Effiziente Züge lohnen sich doppelt
Stadler stellt Produkte für den öffentlichen Verkehr her. Ist also das inzwischen global agierende Ostschweizer Unternehmen per se nachhaltig? Eigentlich ja – und doch ist es nicht so einfach.
Im aktuellen Geschäftsbericht über das Jahr 2025 nimmt die Nachhaltigkeitserklärung exakt hundert Seiten ein, deutlich mehr als die Finanzkennzahlen. Zum ersten Mal wurde dieser Bericht nach den Vorgaben des European Sustainability Reporting Standards (ESRS) zusammengestellt. Dieses Raster entspricht der Corporate Sustainability Reporting Directive, einer Vorgabe der Europäischen Union, die auch für Stadler verpflichtend wird, denn das Unternehmen hat etliche Standorte und viele Kunden in der EU.
«Der Nachhaltigkeitsbericht wurde sicher nicht kompakter mit den EU-Regulierungen», sagt Beat Meier, Head of Global Sustainability bei Stadler. Immerhin seien die Schweizer Vorschriften weitgehend mit den Vorgaben der EU harmonisiert worden. Und viele Nachhaltigkeitsparameter erfasst das Unternehmen ohnehin schon seit einiger Zeit: «Wir mussten nicht alles neu erfinden.»
«Weil die Physik überall die gleiche ist, funktioniert etwas, das in Polen funktioniert, auch in der Schweiz oder in Spanien.»
Globales Team
Um den komplexen Anforderungen der Nachhaltigkeitsberichterstattung gerecht zu werden, hat Stadler ein globales Nachhaltigkeitsteam geschaffen, das direkt dem Group CEO angegliedert ist. Geleitet wird es von Beat Meier, der zudem auch eine kleine Einkaufseinheit führt, die zentrale Themen bearbeitet. Meier war zuvor Assistent von CEO Markus Bernsteiner, er hat also kurze Wege zum Chef.
Das konzernweite Nachhaltigkeitsteam basiert auf den bestehenden Organisationen im Qualitätsmanagement und Arbeitssicherheitsbereich. «Dafür gab es ohnehin an jedem Standort Verantwortliche, und das sind nun meine Ansprechpartner», sagt Beat Meier. Gewisse Parameter muss jeder Standort auch gegenüber den lokalen Behörden ausweisen, dabei handelt es sich überall um fast die gleichen Angaben. Für das Unternehmen werden diese Kennzahlen dann zusammengezogen.
Die Verantwortlichen der verschiedenen Stadler-Standorte stehen miteinander in einem offenen Austausch: «Das Voneinanderlernen ist eine gute Sache. Mit mehr Köpfen kommen auch viele Verbesserungsvorschläge zusammen», erklärt Beat Meier. «Und weil die Physik überall die gleiche ist, funktioniert etwas, das in Polen funktioniert, auch in der Schweiz oder in Spanien.» In Spanien würde sich eine Solaranlage freilich noch mehr lohnen als in Nordschweden, «aber grundsätzlich geht es überall um die Frage: Was können wir machen, um Emissionen zu sparen?»
Klare Ziele formuliert
Weil sich Stadler auch der Science Based Targets Initiative von führenden Umwelt- und Nachhaltigkeitsinstitutionen verpflichtet hat, formuliert das Unternehmen Ziele für die Entwicklung der Emissionen. Wichtigstes Ziel: Bis 2050 will Stadler Netto-Null erreichen, also eine ausgeglichene CO2-Bilanz. In der Nachhaltigkeitserklärung wird über den Weg dahin Rechenschaft abgelegt. Im Referenzjahr 2022 verursachte Stadler bei den eigenen Emissionen (Scope 1 und Scope 2) 40’817 Tonnen CO2, im Berichtsjahr 2025 waren es 36’892 Tonnen, 9,6 Prozent weniger. Das Zwischenziel für 2030, minus 50 Prozent, ist also durchaus sportlich.
Erreicht wird diese Dekarbonisierung unter anderem durch den verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien. 2025 machte diese ein Drittel des konzernweiten Energieverbrauchs aus, eine deutliche Steigerung gegenüber 2022 mit 26 Prozent. «Gerade im Bereich der erneuerbaren Energie haben wir sehr viel gemacht, wir haben viele Solaranlagen installiert», sagt Beat Meier. «Das sind Investitionen, die uns nachhaltiger machen und sich für uns als Firma auch lohnen.» Gleiches gilt für die Umstellung einer Heizung auf Wärmepumpen oder den Ersatz von Leuchtstoffröhren durch LED-Elemente. Weil sich solche nachhaltigen Massnahmen auch rein ökonomisch lohnen, «hätten wir das wahrscheinlich auch ohne Berichtspflicht gemacht», sagt Beat Meier.
Grosse Hebel für die Dekarbonisierung bei den eigenen Emissionen sind der Umstieg auf eingekauften grünen Strom und die Eigenproduktion von Solarstrom. Dazu kommen die Elektrifizierung der Firmenautos, der Ersatz von Brennstoffen bei Heizungen und reine Effizienzmassnahmen bei Strom und Wärme.
«24 Prozent der Emissionen sind vorgelagert, 75 Prozent sind nachgelagert, und genau ein Prozent kommt aus dem eigenen Betrieb.»
Ein Prozent direkt beeinflussbar
Die Massnahmen, die Stadler in der eigenen Produktion direkt beeinflussen kann, haben allerdings einen überraschend bescheidenen Effekt auf das Gesamtbild. Denn, wie Beat Meier klarstellt: «24 Prozent der Emissionen sind vorgelagert, 75 Prozent sind nachgelagert, und genau ein Prozent kommt aus dem eigenen Betrieb.»
99 Prozent der Emissionen fallen also im Bereich Scope 3 an, bei den Lieferanten von Materialien wie Aluminium oder Stahl, vor allem aber im Betrieb der Züge über ihre Lebensdauer von über 30 Jahren.
Bei den vor- und nachgelagerten Emissionen will Stadler bis 2030 Einsparungen von 25 Prozent, bis 2050 von 50 Prozent gegenüber 2024 erreichen. Die Momentaufnahme trübt diese ambitionierten Ziele: 2025 wurden als Scope-3-Emissionen ein CO2-Ausstoss von 7’898’266 Tonnen berechnet, das ist 48,3 Prozent höher als im Vorjahr.
In der Nachhaltigkeitserklärung ist diese markante Verschlechterung erläutert: «Trotz eines klaren Trends der Kunden hin zu Produkten mit einer niedrigen Treibhausgasintensität wurden im Geschäftsjahr 2025 deutlich mehr treibhausgasintensivere Fahrzeuge an Kunden ausgeliefert als im Vorjahr. Dies führte zu einem markanten Anstieg der Scope-3-Emissionen und vergrösserte die Ziellücke im Hinblick auf das Scope-3-Reduktionsziel.»
Immerhin sollte dies kein Trend sein: «Aktuelle Prognosen zu den Auslieferungen deuten darauf hin, dass die Emissionen aus diesel- und dieselelektrisch betriebenen Fahrzeugen in den kommenden Jahren wieder zurückgehen werden.»
Für die Fahrzeuge, die nun Jahre im Betrieb stehen werden, will Stadler mit den Betreibern prüfen, ob vermehrt Biodiesel verwendet werden kann.
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Alternative Antriebe
Aber eigentlich möchte Stadler andere Qualitäten ausspielen: «Wir bauen sehr effiziente Fahrzeuge, und wir sind Weltmarktführer bei den alternativen Antrieben», hält Beat Meier fest. Da auch die Bahnbetreiber selbst eine Emissionsbilanz vorlegen müssen, sind Konzepte von Stadler mit Zügen, die beispielsweise oberleitungsfreie Abschnitte mit Batterien überbrücken oder mit Wasserstoff angetrieben werden, sehr gefragt.
Wenn die Ingenieure also einen Zug auf die Gleise stellen, der wieder ein kleines bisschen effizienter ist als vergleichbare Fahrzeuge, dann ist das ein gutes Argument gegenüber Kunden, und es hilft, die Scope-3-Emissionen zu senken. Zu den Anforderungen moderner Züge gehört heute auch, dass schon die Konstruktion auf ein späteres Recycling Rücksicht nimmt. Die ökonomischen und ökologischen Interessen sind deckungsgleich.
«In der Regel sucht man die effizienteste Variante. Das ist ein automatischer Treiber. Die Ökonomie hilft sehr stark mit.»
Effiziente Transporte
Obwohl der Hebel bei den vor- und nachgelagerten Emissionen grösser ist, bleibt der Blick auf die hausgemachten Emissionen geschärft. Stadler beschäftigt inzwischen über 17’000 Mitarbeiter an mehr als 80 Standorten weltweit, die meisten davon sind Serviceanlagen für die Züge bestimmter Kunden. An 16 grösseren Standorten produziert Stadler Komponenten oder macht die Endmontage von Zügen. Viele gleiche Produktionsschritte gibt es an mehreren Standorten, was eine gewisse Flexibilität in der Auftragsabwicklung ermöglicht. Oft werden daher grosse Bauteile zwischen verschiedenen Standorten transportiert, was auf den ersten Blick nicht sonderlich ökologisch aussieht. Diese Abläufe werden jedoch stets optimiert, wie Beat Meier betont: «In der Regel sucht man die effizienteste Variante. Das ist ein automatischer Treiber. Die Ökonomie hilft sehr stark mit.»
Auch beim Transport ganzer Züge bemüht sich Stadler um Nachhaltigkeit. Normalspurige Züge werden selbstredend auf der Schiene ausgeliefert, aber auch die neuen Capricorn, die Schmalspur-Triebzüge für die Rhätische Bahn, wurden auf der Schiene von Altenrhein nach Landquart geliefert. Dafür setzt Stadler spezielle Transportwagen ein, die schon 80 Jahre alt sind. «Damit wir Schmalspurfahrzeuge weiterhin so ausliefern können, haben wir nun neue Transportwagen konstruiert», sagt Beat Meier.
Gezogen werden diese Transportzüge neu von zwei Lokomotiven mit Stadler-Werbeaufschrift, die aber Herstellerplaketten der früheren SLM und ABB tragen. Stadler übernimmt zwei Re 465 von der BLS, die nach dem Aus der «Rollenden Landstrasse» überzählige Loks abstossen will. Auch das ist eine nachhaltige Lösung.
Faire Arbeitsbedingungen
In Nachhaltigkeitsberichten werden stets ökologische Aspekte und Massnahmen für das Klima prominent herausgestrichen, dabei umfassen sie noch viele weitere Themen. Weltweit sind etwa Massnahmen gegen Kinderarbeit oder gegen Korruption ein grosses Thema, und so natürlich in einer globalisierten Wirtschaft auch für Schweizer Unternehmen relevant.
Stadler definiert in seiner Nachhaltigkeitserklärung verschiedenste Handlungsfelder. Das Unternehmen will bei gleichzeitig ethischem und gesetzeskonformem Verhalten höchste Qualitätsstandards aufrechterhalten. Dazu gehören neben dem Sicherstellen einer emissionsfreien Produktion, dem Ausbau erneuerbarer Energien und der CO2-Reduktion in der Wertschöpfungskette auch das Design von kreislauffähigen Produkten und eine nachhaltige Ressourcenbewirtschaftung. Dazu soll eine nachhaltige Lieferantenbasis aufgebaut werden, Risiken in der Lieferkette sollen vermindert werden. Stadler will für seine kompetenten, engagierten Teams faire Arbeitsbedingungen fördern.
Auch ein sicherer und gesunder Arbeitsplatz gehört zu diesem Zielbild, nicht nur in der Theorie: Die Reduktion von Arbeitsunfällen, gemessen an Ausfalltagen, ist auf gutem Weg. 2025 war sie ein Drittel tiefer als 2022. Schwierig ist für ein Technologieunternehmen nach wie vor, den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen, er soll von aktuell 14,6 Prozent auf 20 Prozent im Jahr 2030 steigen. Vielleicht erfassen die Bestrebungen dann auch die Konzernleitung, die im Gegensatz zum Verwaltungsrat schon länger ein reines Männergremium ist.
Text: Philipp Landmark
Bild: Rebekka Grossglauser, Philipp Landmark