Der Wirtschaftsraum Thurgau im Realitätscheck
Kris Vietze, wie geht es dem Wirtschaftsraum Thurgau aktuell wirklich?
Dem Thurgau geht es nicht schlecht, aber er steht stärker unter Druck, als viele wahrhaben wollen. Wir haben eine bemerkenswert breite, widerstandsfähige Wirtschaftsstruktur mit vielen KMU, starker Industrie und einer leistungsfähigen Landwirtschaft. Gerade das ist unsere Stärke. Aber man spürt gleichzeitig: Die Unsicherheit ist grösser geworden. Unternehmen investieren vorsichtiger, internationale Märkte sind anspruchsvoll – und werden es auch bleiben. Aus meiner doppelten Perspektive sehe ich deshalb beides: den grossen Leistungswillen im Thurgau und die wachsende Belastung durch Unsicherheit, Regulierungsdruck und politische Langsamkeit.
Wo verliert der Thurgau denn an Dynamik?
Der Thurgau ist bodenständig, leistungsbereit und pragmatisch. Das ist ein echter Standortvorteil. An Dynamik verlieren wir dort, wo zentrale Fragen zu lange liegen bleiben: bei der Verkehrsanbindung, bei den Beziehungen zu unseren wichtigsten Absatzmärkten, insbesondere Europa, und bei der Frage, wie wir wirtschaftliche Entwicklung, Lebensqualität und Versorgungssicherheit zusammen denken. Ohne stabile, ehrliche Lösungen verlieren wir in allen drei Bereichen. Wirtschaft ist kein abstraktes System, sondern Gesellschaft: Wirtschaft ist gelebte Verantwortung für Menschen, für Arbeitsplätze und für die Zukunft unseres Landes.
Viele Unternehmen sind vorsichtig geworden, Investitionen werden zurückgestellt. Warnsignal oder Ausdruck gesunder Vorsicht?
Vorsicht ist rational. Aber wenn sie zum Dauerzustand wird, ist sie ein Warnsignal. Das Problem ist nicht die Zurückhaltung von Unternehmern. Das Problem ist die wachsende Unsicherheit. Wenn unklar ist, wie stabil die Beziehungen zu wichtigen Märkten bleiben, ob der Staat seine Ausgaben im Griff hat oder nicht, ob Mitarbeiter überhaupt gefunden werden können oder welche regulatorischen Vorgaben morgen gelten, dann bremsen die Rahmenbedingungen das Vorwärtsgehen aus.
«Die Unsicherheit ist grösser geworden.»
Sie kommen selbst aus dem Unternehmertum. Wo erleben Sie die grössten Diskrepanzen zwischen politischer Diskussion und betrieblicher Realität?
In der politischen Diskussion entsteht manchmal der Eindruck, wirtschaftlicher Erfolg sei planbar und verteilbar. Die Realität ist: Er muss jeden Tag neu erarbeitet werden. Unternehmen bewegen sich nicht in Modellen, sondern in konkreten Rahmenbedingungen: Aufträge, Fachkräfte, Energiepreise, Märkte. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Politiker diese Realität aktiv ausblenden. Dafür bewirtschaften sie umso intensiver das Bild, dass wirtschaftliche Prosperität nicht nur gottgegeben und administrierbar sei, sondern vor allem selbstverständlich. Das ist ein Grundlagenirrtum erster Güte.
Der Thurgau ist stark exportorientiert. Wo müsste er sich breiter aufstellen?
Wir sind bereits sehr breit aufgestellt. Neue Märkte entstehen nicht auf dem Reissbrett und schon gar nicht in der Geschwindigkeit, die es bräuchte, um den EU-Markt auch nur annähernd zu ersetzen. Wer hier einfache Lösungen verspricht, greift zu kurz. Entscheidend ist deshalb, die Realität ernst zu nehmen: stabile Beziehungen zu unseren wichtigsten Partnern, verlässliche Rahmenbedingungen und ein klares Bekenntnis zu unserer Exportwirtschaft, die rund die Hälfte unserer Wertschöpfung trägt. Gleichzeitig müssen wir die Herausforderungen der Zeit ehrlich und ohne Polemik ansprechen.
Viele Menschen spüren im Alltag einen zunehmenden Druck, beim Wohnen, bei den Löhnen, bei der Frage, wie viel Platz und Vertrautheit bleibt.
Eben! Akzeptanz entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Fairness im Alltag. Darum geht es nicht um ein Entweder- oder. Wir brauchen eine starke Wirtschaft und eine Zuwanderung, die gesteuert ist, die unsere Systeme nicht überfordert und von der die Menschen im Land spürbar profitieren. Die Instrumente der Bilateralen bieten dafür Möglichkeiten. Sie müssen konsequent genutzt werden – andere Länder wie Dänemark zeigen, dass das geht.
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Sie engagieren sich stark für wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Was sind denn die grössten Standortnachteile des Thurgaus?
Wir haben zwei Nachteile, einen politischen und einen mentalen. In Bern sind wir über die vergangenen Jahrzehnte verzwergt. Exemplarisch zeigt sich das im Fiasko um die BTS: die Realisierung einer Strasse, die dem Thurgau wirtschaftlich und gesellschaftlich enorm gedient hätte, wird zuerst auf ein Miniprojekt reduziert und dann auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben. Der zweite Nachteil ist die Haltung. Wir leben im Thurgau direkt und indirekt vom Export von Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft, gleichzeitig tun wir so, als ob wir den EU-Markt und die Wirtschaft nicht brauchen. Wer die Grundlagen des eigenen Erfolgs relativiert oder schon vergessen hat, schwächt den Standort langfristig.
Gleichzeitig stehen Themen wie Bildung und Fachkräfte im Zentrum Ihrer Arbeit. Was läuft hier richtig und was nicht?
Die Berufsbildung ist eine der grossen Stärken des Thurgaus. Die Nähe zwischen Betrieben und jungen Menschen funktioniert, Verantwortung wird weitergegeben, Perspektiven werden eröffnet. Generell ist unsere Bildungslandschaft stark, auch auf gymnasialem Niveau. Was im Kanton fehlt, ist eine stärkere Anbindung an weiterführenden Schulen. Gleichzeitig ist die Fachkräftefrage längst strukturell geworden, nicht wegen der Wirtschaft, sondern wegen des demografischen Wandels. Wir tun aus allen Gründen gut daran, vorhandenes Potenzial besser zu nutzen. Dazu gehören Vereinbarkeit, gezielte Weiterbildung und die Fähigkeit, qualifizierte Menschen langfristig im Arbeitsmarkt zu halten.
Dazu ist es aber notwendig, dass die Menschen von ihrer Arbeit auch profitieren, dass Leistung sich lohnt.
Absolut! Die Menschen in unserem Land verdienen Respekt für ihre Lebensleistung. Wer Verantwortung übernimmt und arbeitet, verdient Anerkennung und Sicherheit. Wer sein Leben lang arbeitet, muss sich im Alter auf eine sichere Altersvorsorge verlassen können. Jedes Kind, jeder Jugendliche soll die Chance haben, etwas aus seinem Leben zu machen. Fachkräftepolitik ist heute Gesellschaftspolitik und Standortpolitik.
«Wenn Vorsicht zum Dauerzustand wird, ist sie ein Warnsignal.»
Sie kandidieren für den Ständerat. Was würden Sie dort anders machen als heute im Nationalrat?
Ich trete wie bereits 2023 sowohl für den Nationalrat als auch für den Ständerat an, weil es mir nicht um ein Amt geht, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen, dort, wo ich für die Menschen in unserem Kanton am meisten bewirken kann. Ich werde mich weiterhin im Nationalrat für unseren Kanton einsetzen und bin bereit, im Ständerat zusätzliche Verantwortung zu übernehmen.
Der Ständerat sieht sich dezidiert als Kantonsvertretung, trägt aber gleichzeitig der föderalen Struktur unseres Landes Rechnung.
Ja, und ich weiss, was politische Entscheide konkret für Auswirkungen haben: für Arbeitsplätze, für Einkommen, für die Sicherheit im Alltag. Ich möchte den Thurgau mit Klarheit und Verlässlichkeit vertreten, nicht als Region, die fordert, sondern als Kanton, der leistet und deshalb ernst genommen werden muss. Der grösste Hebel liegt darin, bei zentralen Fragen präsent zu sein, Allianzen zu schaffen und Entscheidungen mitzugestalten, bevor sie festgeschrieben sind.
Ihnen geht es also ums Verbessern?
Natürlich. Das Beste für die Menschen in unserem Kanton herauszuholen, entlang der Lage, entlang der Möglichkeiten. Ohne ungedeckte Checks, ohne faule Versprechen. Denn ich bin niemandem verpflichtet ausser den Thurgauerinnen und Thurgauern und meinem Gewissen. Und genau so sollte Politik aus meiner Sicht funktionieren. Das schafft Klarheit.
Sie sprechen oft von Verantwortung und Verlässlichkeit. Was bedeutet das in einer Zeit, in der politische Debatten zunehmend polarisiert geführt werden?
Verantwortung bedeutet, nicht dem kurzfristigen Applaus zu folgen, sondern dem, was langfristig trägt. Verlässlichkeit bedeutet, eine klare Linie zu haben, auch dann, wenn sie nicht bequem ist. Viele Menschen wünschen sich weniger Inszenierung und mehr Orientierung. Politik muss nicht laut sein, sondern präzise. Und sie muss wieder näher an die Lebensrealität der Menschen heranrücken.
Und woran messen Sie in vier Jahren, ob sich Ihr Engagement für den Thurgau wirklich gelohnt hat?
Daran, ob der Thurgau in Bern wieder mit mehr Gewicht gehört wird und ob ich die Verantwortung, die mir übertragen wurde, mit der nötigen Klarheit und Verlässlichkeit wahrgenommen habe. Denn in Bern entscheidet sich vieles, bevor es sichtbar wird. Und dort muss ein Kanton ernst genommen werden. Wenn ich dazu beitragen konnte, dann hat sich mein Engagement gelohnt.
Text: Stephan Ziegler
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer