Wirtschaftsraum Thurgau

Weniger Glamour, mehr Substanz

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Wer die Thurgauer Wirtschaft nur als solides Konglomerat aus Gewerbe, Tourismus und Landwirtschaft wahrnimmt, greift zu kurz. Der Kanton vereint eine bemerkenswerte industrielle Dichte, eine starke Ernährungswirtschaft, gewichtige Arbeitgeber im Gesundheitswesen und in der Energieversorgung, exportstarke Technologieunternehmen sowie eine Bank, die weit über die klassische Kreditvergabe hinaus als Taktgeberin des Standorts wirkt.

Der Thurgau ist kein Kanton der grossen Schlagzeilen, aber einer der wirtschaftlich interessantesten Räume der Ostschweiz. Ende 2023, die aktuellsten verfügbaren Zahlen, waren im Kanton 148’637 Personen in 22’004 Unternehmen beschäftigt. Seit 2018 entstanden damit knapp 11’000 zusätzliche Arbeitsplätze. Gleichzeitig trägt der Thurgau 2,6 Prozent zum Schweizer Bruttoinlandprodukt bei. Das BIP pro Einwohner liegt mit rund 70’500 Franken zwar unter dem Schweizer Durchschnitt von etwa 90’000 Franken. Diese Differenz erklärt sich aber durch die Struktur des Kantons: weniger Konzernzentralen, dafür mehr Industrie, Produktion und KMU.

Das eigentliche Rückgrat bildet eine breit aufgestellte industrielle Basis.

Die kantonale Wirtschaftsförderung nennt als starke Branchen die Metallbe- und -verarbeitung, den Maschinenbau, die Lebensmittelindustrie, die Kunststoffindustrie, die ICT sowie die Medizintechnik. Genau darin liegt eine besondere Stärke des Thurgaus: Er hängt nicht an einem einzelnen Sektor. Wenn die Industrie schwächelt, tragen Bau, Gesundheit, Grundversorgung oder Binnenkonsum mit. Wenn der Binnenmarkt an Dynamik verliert, liefern exportorientierte Firmen aus Sensorik, Bahntechnik, Bauzulieferung oder Spezialverpackung Gegenimpulse. Der Thurgau ist damit nicht spektakulär monolithisch, sondern belastbar diversifiziert.

Diese Breite zeigt sich auch bei den prägenden Unternehmen. Stadler mit Hauptsitz in Bussnang ist der international sichtbarste industrielle Anker. Der Schienenfahrzeughersteller beschäftigt weltweit mehr als 17’000 Mitarbeiter, davon rund 6000 in der Schweiz, und gehört zu den wichtigsten industriellen Aushängeschildern des Kantons.

Daneben steht die Arbonia in Arbon, die sich nach tiefgreifendem Umbau fokussierter aufgestellt hat und 2025 einen Umsatz von 624,5 Millionen Franken sowie eine verbesserte operative Marge auswies. Baumer in Frauenfeld ist ein weiterer Schlüsselplayer, wenn auch weniger laut. Die Gruppe beschäftigt rund 2900 Mitarbeiter weltweit und ist in der Sensorik und Messtechnik global präsent. Dazu kommt die Model Group mit Hauptsitz in Weinfelden, die 2025 einen Gruppenumsatz von 936 Millionen Franken und 4344 Mitarbeiter ausweist. Das sind keine Randphänomene, sondern Unternehmen, die den Kanton international vernetzen.

Zum industriellen Kern gehören zudem Firmen, die das Profil des Kantons in ganz unterschiedlichen Märkten schärfen. General Dynamics European Land Systems Mowag in Kreuzlingen ist als Wehrtechnikstandort politisch sensibel, wirtschaftlich aber ein Schwergewicht. Sky-Frame in Frauenfeld wurde 2025 mit dem Thurgauer Wirtschaftspreis ausgezeichnet und steht exemplarisch für international erfolgreiche Nischenanbieter. Die Holy Fashion Group in Kreuzlingen hält mit ihren Marken Joop!, Strellson und Windsor ein internationales Modehaus im Kanton und ist in rund 50 Ländern aktiv. 

Ifolor wiederum zeigt, dass auch ein traditionsreiches Fotounternehmen digital bestehen kann. Das Unternehmen beschäftigt insgesamt rund 250 Mitarbeiter, davon rund 130 am Hauptsitz in Kreuzlingen.

Berhalter  Klimamacher  

Ein zweites Schwergewicht ist die Ernährungswirtschaft.

Sie ist im Thurgau nicht bloss ein Anhängsel der Landwirtschaft, sondern ein eigenständiger industrieller Block. Die Region profitiert von der Nähe zu Qualitätsrohstoffen wie Äpfeln, Beeren, Getreide, Zucker und Fleisch, was die kantonale Wirtschaftsförderung ausdrücklich als Standortvorteil nennt. A.Vogel in Roggwil steht exemplarisch für die Verbindung von Natur, Marke und internationalem Vertrieb. Das Unternehmen erzielt rund 115 Millionen Franken Umsatz, ist in über 25 Ländern präsent und beschäftigt rund 500 Mitarbeiter weltweit, davon rund 170 in der Schweiz. Die Lebensmittelproduktion in Bischofszell bleibt ein wichtiger industrieller Anker innerhalb der Migros-Industrie. Der Thurgau ist damit nicht nur Apfelland, sondern ein ernst zu nehmender Produktionsstandort für Lebensmittel und Gesundheitsprodukte.

Neben Industrie und Ernährung spielt auch die Bauwirtschaft eine zentrale, oft unterschätzte Rolle. Sie trägt nicht nur substanziell zur Wertschöpfung bei, sondern wirkt als stabilisierender Faktor in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Während exportorientierte Industriebetriebe zuletzt unter schwächerer Nachfrage litten, präsentiert sich das Baugewerbe im Thurgau weiterhin in guter Verfassung.

Die Auftragslage bleibt mehrheitlich solide, getragen von Wohnbau, Sanierungen und Infrastrukturprojekten. Gleichzeitig zeigt sich jedoch eine strukturelle Herausforderung: Der Fachkräftemangel wirkt zunehmend bremsend und wird von vielen Betrieben stärker gewichtet als die Nachfrage selbst.

«Der Thurgau hat seine wirtschaftliche Stärke nicht trotz seiner Struktur, sondern wegen ihr.»

Wer über die Thurgauer Wirtschaft schreibt, darf die staatsnahen Schwergewichte nicht ausblenden.

Die Thurgauer Kantonalbank ist weit mehr als eine Bank unter vielen. Sie zählt mit 926 Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von rund 36 Milliarden Franken zu den grösseren Banken der Schweiz, gewann 2025 weitere 5500 Kunden und ist die führende Universalbank im Kanton.

Ähnliches gilt für die EKT. Sie gehört vollständig dem Kanton Thurgau, sichert die Energieversorgung, betreibt das Glasfasernetz TGNet und ist zunehmend auch in Daten, Wärme und Planung aktiv. Nach der Übernahme der Edelmann Ingenieurbüro AG wuchs die Gruppe auf gegen 190 Mitarbeiter. Zusammen mit der Thurmed-Gruppe mit rund 5200 Mitarbeitern zeigt sich, dass auch öffentliche oder öffentlich geprägte Akteure zu den grossen wirtschaftlichen Taktgebern zählen.

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Nicht minder wichtig ist die KMU-Ebene.

Sie macht den Kanton beweglich, sorgt für Ausbildungsplätze, Nachfolgelösungen, Zulieferketten und regionale Stabilität. Die IHK Thurgau vereint mehr als 600 Unternehmen, die zusammen über 35’000 Personen beschäftigen und rund 2000 Lehrlinge ausbilden. Der Thurgauer Gewerbeverband versteht sich als zentraler wirtschaftspolitischer Partner der KMU. Ergänzt werden diese Strukturen durch Plattformen wie das Thurgauer Technologieforum sowie durch neue Innovationsräume wie den I+D Campus in Kreuzlingen, der seit Februar 2026 Unternehmen Zugang zu Forschung, Innovationsberatung und Co-Working bietet.

Hinzu kommt eine weitere Eigenheit des Thurgaus: Die Landwirtschaft ist zwar nicht mehr der dominante Wertschöpfungstreiber, sie bleibt aber identitätsstiftend und ökonomisch relevant. Anfang 2024 gab es im Kanton 2280 Betriebe mit Landbewirtschaftung. Diese Basis speist nicht nur die Ernährungswirtschaft, sondern prägt auch Kulturlandschaft, Direktvermarktung und regionale Markenbildung. Im Thurgau sind Primärproduktion, Industrie und Handel enger miteinander verzahnt als in vielen anderen Regionen.

So robust dieses Modell wirkt, so klar sind auch die Herausforderungen.

Die Industrie leidet unter schwacher Auslandnachfrage, mehr als zwei Drittel der Betriebe meldeten Anfang 2026 eine ungenügende Nachfrage. Gleichzeitig bleibt der Fachkräftemangel ein zentrales Thema. Die wirtschaftlichen Perspektiven sind vorsichtig positiv, aber nicht frei von Risiken. 

Für einen exportorientierten Kanton wie den Thurgau bleiben das internationale Umfeld, die Beziehungen zur EU, die Verfügbarkeit von Gewerbeflächen und die Verkehrsinfrastruktur entscheidend. Die IHK drängt auf die Umsetzung der N23-Teilprojekte, weil sie für die regionale Entwicklung zentral sind. Auch Projekte wie Wil West stehen exemplarisch für die Frage, ob der Kanton künftig genügend Raum für wirtschaftliches Wachstum bieten kann. 

Der Thurgau hat seine wirtschaftliche Stärke nicht trotz seiner Struktur, sondern wegen ihr. Er besitzt keine dominante Einzelbranche und kein übermächtiges Zentrum. Seine Kraft liegt in der Kombination aus industrieller Tiefe, unternehmerischer Breite, staatlicher Stabilität und regionaler Verwurzelung. Das macht ihn widerstandsfähig, aber nicht selbstgenügsam.

Text: Stephan Ziegler

Bild: KI/Doris Hollenstein

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