Die ambulante Pflege digital organisieren
Pius Gutzwiller, Diego Frehner und Lucca Willi sind Softwareentwickler, langjährige Freunde und seit knapp vier Jahren auch Unternehmer. Im September 2022 gründeten sie gemeinsam die AvanzaTec GmbH, die die App Oxoa entwickelt und auf dem Markt gebracht hat.
Diese App hilft Spitex-Kunden sowie deren Angehörigen, den Pflegealltag besser zu organisieren. Über das digitale Kundenportal können Nutzer auf Berichte, Rechnungen und weitere wichtige Informationen zugreifen, mit Pflegefachpersonen kommunizieren und Termine verwalten. Gleichzeitig soll die Selbstständigkeit der Kunden gestärkt werden. «Die Plattform vereinfacht administrative Abläufe und erleichtert allen Beteiligten die Organisation der Pflege», sagt Pius Gutzwiller.
«Wir haben gesehen, wie gross der Bedarf an digitalen Lösungen ist.»
«Auf dem richtigen Weg»
Das Unternehmen mit Sitz in Weinfelden ist zwar ein Startup, aber es steckt keine klassische Startup-Geschichte aus einem Innovationslabor dahinter. Die Idee entstand vielmehr aus einem Mix an unterschiedlichen Impulsen.
Einer davon war die persönliche Erfahrung: Die Grossmutter eines Gründungsmitglieds wurde von der Spitex betreut. Dabei sei deutlich geworden, wie aufwendig und wenig digital viele Abläufe in der ambulanten Pflege noch seien, erklärt Pius Gutzwiller. Ausserdem arbeiten alle drei bereits seit mehreren Jahren als Softwareentwickler im Gesundheitswesen und kennen die Problematik. «Wir haben gesehen, wie gross der Bedarf an digitalen Lösungen ist.» Dazu kam, dass sie mit der Spitex Bern bereits früh eine Pilotorganisation als Entwicklungspartnerin gewinnen konnten.
Mittlerweile nutzen zahlreiche Organisationen in der Deutschschweiz die digitale Lösung von AvanzaTec. Darunter sind Spitex-Betriebe in Schaffhausen, am Zürichsee, im Appenzellerland, in Biel und im Thurgau. Es seien sowohl öffentliche als auch private Anbieter dabei, sagt der Unternehmer. Für ihn ist diese Entwicklung ein wichtiges Signal. «Die steigende Anzahl Kunden zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.» Dennoch braucht es einen langen Atem. «Der Gesundheitsmarkt bewegt sich langsamer als andere Branchen. Viele Entscheidungen müssen zunächst von mehreren Gremien abgesegnet werden, was viel Geduld braucht.»
Kleines Unternehmen mit grossen Vorteilen
Für die Gründer war es nie das oberste Ziel, mit ihrem Unternehmen schnell zu wachsen. Stattdessen setzen sie auf eine nachhaltige Entwicklung und investieren einen grossen Teil ihrer Ressourcen in die Weiterentwicklung ihres Produkts. Alle drei arbeiten nach wie vor nicht ausschliesslich für die Firma.
Zusammen mit weiteren Mitarbeitern entspricht das Team heute zwischen fünf und sechs Vollzeitstellen. Gerade diese Struktur sieht Pius Gutzwiller als grosse Stärke: «Ein kleines Unternehmen wie wir es sind hat die Vorteile, dass die Entscheidungswege kurz sind, die Dynamik hoch ist und wir flexibel auf Kundenwünsche reagieren können.» Je grösser ein Unternehmen werde, desto träger würden oft die Prozesse. Bei AvanzaTec könnten Entscheidungen in allen Bereichen schnell und relativ unkompliziert getroffen werden.
Herausforderungen gab es vor allem in der Anfangszeit, als die Bekanntheit und die finanziellen Ressourcen fehlten. Rückblickend ist Pius Gutzwiller deshalb froh, das Unternehmen nicht allein gegründet zu haben. Es sei beruhigender, Verantwortung und Arbeit auf mehrere Schultern verteilen zu können. Darüber hinaus habe die Zusammenarbeit im Gründerteam gezeigt, wie wertvoll unterschiedliche Perspektiven seien. Zwar teilen die drei Gründer denselben technischen Hintergrund, doch gerade in einem jungen Unternehmen sei es wichtig, sich mit Menschen zu umgeben, die andere Erfahrungen, Kompetenzen und Sichtweisen einbringen. Der Austausch mit Partnern, Kunden sowie Fachleuten aus Bereichen wie Recht, Finanzen oder Treuhandwesen habe dem Unternehmen geholfen, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Klare Ziele für die Zukunft
Für die Zukunft haben Pius Gutzwiller, Diego Frehner und Lucca Willi klare Ziele. Zum einen wollen sie Oxoa in der ganzen Deutschschweiz weiter etablieren. Zum anderen möchten sie neue Märkte erschliessen.
Das Unternehmen plant, seine digitalen Lösungen auch auf den stationären Pflegebereich auszuweiten. Ein entsprechendes Produkt befindet sich in der Entwicklung. Dabei kommen ihnen auch gesellschaftliche Veränderungen zugute. Lange galten digitale Angebote im Gesundheitswesen als Herausforderung für ältere Menschen. Dies hat sich aber in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Immer mehr Senioren nutzen digitale Anwendungen ganz selbstverständlich. Während 2010 erst 38 Prozent der über 65-Jährigen digital unterwegs waren, sind es heute bereits 89 Prozent. «Für uns ist das ein riesiges Potenzial», betont Pius Gutzwiller.
Trotz aller Zukunftspläne bleiben die Gründer bodenständig. Sie wissen, dass Veränderungen im Gesundheitswesen Zeit brauchen und technologische Trends schnell wechseln können. «Der Aufbau eines Unternehmens ist ein langfristiger Prozess, der Geduld und die Bereitschaft verlangt, ständig dazuzulernen.» Diese Haltung habe AvanzaTec in den vergangenen Jahren geprägt und werde es auch in Zukunft tun.
Text: Marion Loher
Bild: Rebekka Grossglauser