst nicht mehr nur sicherheitspolitische Fragen. Für Industriestandorte wie den Thurgau geht es auch um Arbeitsplätze, technologische Kompetenzen, Berufsbildung und die Frage, wie viel industrielle Wertschöpfung künftig in der Schweiz bleiben soll.

Text: Patrick Stämpfli

Bild: Marlies Beeler-Thurnheer

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