LEADER-Hauptausgabe

Handwerker werden ihre eigenen Chefs

Handwerker werden ihre eigenen Chefs
Ueli Juon, Jonas Brühlmann
Lesezeit: 8 Minuten

Als Ueli Juon und Jonas Brühlmann ihr eigenes Baugeschäft gründeten, hatten sie kein Büro, kein Lager und kaum Werkzeug. Dafür aber viel Motivation und einen Anspruch an die Qualität ihrer Arbeit – so zu bauen, wie wenn sie es für sich selbst machen würden.

Alles begann damit, dass Schreiner Ueli Juon, damals als Aussendienstler angestellt bei der Bauwerk AG, als Feierabendprojekt ein Haus umbauen wollte. Sein eigenes Haus, das er 2007 in Stein erworben hatte. Der junge Bauherr war wohl preissensitiv, aber eben auch qualitätsbewusst.  Deshalb war sein Plan, für die Maurerarbeiten einen Profi beizuziehen.

Die ersten zwei angefragten Maurer nahmen sich selbst wieder aus dem Rennen, dann gab ein Töffmechaniker einen entscheidenden Tipp: Ein anderer Kunde von ihm, Jonas Brühlmann, sei Maurer. «So kam es zu unserer ersten Zusammenarbeit», erinnert sich Ueli Juon. Jonas Brühlmann machte die Maurerarbeiten und rechnete regulär über seine damalige Anstellung ab.

Die guten Spezialisten im Baugewerbe haben ihr Handwerk im Griff, sie wissen aber auch, warum sie von anderen Bereichen die Finger lassen. Muss auf einer Baustelle etwas betoniert werden, hat ein Schreiner kaum eine Ahnung, wie das zu bewerkstelligen wäre. Ebenso muss ein Maurer passen, wenn ein Raum eine Täferdecke bekommen soll.

Als auch Jonas Brühlmann ein Haus für sich umbauen wollte, hat folgerichtig Ueli Juon im Holzbau geholfen. Die Zusammenarbeit funktionierte wiederum gut, und daraus entwickelte sich ein Gedanke: Zwei tatkräftige Männer aus zwei verschiedenen Berufsgattungen, die gut miteinander können – da ist der Kundennutzen offensichtlich, das müsste ein verkaufbares Konzept sein.

«Für was brauche ich einen Chef? Ich kann das ja auch.»

Unzufriedene Handwerker

Zu jener Zeit unterstütze Jonas Brühlmann einen sehr jungen Chef, der gerade den Betrieb des verstorbenen Vaters übernommen hatte. «Irgendwann kam mir der Gedanke: Für was brauche ich einen Chef? Ich kann das ja auch», sagt Jonas Brühlmann, «ich kann auch direkt mit den Kunden reden.»

Ueli Juon und Jonas Brühlmann begannen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu planen, sie klärten alle Rahmenbedingungen ab, liessen sich Offerten von Versicherungen kommen. «So haben wir erkannt, dass wir für Versicherungen und Sozialleistungen 50’000 Franken im Jahr einkalkulieren müssen», erinnert sich Ueli Juon. «Damit war unser Enthusiasmus am Ende und unser Projekt wurde ad acta gelegt.»

Jonas Brühlmann konnte bei seinem Onkel einsteigen, die Stelle klang sehr attraktiv, stellte sich in der Praxis dann aber doch nicht sonderlich anspruchsvoll heraus. Und Ueli Juon wurde einem neuen Chef unterstellt, mit dem er gar nichts anfangen konnte. Die beiden Handwerker waren unzufrieden, und der Gedanke, die eigenen Chefs zu sein, bekam wieder Auftrieb. Am 26. April 2010 haben sie ihre Firma gegründet, mit Namen Bauarge, eine Arbeitsgemeinschaft also. Ohne Infrastruktur, ohne Gebäude als Niederlassung, mit einer Handvoll Werkzeug, aber ohne Maschinen.

Inspiration-Day OST  

Basis im Sägehüsli

«Als wir gründeten, machten wir uns nicht allzu viele Gedanken», sagt Jonas Brühlmann. «Wir wollten selbstständig sein, das war die Motivation. Ob wir so mehr oder weniger verdienen würden oder ob wir mehr oder weniger arbeiten müssten, war kein Thema.»

An Aufträgen mangelte es dem jungen Zwei-Mann-Unternehmen nicht, an Arbeit schon gar nicht: Nur drei Monate nach der Gründung erwarben Jonas Brühlmann und Ueli Juon in Stein eine alte Gewerbeliegenschaft, das Sägehüsli, in dem früher eine Bäckerei mit Restaurant untergebracht war. Diese Liegenschaft hat die Bauarge über die Jahre in Etappen umgebaut und renoviert, wenn die Auftragslage es zuliess.

Im Sägehüsli hat das Baugeschäft seither ein Büro und das Lager. Am Anfang reichte ein zwei mal zwei Meter grosses Regal, um alle Werkzeuge aus dem Besitz der beiden Gründer zu versorgen.

«Für den ersten Auftrag, einen Platz aus Verbundstein, mussten wir eine Maschine dazu mieten», sagt Ueli Juon. «Der zweite Auftrag war das Verlegen eines Parkettbodens – nahezu einen Drittel des Auftragsvolumens mussten wir dafür in neues Werkzeug investieren.»

«Ich bin nicht ungern Arbeitgeber, ich möchte aber ein nachhaltiger Arbeitgeber sein.»

Testessen bei der zukünftigen Wirtin

Noch im Gründungsjahr hat die Bauarge einen ersten Mitarbeiter eingestellt, doch nach einem Monat trennte man sich wieder – der Neue war den beiden damals Dreissigjährigen einfach zu wenig dynamisch.

Das Restaurant im Sägehüsli hat die Bauarge umgebaut und ab 2011 vermietet. Wirtin Eleonore Lindenmann (die den «Landgasthof zur Steirerwirtin» nach wie vor führt) kam auf die neuen Eigentümer zu, weil sie ihr damaliges Restaurant in Gais aufgeben musste. Die beiden qualitätsbewussten Bauunternehmer gingen inkognito in Gais essen und gaben sich erst zu erkennen, als sie vom Können der Wirtin überzeugt waren.

In den oberen Stockwerken des Sägehüsli hat es zwei Wohnungen, die 2013 fertig renoviert wurden. 2013 war auch das Jahr, in dem das kleine Baugeschäft das erste Haus auf der grünen Wiese von Grund auf neu gebaut hat. Dabei liefen auch Planung, Architektur und Bauleitung bei der Bauarge zusammen, die dafür mit einem befreundeten Planer zusammenspannte.

KMU-Tag 2026  Mattes Films  

Schwierige Situationen

Doch gelegentlich war die Situation weniger rosig. «Zwischenzeitlich haben auch wir alle Nöte eines KMU durchlebt, zu wenig Umsatz, zu wenig Verdienst – und dann flattert eine grosse Steuerrechnung ins Haus», erklärt Ueli Juon. 2014 war ein finanziell sehr schwieriges Jahr, obwohl die Auftragslage gut war. «Solch schwierige Situationen begleiten Unternehmer ständig, das muss man nicht schönreden.»

Als Unternehmer muss man bei Gegenwind aber auch nicht gleich aufstecken. «Ich bin noch nie nervös geworden, weil wir zu wenig Arbeit hätten», sagt Jonas Brühlmann, «ich bin der Typ, der sagt ‹es chunt scho guet›.» Dass eine Baufirma im Januar weniger rentiert als im September mache ihn nicht nervös.

Die Zahlen der Firma im Griff zu haben ist primär Ueli Juons Aufgabe, der erfahrene frühere Aussendienstler stellte stets frühzeitig eine Akonto-Rechnung und wurde umgehend aktiv, wenn eine Zahlung ausblieb. So liess sich Schlimmeres abwenden, «seit der Gründung haben wir kaum substanzielle Rechnungsausfälle verzeichnet.»

«Miteinander hinstehen und einen zufriedenen Kunden sehen, ist das Schöne an der Sache.»

Gute Leute sind schwierig zu finden

Die beiden Gründer zahlten sich im Zweifelsfall keinen oder nur einen kleinen Lohn, die Angestellten jedoch müssen regulär bezahlt werden, die Unternehmer stehen da in der Verantwortung. Eine Zeit lang kam jedes Jahr ein neuer Kollege dazu. Manchmal ging auch wieder einer, etwa ein qualifizierter Zimmermann, der auf einer Baustelle beim Betonieren helfen musste, was er gar nicht goutierte: Am Abend traf er seinen ehemaligen Chef an der Olma und sagte ihm zu, zurückzukommen.

Mit Blick nur auf die möglichen Aufträge könnte die Bauarge ohne weiteres wachsen. «Wenn wir gute Leute finden, die wirklich mitziehen wollen, ist das eine Option», sagt Ueli Juon. «Wir würden sofort einen guten gelernten Schreiner einstellen, der selbstständig arbeiten kann, auch einen weiteren qualifizierten Maurer könnten wir brauchen.»

Was die Inhaber nicht wollen, ist ein Betrieb, der im Sommer mit vielen Temporärkräften aufgeblasen wird. Die Bauarge soll ein familiärer Betrieb sein, im Sommer hätten es die Mitarbeiter etwas strenger, im Winter dafür gemütlicher. «Ich bin nicht ungern Arbeitgeber, ich möchte aber ein nachhaltiger Arbeitgeber sein», betont Ueli Juon. Die beiden Inhaber versuchen, so gut als möglich die Arbeitsauslastung zu steuern und im Winter Innenausbauten zu machen.

DCONO 2026  Prematic  

Anspruch an die eigene Qualität

Gegen Wachstumspläne spricht also der Fachkräftemangel. Jonas Brühlmann meint damit nicht nur das Know-how, das Bauleute erlernt haben sollten, ihn stört, dass immer weniger Fachleute Verantwortung übernehmen. «Stolz, Ehre – alles, was man früher einem Handwerker noch mitgegeben hat, ging verloren.»

Jonas Brühlmann und Ueli Juon können ihren Anspruch auf Qualität gut auf den Punkt bringen: «Mach es so, wie Du es für Dich selbst machen würdest.» Denn, wie Jonas Brühlmann betont: «Miteinander hinstehen und einen zufriedenen Kunden sehen, ist das Schöne an der Sache.»

Abgesehen von einer Werbeblache am Grümpelturnier in Stein hat die Bauarge noch nie in Werbung investiert. «Wir waren dennoch immer ausgelastet», sagt Ueli Juon, «wir haben immer dankbare Kunden, denen wir von anderen Kunden empfohlen wurden.»

Wie ein altes Ehepaar

Mit der Zeit haben sich die beiden Gründer innerhalb des Unternehmens noch mehr spezialisiert, Ueli Juon hat immer mehr die Büroarbeit gemacht, das Offertwesen, die Abrechnungen, den Personalbereich. Später hat auch Jonas Brühlmann ein Teil der wachsenden Bürokratie bewältigt.

Im Betrieb haben die Unternehmer sehr viel miteinander gemacht, Ueli Juon vergleicht es mit einem alten Ehepaar: «Oft ist es gut, manchmal aber auch anstrengend.»

Menschen entwickeln sich, es entsteht Konfliktpotenzial.In der Zeit nach 2020 hat das Baugeschäft jeden Monat ein Badezimmer fertiggestellt, es stellte sich etwas eintönige Routine ein. 12 Jahre nach der Gründung machten Jonas Brühlman und Ueli Juon eine Standortbestimmung im Wissen, dass sie noch 20 weitere Jahre arbeiten würden. In diesem Moment lag Ueli Juon ein Angebot auf dem Tisch, er hätte als Angestellter deutlich besser verdienen können, ohne am Feierabend die Sorgen eines Unternehmers zu wälzen.

Neue Schwester-Firma

Doch die Geschichte nahm eine andere Wendung. Im Wissen, dass sie etwas ändern wollen, eröffnete sich den beiden Unternehmern eine neue Option. Urs Keller, dessen kleine Firma der Bauarge gelegentlich Fenster lieferte, sagte Ueli Juon, dass er einen Nachfolger sucht. Der Zeitpunkt war perfekt, die Keller Fenster mit Standort Herisau wurde in die Bauarge integriert. Ueli Juon bekam eine neue Aufgabe, und die Gründer können im Alltag mit etwas Distanz agieren: Jonas Brühlmann hat als Basis den Standort Stein, Ueli Juon wirkt nun viel in Herisau.

Die Firmenstruktur wurde angepasst, als Dach fungiert die Bauarge Immobilien AG mit der Liegenschaft Sägehüsli, die Bauarge Renovationen und die Bauarge Fenster sind je als GmbH im Besitz der AG organisiert. Zusammen zählte die Firma neun Mitarbeiter, inzwischen ist noch ein Architekt dazugestossen, der die gesamten Planungen für Umbauten macht – Maurerarbeiten, Fassade, Innenausbau, Fenster, Baueingaben. Insbesondere kann der neue Kollege auch Visualisierungen von Umbauprojekten machen, «ein Kunde will heute genau sehen, was er baut, wenn er eine halbe Million ausgibt», sagt Ueli Juon.

Heute würden beide Gründer das Abenteuer mit der eigenen Firma wieder wagen, obwohl sie inzwischen auch um einige unangenehme Erfahrungen reicher sind. «Ich würde es wieder machen, weil ich gerne baue, weil ich gerne Projekte realisiere», sagt Ueli Juon. Und Jonas Brühlmann weiss: «Bei einem grossen Baugeschäft angestellt zu sein, wäre nichts für mich. Ich möchte nahe bei den Leuten sein, auch mithelfen können auf der Baustelle.»

Holz und Stein zusammen

Das Offertwesen haben die beiden Gründer nach Disziplinen gegliedert. «Es ist nicht sinnvoll, wenn Ueli eine Offerte für ein Gartenmäuerchen schreiben muss», sagt Jonas Brühlmann, «ich weiss viel genauer, wie lange man hat und was es dazu braucht.»

Heute macht Ueli Juon die Offerten für Holzbau, Jonas Brühlmann diejenigen für Maurerarbeiten, jeder rechnet auch seinen Bereich ab. Bei grossen Offerten macht Ueli Juon die Basis und nimmt fallweise externe Handwerker wie Elektriker oder Dachdecker mit rein, Jonas Brühlmann rechnet dann die Baumeisterarbeiten dazu. «Eine grössere Baustelle schauen wir stets zusammen an», sagt Ueli Juon. Die Kunden bekommen eine Offerte und später eine Rechnung.

Die Kombination aus den beiden Bau-Disziplinen erweist sich nach wie vor als richtig. «Holz und Stein zusammen, das war die Grundidee», sagt Jonas Brühlmann. «Ein Haus wird hier vom Keller bis zum Sockel gemauert, darüber kommt ein Holzbau. Das ist das, was es im Appenzellerland überall braucht.»

Nicht nur dort, auch in der Stadt St.Gallen und der weiteren Region hat sich rumgesprochen, dass die Bauarge gute Arbeit abliefert. Die beste Werbung für den nächsten Auftrag ist, den letzten gut abzuschliessen.

Text: Philipp Landmark

Bild: Marlies Beeler-Thurnheer

Auch interessant

Die ambulante Pflege digital organisieren
Mikrounternehmen

Die ambulante Pflege digital organisieren

Unabhängigkeit als wichtige Motivation
Mikrounternehmen

Unabhängigkeit als wichtige Motivation

Neun von zehn Firmen sind Mikrounternehmen
Mikrounternehmen

Neun von zehn Firmen sind Mikrounternehmen

Schwerpunkte