Wirtschaftsraum Thurgau

Bewusst gestaltet statt laut inszeniert

Bewusst gestaltet statt laut inszeniert
Adrian Braunwalder
Lesezeit: 3 Minuten

Der Thurgau setzt im Wettbewerb am Bodensee auf Qualität statt Masse. Geschäftsführer Adrian Braunwalder erklärt, wie sich die Region im Dreiländereck behaupten will.

Adrian Braunwalder, wie positioniert sich der Thurgauer Tourismus heute im Dreiländereck?
Als entschleunigte Destination im Bodenseeraum. Unsere Stärke liegt in der Verbindung von Natur, Kulinarik und gelebter Regionalität.

Und wo steht der Thurgau im Vergleich zum Vorarlberg oder zur deutschen Bodenseeseite?
Der Tourismus im Bodenseeraum hat sich unterschiedlich entwickelt: Auf der deutschen Seite ist er stärker verankert, das Angebot entsprechend grösser. Für viele Deutsche gilt das Bodenseeufer als Riviera, während Schweizer dieses Bild eher mit dem Tessin verbinden. Genau darin liegt unsere Chance: Wer weniger Inszenierung und mehr Ruhe sucht, findet im Thurgau das passende Angebot.

Ihre Strategie setzt auf Qualität statt Masse. Ist das ein bewusster Verzicht auf Wachstum?
Es ist ein Entscheid für ein anderes Wachstum: Wir wollen nicht möglichst viele Gäste, sondern die richtigen. Ein Beispiel ist die saisonale Verteilung: Während der Sommer unsere stärkste Zeit ist, bestehen im Frühling und Herbst noch Kapazitäten. Dort setzen wir an. Der blühende Frühling und der farbige Herbst sind im Thurgau oft die attraktivere Reisezeit als der Hochsommer.

«Für viele Deutsche gilt das Bodenseeufer als Riviera.»

Der Thurgau will vom Geheimtipp zur klaren Destination werden. Wofür soll er künftig stehen?
Für bewussten Genuss, gelebte Regionalität und Naturerlebnisse. Für eine Destination, die nicht laut sein muss, um zu begeistern. Wir treten selbstbewusster auf, mit dem Bodensee, der hügeligen Landschaft und dem Blütenmeer im Frühling als starke Bilder. Gleichzeitig stehen wir für Qualität bei Produkten, Kulinarik und Naturerlebnissen.

Der Bodensee ist das zentrale Asset. Wird dieses Potenzial ausreichend genutzt?
Der Bodensee ist im Sommer sogar fast zu stark genutzt. Deshalb haben wir lenkend eingegriffen, etwa beim Stand-Up-Paddling mit signalisierten Einstiegsstellen, klaren Regeln und Paddel-Rangern. Gleichzeitig besteht Potenzial: An Schlechtwettertagen ist die Schifffahrt oft schwach ausgelastet, obwohl sie wetterunabhängig ist. Auch die Nebensaison bietet zusätzliche Chancen.

Andere Bodenseeregionen inszenieren den See stärker. Was machen sie besser als der Thurgau?
Der Bodensee muss auch über das Ufer hinaus als touristischer Magnet verstanden werden. In unserem Hauptmarkt wird die Region vor allem mit dem See verbunden, in zweiter Linie mit dem Apfel. Beides sind zentrale Anker, die wir in unserer Marke verankert haben.

Mahlwerk  

Der Thurgau ist stark bei Tagesgästen. Reicht das für eine nachhaltige touristische Wertschöpfung?
Tages- und Übernachtungsgäste sind beide wichtig. Tagesgäste bringen Frequenz, Übernachtungsgäste zusätzliche Wertschöpfung. Der Übernachtungstourismus ist ausbaufähig: Der Thurgau verzeichnete letztes Jahr einen Rückgang von 3,8 Prozent bei den Hotelübernachtungen und liegt insgesamt bei weniger als einem Prozent der Schweizer Logiernächte. Gleichzeitig gibt es positive Signale, etwa mit dem neuen Hotel 1802 in Schlatt und der Erweiterung des Hotels Heidelberg in Aadorf.

Warum wird der Thurgau eher als Durchgangsregion statt als eigenständige Destination wahrgenommen?
Das hängt auch damit zusammen, dass der Thurgau als Tourismusregion noch zu wenig bekannt ist. Gleichzeitig entscheiden sich unsere Gäste bewusst für den Thurgau und kommen gerne wieder. Die zentrale Lage und gute Erreichbarkeit sind ein klarer Vorteil, auch für spontane Besuche.

Wie wichtig ist die digitale Sichtbarkeit im internationalen Wettbewerb?
Sie ist zentral. Information und Buchung erfolgen heute grösstenteils online. Entscheidend sind eine klare Ansprache und einfache Buchbarkeit. Gleichzeitig gewinnen auch KI-gestützte Anwendungen an Bedeutung, weshalb Inhalte entsprechend aufbereitet sein müssen.

Und was muss passieren, damit sich der Thurgau im Dreiländereck langfristig behaupten kann?
Der Thurgau hat dank seiner rund 60 Kilometer Uferlinie am Bodensee einen festen Platz im Dreiländereck. Entscheidend ist, unsere Stärken konsequent sichtbar zu machen und gleichzeitig Schwächen anzugehen: den Übernachtungstourismus mit zusätzlichen qualitätvollen Angeboten zu stärken und schwächere Zeiten besser auszulasten. Das gelingt nur gemeinsam mit starken Partnern.

Text: Patrick Stämpfli

Bild: Marlies Beeler-Thurnheer

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