LEADER-Hauptausgabe

«KMU brauchen Planbarkeit, nicht immer neue Vorschriften»

«KMU brauchen Planbarkeit, nicht immer neue Vorschriften»
Christoph Bärlocher
Lesezeit: 4 Minuten

Mit Christoph Bärlocher übernimmt ein Bauunternehmer das Präsidium des Kantonalen Gewerbeverbandes St.Gallen. Im LEADER-Interview spricht der Eggersrieter über Bürokratie, Fachkräftemangel, politische Planbarkeit und die Rolle des KGV als Stimme des Gewerbes.

Christoph Bärlocher, Sie übernehmen den KGV nach zehn Jahren unter Andreas Hartmann. Was möchten Sie weiterführen, wo neue Akzente setzen?
Andreas hat in den vergangenen zehn Jahren einen tollen Job gemacht. Seine sympathische Art, seine klaren Vorstellungen und Ideen haben den Verband weitergebracht. Es ist mir eine Ehre und Freude, dieses Amt weiterzuführen. Gemeinsam mit unseren über 8000 Mitgliedern will ich mich um die Anliegen des Gewerbes kümmern, damit die St.Galler Unternehmer auch in Zukunft in Politik und Gesellschaft ihrer Bedeutung entsprechend wahrgenommen werden.

Das heisst konkret …
Ich werde mich dafür einsetzen, dass wir Arbeitsplätze und Lehrstellen erhalten und unsere Position wahren können. Gleichzeitig möchte ich neue Akzente setzen: Die Herausforderungen verändern sich laufend, vom Fachkräftemangel über Digitalisierung und KI bis zur zunehmenden Regulierung. Hier will ich den KGV als praxisnahen Partner positionieren, der Lösungen aufzeigt, Bürokratie abbaut und die Attraktivität des Gewerbes für junge Menschen stärkt. 

Wo drückt der Schuh im Gewerbe denn am stärksten?
An mehreren Stellen, besonders stark aber beim Fachkräftemangel, bei der unsicheren wirtschaftlichen Lage und bei der zunehmenden Regulierung. Viele Betriebe haben volle Auftragsbücher, finden aber zu wenig qualifizierte Mitarbeiter oder Lehrlinge. Das bremst Wachstum und belastet bestehende Teams. Und: Neue Vorschriften, komplexere Verfahren und zusätzlicher Dokumentationsaufwand kosten Zeit und Ressourcen, die im Kerngeschäft fehlen. Auch internationale Konflikte, Lieferkettenprobleme und politische Unsicherheiten wirken sich direkt auf Investitionsbereitschaft und Planungssicherheit aus. Das Gewerbe braucht stabile Rahmenbedingungen und möglichst wenig zusätzliche Belastungen.

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«Gute Regulierung ist praxisnah, verständlich und umsetzbar.»

KMU haben oft das Gefühl, dass Politik und Verwaltung ihre Realität zu wenig kennen.
Viele Unternehmer haben tatsächlich den Eindruck, dass politische Entscheide oder administrative Vorgaben zu weit weg vom betrieblichen Alltag entstehen. Hier sehe ich eine zentrale Aufgabe des KGV: Wir müssen Brücken bauen zwischen Gewerbe, Politik und Verwaltung. Unser Handeln als Verband soll darauf ausgerichtet sein, dass sich unsere Unternehmer wieder stärker auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können und nicht immer mehr Zeit mit Administration und Bürokratie verbringen müssen. Diese Realität wollen wir der Politik aufzeigen. Praxistaugliche Regeln, weniger Bürokratie und mehr politische Planbarkeit erreicht man nur im Dialog.

Dann will sich der Verband auch vor Abstimmungen zu Wort melden?
Natürlich, der KGV soll sich in wirtschaftlichen Fragen klar positionieren. Dazu gehört auch eine Parolenfassung zu eidgenössischen und kantonalen Abstimmungsvorlagen. Selbstverständlich kann dies durch ein Engagement in Kampagnen unterstrichen werden. Auch bei Wahlen wollen wir wirtschaftsfreundliche Kandidaten unterstützen. Sie kennen unsere Anliegen und werden diese in die Parlamente tragen. 

Der KGV vertritt allerdings sehr unterschiedliche Branchen.
Ja, aber fast alle KMU verbinden zentrale Anliegen: gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie, genügend Fachkräfte, politische Planbarkeit und eine starke Berufsbildung. Als Dachverband ist es uns immer gelungen, diese Meinungen zu bündeln. Mit der KGV-Präsidentenkonferenz verfügen wir über ein demokratisch legitimiertes Gremium, das zu wichtigen Themen Parolen fasst, Akzeptanz schafft und unterschiedliche Perspektiven zusammenführt. Ich sehe meine Aufgabe darin, Brücken zu bauen: zwischen Branchen, zwischen Generationen sowie zwischen Wirtschaft und Politik. Wir müssen geschlossen auftreten; wenn wir geeint sind, werden wir ernst genommen. Und wenn wir unsere Erfahrungen aus der Praxis einbringen, können wir Rahmenbedingungen mitgestalten.

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Wo sehen Sie im Kanton St.Gallen die grössten Bremsklötze?
Der Staat will auf allen Stufen immer mehr regeln, nicht nur in St.Gallen. Mehr unternehmerische Freiheit würde guttun. Entscheidend ist dabei nicht nur die Absicht im Gesetz, sondern die Umsetzung im Alltag. Deshalb sollte bei jeder neuen Regelung gefragt werden: Was bedeutet das für die Betroffenen in der Praxis? Ist das für KMU umsetzbar, ohne unverhältnismässigen Aufwand zu verursachen? Wenn eine Regelung in der Realität nicht funktioniert oder den administrativen Aufwand übermässig erhöht, muss man sich fragen, ob sie sinnvoll ist. Gute Regulierung ist praxisnah, verständlich und umsetzbar. 

Bürokratieabbau wird seit Jahren gefordert, spürbar wird er für viele Betriebe aber kaum.
Ein erster Hebel wäre hier die Vereinfachung von Bewilligungs- und Planungsverfahren. Nicht nur im Bau dauern Prozesse oft zu lange und sind zu kompliziert zwischen verschiedenen Stellen abgestimmt. Hier braucht es klarere Zuständigkeiten, weniger Schnittstellen und schnellere Entscheide. Zweitens sehe ich Potenzial bei der digitalen Abwicklung von Behördenprozessen: Formulare, Nachweise und Meldungen könnten einfacher, standardisiert und vollständig digital erledigt werden. Drittens sollten Dokumentationspflichten, Statistiken und Nachweispflichten darauf überprüft werden, ob sie wirklich nötig sind oder vereinfacht oder gestrichen werden können.

Ihr Baugewerbe zeigt m. E. exemplarisch, welche Herausforderungen KMU künftig prägen werden.
Genau: Mehr Regulierung, längere Bewilligungsverfahren, Fachkräftemangel und steigende gesellschaftliche Erwartungen bei begrenzter Zahlungsbereitschaft. Erfolgreiche Betriebe bleiben wettbewerbsfähig durch klare Prozesse, moderne Führung, Digitalisierung, politische Mitsprache und eine glaubwürdige Leistungs- und Verantwortungskultur.

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«Das Gewerbe braucht stabile Rahmenbedingungen und möglichst wenig Belastungen.»

Was müssen KMU tun, um für junge Menschen attraktiv zu bleiben, ohne ihre Leistungskultur aufzugeben?
KMU stehen zwischen zwei realen Anforderungen: Junge Fachkräfte erwarten Sinn, Entwicklungsmöglichkeiten, Flexibilität und gute Führung. Unternehmen brauchen Verlässlichkeit, Verantwortung, Leistungsbereitschaft und wirtschaftliche Stabilität. Erfolgreiche KMU schaffen es, ihre Leistungskultur in eine Form zu übersetzen, die für jüngere Generationen nachvollziehbar und attraktiv ist. Das bedeutet konkret: gute Ausbildung, echte Entwicklungsperspektiven, Vertrauen in junge Mitarbeiter und eine Führungskultur, die klar ist, aber nicht autoritär wirkt. Gleichzeitig bleibt wichtig, dass Leistung, Verlässlichkeit und Eigenverantwortung eingefordert und gelebt werden.

Wenn Sie in vier Jahren auf Ihre erste Amtszeit zurückblicken: Woran sollen die Mitglieder merken, dass Christoph Bärlocher als KGV-Präsident etwas bewegt hat?
Mir ist wichtig, dass unser Verband weiterhin nahe bei seinen Mitgliedern bleibt. Dass wir zuhören. Dass wir wissen, wo der Schuh drückt. Und dass wir gemeinsam Lösungen entwickeln, die praxisnah und umsetzbar sind.

Text: Stephan Ziegler

Bild: Marlies Beeler-Thurnheer

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