Reduktion statt Rhetorik
Die Olma Messen bringen mit Messen, Kongressen und Events jährlich über 600’000 Menschen zusammen. Entsprechend hoch ist die Verantwortung im Umgang mit Energie, Ressourcen und Emissionen. Für Sonia Hartmann, Leiterin Infrastruktur der Olma Messen St.Gallen AG, entscheidet sich Glaubwürdigkeit nicht in der Kommunikation, sondern in der Systematik. «Glaubwürdige Nachhaltigkeit zeigt sich nicht in Schlagworten oder leeren Worthülsen, sondern in messbaren Kennzahlen», so Hartmann. Entscheidend seien konkrete Daten zu Energieverbrauch, CO₂-Ausstoss oder Abfallmengen und deren Entwicklung. Fortschritte und Grenzen müssten transparent kommuniziert werden.
«Im Zentrum steht die Reduktion vor Ort, nicht die reine Kompensation.»
Grossveranstaltungen bewegen sich in einem Spannungsfeld: Hoher Energiebedarf, komplexe Infrastruktur und grosse Besucherzahlen prägen den Betrieb. Hallen müssen beheizt oder gekühlt werden, Licht- und Tontechnik benötigen Strom, viele Menschen an einem Ort verursachen Abfall. «Der Energieverbrauch grosser Veranstaltungen ist naturgemäss hoch», erklärt Sonia Hartmann. Das Risiko von Greenwashing entstehe insbesondere dann, «wenn diese strukturellen Effekte ausgeblendet und stattdessen einzelne, positiv klingende Massnahmen überbetont werden».
Problematisch seien Eventbauten, Szenografien oder Dekorationen aus verklebten Mischmaterialien, die sich nicht trennen und kaum wiederverwenden liessen. Gleichzeitig lasse sich die Art des Abfalls beeinflussen. «Mehrwegbehälter, biologisch abbaubare Materialien und eine hohe Recyclingfähigkeit reduzieren die Belastung deutlich», so Hartmann. Nachhaltigkeit müsse in der Organisation verankert sein und in den Betriebsprozessen gelebt werden – von der Planung bis zum Unterhalt der Anlagen.
Für Sonia Hartmann ist Nachhaltigkeit untrennbar mit Messbarkeit verbunden. «Ohne belastbare Daten bleibt die Diskussion emotional. Mit Daten wird sie sachlich und nachvollziehbar.» Kennzahlen ermöglichten es, Fortschritte laufend zu messen und bei Bedarf anzupassen. Vergleichbare Werte über mehrere Jahre hinweg schafften Transparenz und Glaubwürdigkeit, zeigten aber auch Grenzen auf.
«Im Zentrum steht die Reduktion vor Ort, nicht die reine Kompensation», betont die Olma-Nachhaltigkeitsverantwortliche. Reine Symbolmassnahmen oder ausschliessliche Kompensationsmodelle ohne Reduktionsstrategie würden kritisch betrachtet, ebenso Massnahmen ohne messbare Zieldefinition. Langfristige Investitionen in Infrastruktur seien wirksamer als kurzfristige Marketingmassnahmen. «Viele kleine Verbesserungen summieren sich. Entscheidend ist, dass sie in ein Gesamtkonzept eingebettet sind.»
Systematische Umsetzung am Standort St.Gallen
Nachhaltigkeit ist bei den Olma Messen Teil der Infrastruktur- und Investitionsplanung und damit Bestandteil strategischer Entscheide. «Wir erheben jährlich Kennzahlen zu Energie, CO₂ und Abfall und werten diese systematisch aus», sagt Sonia Hartmann. Ein laufendes Controlling mit messbaren KPIs ermögliche Anpassungen und Weiterentwicklungen. «Entscheidend bleibt jedoch die interne Steuerung.» Externe Programme oder Zertifizierungen könnten zusätzliche Orientierung schaffen. Seit letztem Jahr sind die Olma Messen Mitglied im Programm Swisstainable.
Im Energiebereich betreiben die Olma Messen Photovoltaikanlagen mit bis zu 1,5 Megawatt Leistung und nutzen in mehreren Hallen Fernwärme. LED-Umrüstungen und Energierückgewinnungssysteme senken den Energieverbrauch dauerhaft, Wassersparsysteme reduzieren den Frischwasserverbrauch um bis zu 40 Prozent. Nachhaltigkeit ist organisatorisch klar verankert.
«Nicht jede gut gemeinte Massnahme ist automatisch sinnvoll.»
Missverständnisse, soziale Dimension und Zielkonflikte
Typische Missverständnisse bestünden laut Sonia Hartmann in der Reduktion von Nachhaltigkeit auf das Catering oder in der Erwartung vollständiger Klimaneutralität bei Grossveranstaltungen, «was in der Praxis nur sehr eingeschränkt realistisch ist». Ebenso werde die technische Komplexität eines Messe- und Eventstandorts unterschätzt. «Nicht jede gut gemeinte Massnahme ist automatisch sinnvoll», sagt Hartmann und nennt als Beispiel eine Fassadenbegrünung, die bei ungenügender Tragfähigkeit umfangreiche bauliche Verstärkungen mit zusätzlicher grauer Energie erfordern könne.
Zudem werde die soziale Nachhaltigkeit von Veranstaltungen häufig unterschätzt, etwa in Bezug auf Austausch, Bildung oder gesellschaftliche Teilhabe. Zielkonflikte zwischen Wirtschaftlichkeit, Sicherheit, Komfort und ökologischer Verantwortung gehörten zur Realität von Grossveranstaltungen und sollten «offen sowie faktenbasiert kommuniziert werden». Im Umgang mit Veranstaltern verfolgen die Olma Messen einen beratenden Ansatz. «Moralische Bewertungen helfen nicht weiter», ist Hartmann überzeugt. Nachhaltige Lösungen entstünden «im Zusammenspiel von Veranstalter und Standort».
Damit Greenwashing im MICE-Bereich an Bedeutung verliere, brauche es branchenweit vergleichbare Kennzahlen und klare Definitionen von Nachhaltigkeitsbegriffen. «Transparenz und Messbarkeit bilden die Grundlage für glaubwürdige Standards», so Sonia Hartmann.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer