«Lese, luege, lose, laufe»
Ruedi Lieberherr, nach über 48 Jahren bei der Morga AG endet für Sie eine prägende Zeit. Was hat sich in Ihrer Sicht auf die Morga über die Jahrzehnte am stärksten verändert?
Die Gesundheitseinstellung der Konsumenten war vor einigen Jahrzehnten noch geprägt durch ganzheitliches Betrachten der Erkenntnisse in die Vollwerternährung. Heute wird nur noch ein Teil der Ernährung beachtet und dafür ein trendiges Nahrungsergänzungsmittel eingenommen. Die Veränderungen im Handel und der Rückgang der selbständigen Lebensmitteleinzelhändler führten dazu, dass beratungsintensive Produkte aufgrund des fehlenden Fachpersonals nicht mehr aktiv gefördert werden. Es gibt für Spezialprodukte, die der gesunden Ernährung dienen, keine Beratung mehr.
Die Geschichte der Morga ist eng mit Ihrer Familiengeschichte verbunden. Welche Bedeutung hatte dieses Erbe für Sie?
Ich bin in die Firma hineingeboren worden und habe schon als Primarschüler in der Firma mitgeholfen. Heute wäre das Kinderarbeit! (lacht) Es hat aber dazu geführt, mein Interesse am Betrieb und an den Mitarbeitern zu fördern. So war es klar, dass eine kaufmännische Grundschulung eine gute Basis für den Eintritt in den Familienbetrieb war. Der Rat meines Vaters, eine Zeit lang mit fremdem Geld zu üben, gab mir Einblick darin, wie andere Betriebe geführt werden. Somit trat ich erst spät in die Firmenleitung ein, was ich jedem Mitglied eines Familienbetriebs rate.
«Mein Vater riet mir, zuerst mit fremdem Geld zu üben.»
Heute sind Bio- und Naturprodukte im Mainstream angekommen. Wie hat sich der Markt aus Ihrer Sicht verändert, seit Morga noch als Nischenanbieter galt?
Morga ist als Anbieter von gesundheitsfördernden Produkten im Reformhandel bekannt geworden und hatte in der Gastronomie als Hersteller von Doppelkammer-Teebeuteln einen guten Ruf. Die Reformprodukte einer exklusiven Handelsgruppe anzubieten, war lange ein Geschäftsprinzip. Bioläden, die dann entstanden sind, haben den Fokus auf Umwelt, gentechfreie und rückstandsfreie Produkte gelegt, die vorwiegend aus dem Ausland in die Schweiz importiert wurden. Zudem haben die Grossverteiler die Sortimente im Biobereich stark ausgebaut, um Konsumenten zu gewinnen.
Die Morga ist trotz Wachstum und nationaler Präsenz immer im Toggenburg verwurzelt geblieben. Weshalb?
Die Infrastruktur im Toggenburg ist seit 1936 stets gewachsen. Die Verteilung von Produkten aus Ebnat-Kappel in die ganze Schweiz wurde immer durch ein eigenes Verteilsystem sichergestellt und von den Einzelhändlern sehr geschätzt. Das erarbeitete Know-how zusammen mit der Zuverlässigkeit der Mitarbeiter hat die Frage nach einer Standortverschiebung nie aufkommen lassen. Veränderungen in der Warenverteilung werden aber regelmässig überdacht. Morga arbeitet in der Schweiz stark mit landesweiten Logistikpartnern zusammen. Für die Produktion ist der bestehende Standort kein Nachteil, und Fachkräftemangel ist eine nationale Herausforderung.
«Trends verfolgen wir nur, wenn sie der gesunden Ernährung dienen.»
Welche Prinzipien waren Ihnen in der Führung wichtig?
Eine gute Zusammenarbeit mit den Angestellten zusammen mit einer klaren Kommunikation fördert das Arbeitsklima. Ich habe von 1990 bis heute jeden Monat ein Firmeninformationsblatt geschrieben, das zusammen mit der Lohntüte verteilt wurde. Somit konnte niemand behaupten, die Information im Betrieb ist zu kurz gekommen. Einzig in meiner viermonatigen krankheitsbedingten Auszeit ist das «Gelbe Blatt» nicht durch mich erschienen. Sonst war mein Führungsprinzip: «Lese, luege, lose, laufe».
Mit Karin Anderegg übernimmt eine langjährige Wegbegleiterin die operative Führung. Weshalb war diese interne Lösung der richtige Weg?
Sie hat sich sehr natürlich ergeben; Karin Anderegg hat die Geschäftsführung vor Jahren übernommen. Unser Austausch in den letzten Jahren war jeweils positiv und hat uns ermöglicht, die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen. Damit haben wir nicht nur eine kompetente Person, sondern auch Kontinuität an der Spitze des Unternehmens.
Ernährungstrends verändern sich sehr schnell. Wie entscheidet Morga, welche Entwicklungen mitgetragen werden?
Wir verfügen über ein gutes Netzwerk im Ausland und in der Schweiz, arbeiten mit Rohstoffanbietern aus der ganzen Welt zusammen. In dieser Kommunikation entstehen Ideen und Projekte, bei denen sorgfältig geprüft werden muss, ob daraus eine langfristige Produktidee entstehen kann. Ein Trend wird bei uns nur verfolgt, wenn daraus ein Vorteil für eine gesunde Ernährung entsteht. Es muss vollwertig sein und nicht nur den Zeitgeist befriedigen.
Viele Unternehmer definieren sich über ihre Arbeit. Was möchten Sie in Ihrem neuen Lebensabschnitt anders machen?
Die Führung der Unternehmung durch Karin Anderegg ist über viele Jahre gut geplant worden. Ich kann mich daher in Zukunft ruhig zurücklehnen und die Weiterentwicklung von aussen mitverfolgen. Ich freue mich auf viel mehr Zeit mit meiner Familie. Sehr gerne sind wir auf Reisen, ich liebe etwa das Südtirol. Dazu kommt mein neues Hobby, das Drechseln. Zudem fehlt in meiner Werkstatt keine Schraube – Holz ist meine Leidenschaft. Auch unser Hühnerhof hält uns auf Trab, ab und zu mit Besuch vom Fuchs. Dann ist der Traktor geflickt und wartet auf Ausfahrten im schönen Toggenburg. Und: Neue Enkelkinder kommen dazu und bereiten viel Freude. Es wird mir also sicher nicht langweilig.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer