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«Investitionen in Nachhaltigkeit lohnen sich»

«Investitionen in Nachhaltigkeit lohnen sich»
Judith Walls
Lesezeit: 7 Minuten

An der HSG forscht Professorin Judith Walls zu Nachhaltigkeitsthemen, insbesondere aus Sicht der Unternehmensführung. Sie hat gerade an einer Studie mitgearbeitet, die verbreitetes Greenwashing bei grossen US-Firmen aufgezeigt hat.

Alle Welt will plötzlich nachhaltig sein, Unternehmen halten die Corporate Social Responsibility hoch. Sehen Sie, Frau Walls, diese Bemühungen positiv?
Doch, das ist eine gute Sache. Zuallererst muss ja in jedem Unternehmen das Bewusstsein dafür geschaffen werden, was überhaupt all die Themen sind, um die sie sich kümmern sollen. Mit einem Materiality Assessment, einer Wesentlichkeitsanalyse, können die Unternehmen die für sie wichtigsten Nachhaltigkeitsthemen identifizieren und priorisieren. So erhalten sie eine Übersicht.

Das klingt nach viel Aufwand.
Ja, so eine Analyse kann 18 Monate oder auch zwei Jahre dauern, bis ein Unternehmen wirklich weiss, worum es überhaupt geht. Dazu macht man Interviews mit Stakeholdern, man untersucht die verfügbaren Daten der eigenen Prozesse und der Lieferkette. Doch es gibt so viele Themen, dass es sich lohnt, die für jedes Unternehmen relevanten Schlüsselthemen zu erkennen und den Fokus darauf zu richten. Was ist wichtig für die Welt, für die Gesellschaft, aber eben auch: Was ist wichtig für unser Geschäft? 

Sind es nicht immer die gleichen Themen?
Der Klimawandel ist für alle ein Thema. Aber Aspekte wie Biodiversität oder Hunger spielen nicht für alle Firmen die gleiche Rolle. Wenn ein Unternehmen in der Landwirtschaft arbeitet, dann ist Biodiversität sicher wichtig, für ein Consulting-Büro dürfte es weniger wichtig sein.

«Manchmal ist die Akzeptanz für Nachhaltigkeitsthemen klein.»

Schrecken nicht viele Firmen vor dem Aufwand zurück?
Gerade für KMU bedeuten Nachhaltigkeitsberichte sehr viel Aufwand, zumal oft die Expertise dafür im Unternehmen fehlt und manchmal auch die Akzeptanz für Nachhaltigkeitsthemen klein ist. Doch die Corporate Sustainability Reporting Directive, eine Richtlinie der EU, verpflichtet inzwischen grössere Unternehmen, detailliert über Nachhaltigkeitsaspekte in den Dimensionen Environmental, Social and Governance, also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung, zu berichten. Die Schweiz erarbeitet eine eigene Vorgabe, die sich stark an die EU-Richtlinie anlehnen dürfte.

Dann müssen Schweizer Firmen, die mit Europa handeln, den Aufwand nur einmal betreiben. Oder braucht es noch andere Angaben für die USA?
US-Unternehmen sind verpflichtet, alles offenzulegen, was wesentliche finanzielle Auswirkungen haben kann. Die Securities and Exchange Commission hatte Pläne zur Offenlegung klimabezogener Risiken, doch unter der Trump-Administration wurden diese Regeln abgeschafft. Einzelne Bundesstaaten wie Kalifornien verfolgen jedoch eigene Ansätze.

Dann bleibt den US-Unternehmen der Aufwand erspart?
Es gibt in den USA viele Unternehmen, die dennoch eine Berichterstattung machen, das hat in den letzten 20 Jahren sehr stark zugenommen. Die Firmen tun dies als transparente Information für die Stakeholder, aber auch für Kunden und Lieferanten in Europa, die diese Daten für ihre eigene Berichterstattung brauchen. Wenn sie eine Niederlassung in der EU haben, sind sie ohnehin zur Berichterstattung verpflichtet. Inzwischen machen einige US-Unternehmen aber trotzdem keine Nachhaltigkeitsberichterstattung mehr, vielleicht aus Angst, dass sie angesichts der Administration Trump etwas Falsches sagen. Darum machen sie jetzt lieber Green Hushing.

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Green Hushing?
Das ist mehr oder weniger das Gegenteil von Greenwashing. Die Unternehmen agieren immer noch nachhaltig und legen Wert auf Diversity, aber sie sagen nichts mehr darüber. Das ist immerhin besser als der umgekehrte Fall, etwas zu kommunizieren, aber nichts zu machen.

Das wäre dann Greenwashing.
Genau, dann wird Nachhaltigkeit vor allem als Marketingaktivität benutzt. Beim Greenwashing klafft eine Lücke zwischen dem, was man sagt, und dem, was man tut.

Sie haben gerade mit anderen Forschern eine Studie publiziert, wonach etliche der grössten US-Unternehmen bei ihren Klimazielen mogeln.
In der Studie haben wir über einen Zeitraum von zwölf Jahren betrachtet, ob die Unternehmen gesetzte Klimaziele erreichen. Dabei haben wir erkannt, dass mehr als die Hälfte der Firmen nicht konsistent handelt. Entweder fehlt ein Ziel plötzlich in der Berichterstattung, oder es wurde ohne Begründung ein anderes, neues Ziel formuliert. Das kommt insbesondere bei jenen Firmen öfters vor, die mehr fossile Brennstoffe verbraucht haben. Trotzdem erreichen nur 30 Prozent der Unternehmen, die so handeln, ihre gesetzten Ziele.

«Beim Greenwashing klafft eine Lücke zwischen dem, was man sagt, und dem, was man tut.»

Ist das bei den Firmen, die zu ihren Zielen stehen, anders?
Ja, 86 Prozent der Firmen, die konsistent blieben, haben ihre Ziele erreicht. Daraus lässt sich schliessen: Wer seine Ziele nicht ernst nimmt und ohne Begründung anpasst, verfolgt diese Ziele auch nicht systematisch.

Wie wird denn bei den Zielen gemogelt?
Wenn man sieht, dass man eine angekündigte CO2-Reduktion nicht bis 2025 schafft, schreibt man hinter das Ziel einfach 2030. Oder man ändert das Jahr, auf das man sich bezieht, dann gilt die Reduktion plötzlich gegenüber 2015 und nicht mehr gegenüber 2020. Wir haben auch gesehen, dass ein Ziel in dem Jahr, in dem es erreicht wurde, überhaupt das erste Mal deklariert wurde.

Wer will denn schon zeigen, dass man Klimaziele nicht erreicht?
Es gibt durchaus Firmen, die aufzeigen, dass sie mehr CO2 ausgestossen haben als geplant war. Das ist nicht gut, aber es ist definitiv besser, das korrekt darzustellen, als diesen Ausstoss durch Tricks niedriger erscheinen zu lassen. Wir haben in der Studie Unternehmen, die Klimaziele nicht erreichen, nicht als inkonsistent bezeichnet, wenn die Darstellung nachvollziehbar ist und erklärt wird, warum das Ziel nicht erreicht wurde. Auch wenn sich eine Firma ein neues, vielleicht realistischeres Ziel setzt, wurde das nicht kritisiert, solange das begründet wurde. 

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Dann waren die Ziele zu ambitioniert?
Es kann viele Gründe geben, warum man ein Ziel nicht erreicht. Vielleicht wurden seither Unternehmensteile verkauft oder neue Sparten integriert, vielleicht ist eine neue Produktionslinie noch nicht so effizient wie ursprünglich erhofft. Wenn solche Probleme erklärt werden, sahen wir in der Studie kein Problem in der Berichterstattung.

Die Anwendung der EU-Richtlinie führt zumindest auf unserem Kontinent dazu, dass die Nachhaltigkeitsberichterstattung eines Unternehmens auf 100 Seiten anwachsen kann. Sind solche Vorschriften noch vernünftig?
Vor wenigen Jahren gab es Reports mit 200 oder gar 300 Seiten. Abgebildet werden ja nicht nur ökologische Fragen, sondern auch Themen der sozialen Verantwortung. Man muss eine Balance finden, die richtigen Aspekte im Bericht drin haben, aber auch den Aufwand eingrenzen. Die EU hat mit dem Omnibus-Paket, einer Initiative zur Entbürokratisierung, die Berichterstattungspflicht gemäss der Corporate Sustainability Reporting Directive vereinfacht, um gerade für kleine Unternehmen den Aufwand und damit die Kosten zu begrenzen.

Dann braucht der Bericht weniger Platz im Bücherregal ...
Der Bericht gehört auf den Tisch des Managements, damit es sieht, wo es welche Risiken im Betrieb hat, merkt, welche Chancen sich eröffnen, und sich klar darüber wird, mit welchen Strategien es das Unternehmen weiterführen will.

«Klimabezogene Angaben in der Werbung müssen belegbar sein, andernfalls gelten sie als irreführend und unlauter.»

Wenn ein Unternehmen weniger Energie braucht, profitiert es ökonomisch. Nachhaltigkeit ist nicht nur fürs Schaufenster.
Oft sind das Low Hanging Fruits, die zu pflücken in jeder Beziehung sinnvoll ist. Die Unternehmen erkennen durchaus, dass Energiesparen oder der Einsatz erneuerbarer Energie mit der Zeit ein Business Case ist. Klar, eine Photovoltaikanlage kostet erst einmal etwas. Aber sie liefert auch einen Return. Firmen, die schon vor 25 Jahren Geld für solche Themen in die Hand nahmen, mussten sich gegenüber ihren Investoren viel mehr rechtfertigen als heute. Künftig werden Unternehmen erklären müssen, warum sie nicht in die Nachhaltigkeit investiert haben. Der Preis für CO2-Emissionen wird ansteigen, in ein paar Jahren kann der vermeidbare Ausstoss von CO2 das Unternehmen teuer zu stehen kommen.

Der grösste Druck dürfte aber von Kundenseite kommen?
Wenn eine Firma ein Produkt herstellt, das im Betrieb nachhaltiger ist als die Produkte der Mitbewerber, dann ist das auf dem Markt ein ausgezeichnetes Argument. Ebenso, wenn das Produkt schon nachhaltig hergestellt wurde. Denn die Kunden müssen selbst einen Nachhaltigkeitsbericht schreiben, und diese Angaben fliessen da rein.

Wer kontrolliert die Angaben, die ein Unternehmen im Nachhaltigkeitsbericht macht?
In der EU ist gemäss der Corporate Sustainability Reporting Directive eine externe Prüfung, ein Audit, vorgeschrieben. Da kommen dann oft die gleichen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zum Zug, die auch den Finanzbericht kontrollieren. Zudem gibt es die Green Claims Directive, die besagt, dass ein Unternehmen Aussagen zum Klima beweisen können muss. Wenn ein Hersteller ein klimaneutrales Produkt bewirbt, muss er das belegen können. Um Greenwashing zu verhindern, gilt in der Schweiz seit letztem Jahr eine Anpassung des Bundesgesetzes gegen unlauteren Wettbewerb mit der gleichen Stossrichtung wie in der EU: Klimabezogene Angaben in der Werbung müssen belegbar sein; andernfalls gelten sie als irreführend und unlauter.

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Falsche oder geschönte Angaben im Nachhaltigkeitsbericht sind auch ein Reputationsrisiko.
Auf jeden Fall. Ein Unternehmen möchte bei Kunden, Investoren und Lieferanten gut dastehen, und auch die öffentliche Meinung ist ein wichtiger Faktor. Darum haben selbst in den USA bisher die meisten Firmen an einer Nachhaltigkeitsberichterstattung festgehalten.

Die nächste Manager-Generation muss in diesen Themen fit sein. Ihr Know-how dürfte an der Universität St.Gallen sehr gefragt sein.
Es gibt an der HSG zwei Zertifikatsprogramme, eines auf Masterstufe, Managing Climate Solutions, und eines auf Bachelorstufe, Integrative Sustainability Management. Diese Programme wurden aufgesetzt, weil es so viel Interesse am Thema gibt. Unsere Studenten werden zudem in vielen anderen Kursen, vor allem in Accounting und Finance, an Themen wie Sustainable Reporting und Sustainable Finance herangeführt.

Die Studenten wissen, dass dieses Know-how nützlich für sie sein wird?
Die HSG hat vor einiger Zeit eine Untersuchung unter Studenten gemacht und gefragt, wie wichtig Nachhaltigkeit für sie ist. Weit über 90 Prozent haben angegeben, dass das Thema wichtig für sie selbst ist und auch für ihre zukünftigen Jobs. Sie haben verstanden, dass dieses Thema bleiben wird.

Text: Philipp Landmark

Bild: Marlies Beeler-Thurnheer

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