Wirtschaft

«Gute Arbeitsbedingungen sind kein Kostenfaktor»

«Gute Arbeitsbedingungen sind kein Kostenfaktor»
Florian Kobler
Lesezeit: 4 Minuten

Florian Kobler ist seit Anfang August Regionalleiter der Unia Ostschweiz-Graubünden. Im Interview spricht der Gossauer über das Image der Gewerkschaft, Lohndumping und darüber, weshalb faire Arbeitsbedingungen auch im Interesse der Unternehmen liegen. Und er verrät, was sein grösster Erfolg wäre.

Florian Kobler, mit Ihrer Wahl zum Regionalleiter übernehmen Sie Verantwortung für eine der wichtigsten Wirtschaftsregionen der Schweiz. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
Die Ostschweiz ist eine wirtschaftlich starke Region. Gleichzeitig stehen viele Arbeitnehmer, insbesondere in den Industriekantonen, unter Druck. Gemeinsam mit unseren Mitgliedern und Angestellten möchte ich mich für den Erhalt von Arbeitsplätzen einsetzen und konkrete Verbesserungen im Arbeitsalltag der Menschen erreichen. Mein Fokus liegt auf fairen Löhnen, guten Arbeitsbedingungen und einer starken Sozialpartnerschaft. Die Stärke der Unia ist ihre Präsenz in den Betrieben und auf den Baustellen in der ganzen Region. Diese Nähe zu den Arbeitnehmern ist mir enorm wichtig.

Viele Unternehmer sehen die Unia eher als Gegner denn als Partner.
Ich kann nachvollziehen, dass die Unia manchmal als unbequem wahrgenommen wird. Wir sprechen Missstände an und fordern Verbesserungen ein. Das gehört zum Auftrag einer Gewerkschaft und hat in der Vergangenheit wichtige Errungenschaften für die Arbeitnehmer ermöglicht. Die Vorstellung, Gewerkschaften seien grundsätzlich Gegner der Unternehmen, teile ich jedoch nicht. Erfolgreiche Betriebe brauchen motivierte Mitarbeitende, faire Arbeitsbedingungen und einen funktionierenden Arbeitsmarkt. Deshalb erleben wir viele konstruktive und partnerschaftliche Lösungen mit Arbeitgebern. Nicht umsonst steigt die Zahl der Arbeitnehmer, die einem Gesamtarbeitsvertrag unterstellt sind.

«Menschen bleiben dort, wo sie Perspektiven haben und Wertschätzung erfahren.»

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Lohndumping, Schwarzarbeit und Arbeitsmarktkontrollen. Was läuft in der Ostschweiz gut, was nicht?
In der Ostschweiz gibt es grundsätzlich gut funktionierende Kontrollsysteme. Sowohl die Sozialpartner als auch die Kantone leisten täglich wichtige Arbeit im Kampf gegen Lohndumping und Schwarzarbeit. Gleichzeitig hatte ich in der Vergangenheit teilweise den Eindruck, dass das Problem in einzelnen Kantonen unterschätzt wurde. Fälle wie auf der Baustelle der Kanti Sargans haben gezeigt, dass Missbräuche auch bei uns vorkommen, sogar auf kantonalen Baustellen. Lohndumping und Schwarzarbeit schaden den Arbeitnehmern, den seriösen Betrieben und der ganzen Gesellschaft. Deshalb braucht es aus meiner Sicht mehr Kontrollen und konsequente Sanktionen gegen jene, die sich nicht an die Regeln halten.

Die Ostschweizer Wirtschaft leidet unter Fachkräftemangel. Müssen auch Arbeitnehmer ihre Erwartungen überdenken?
Jein. Zu lange wurde erwartet, dass qualifizierte Fachkräfte zu immer tieferen Kosten verfügbar sind. Aus Sicht der Unia sind deshalb in erster Linie die Unternehmen gefordert, faire Löhne, gute Arbeitsbedingungen, verlässliche Arbeitszeiten und echte Weiterbildungsperspektiven zu bieten. Wer gute Leute halten und neue gewinnen will, muss attraktive Arbeitsplätze bieten. Natürlich verändert sich die Arbeitswelt laufend, und auch Arbeitnehmer müssen bereit sein, sich weiterzubilden und neue Kompetenzen zu erwerben. Die zentrale Frage ist aber, ob die Rahmenbedingungen stimmen. Dort, wo Beschäftigte Wertschätzung erfahren und von ihrer Arbeit gut leben können, ist der Fachkräftemangel oft deutlich weniger ausgeprägt.

Prematic  

Wenn Sie heute Geschäftsführer eines Ostschweizer KMU wären: Welche drei Massnahmen würden Sie ergreifen, um gute Mitarbeiter langfristig ans Unternehmen zu binden?
Erstens würde ich für faire und konkurrenzfähige Löhne sorgen. Wer gute Fachkräfte will, muss gute Arbeit auch entsprechend entlöhnen. Zweitens würde ich auf verlässliche Arbeitsbedingungen setzen. Dazu gehören planbare Arbeitszeiten und eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Drittens würde ich in Aus- und Weiterbildung investieren und die Angestellten in die Entwicklung des Unternehmens einbeziehen. Menschen bleiben dort, wo sie Perspektiven haben, Wertschätzung erfahren und wissen, dass ihre Meinung zählt. 

Sie erleben Unternehmen häufig dann, wenn etwas schiefläuft. Gibt es ein Beispiel, bei dem Sie sagen: So sollte Personalführung aussehen?
In meinem bisherigen Berufsleben, sowohl in der Privatwirtschaft als auch bei der Unia, habe ich Einblick in viele verschiedene Betriebe und Branchen erhalten. Dabei habe ich oft schnell gespürt, wo sich Arbeitnehmer wohlfühlen, ihre Arbeit geschätzt und fair honoriert wird und sie gerne arbeiten. Verallgemeinern lässt sich das nicht. Das kann eine mittelgrosse Strassenbaufirma sein, bei der der Chef auch in schwierigen Zeiten zu seinen Leuten steht. Es kann aber genauso ein grösseres Unternehmen sein, das hinter einem Gesamtarbeitsvertrag steht und diese Werte lebt.

«Mein Fokus liegt auf fairen Löhnen, guten Arbeitsbedingungen und einer starken Sozialpartnerschaft.»

Wo erleben Sie in der Zusammenarbeit mit Arbeitgebern die grössten Denkfehler?
Der grösste Denkfehler, den ich bei Arbeitgebern erlebe, ist die Vorstellung, gute Arbeitsbedingungen seien vor allem ein Kostenfaktor. Dabei sind faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen oft entscheidend, um Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu halten. Der Auftrag der Unia ist es, unsere Anliegen gegenüber den Arbeitgebern verständlich und klar zu vermitteln. Wie so oft im Leben gilt auch in der Sozialpartnerschaft: Wenn beide Seiten einander zuhören, können gemeinsame Lösungen gefunden werden.

Und welches Vorurteil über Unternehmer mussten Sie revidieren?
Mir ist wichtig zu sagen: Es gibt viele gute Unternehmer in der Schweiz; Arbeitgeber, die zu ihren Leuten schauen und denen die Belegschaft wirklich am Herzen liegt. Hier erlebe ich ein starkes persönliches Engagement. Gleichzeitig sehe ich bei grossen Unternehmen eine andere Entwicklung, die sich in den letzten Jahren verschärft hat: Entscheidungen werden immer häufiger weit weg von den betroffenen Standorten getroffen. Die Entlassungen bei Findus in Rorschach etwa haben gezeigt, welche Folgen solche Konzernentscheide für die Angestellten und die ganze Region haben können. Ich muss sagen, dass sich meine Vorurteile gegenüber solchen Konzernen in den letzten Jahren eher verfestigt haben.

Stellen wir uns vor, wir führen dieses Interview in fünf Jahren nochmals. Woran sollen Unternehmen erkennen, dass Ihre Arbeit der Ostschweiz etwas gebracht hat?
Ich möchte daran gemessen werden, ob wir konkrete Verbesserungen für die Arbeitnehmer erreichen konnten. Die Unia soll in der ganzen Region als starke und konstruktive Stimme der Arbeitnehmer wahrgenommen werden. Ein bahnbrechender Erfolg wäre es, wenn es endlich verbindliche Mindestlöhne für alle Arbeitnehmer gäbe.

Text: Patrick Stämpfli

Bild: Marlies Beeler-Thurnheer

Auch interessant

Wirkung statt Aktivität
Wirtschaft

Wirkung statt Aktivität

Mit einer Stimme Vorsprung an die Weltspitze
Wirtschaft

Mit einer Stimme Vorsprung an die Weltspitze

«Lese, luege, lose, laufe»
Wirtschaft

«Lese, luege, lose, laufe»

Schwerpunkte