«Ich habe mich immer wieder neu erfunden»

«Ich habe mich immer wieder neu erfunden»
Lesezeit: 4 Minuten

Mehr als 400 Bewerbungen hat der 57-jährige Unternehmer Christian in den vergangenen zwei Jahren verschickt. Die Ausbeute: stereotype Absagen.

Wenn Christian* eine Rückmeldung auf eine Bewerbung erhält, gleichen sich die meisten Antworten: «Wir haben Kandidaten gefunden, die unser Anforderungsprofil besser erfüllen.» Manchmal kommt die Absage innerhalb weniger Stunden. Oft kommt gar keine Antwort. Ein konkretes Feedback erhält er fast nie.

«Das Schwierigste ist nicht die Ablehnung», sagt der Endfünfziger. «Das Schwierigste ist, dass ich nicht weiss, woran die Bewerbung scheitert.»

Christian sucht keine Einstiegsposition und keinen Karrieresprung. Er sucht eine Aufgabe, in der er Verantwortung übernehmen kann. Eigentlich bringt er dafür alles mit: Er hat Unternehmen aufgebaut, Mitarbeiter geführt, Krisen bewältigt und Veränderungsprozesse begleitet. Dennoch gelingt ihm der Wiedereinstieg in eine Festanstellung nicht.

«Das Schwierigste ist, dass ich nicht weiss, woran die Bewerbung scheitert.»

Erfolgreicher Unternehmer

Sein beruflicher Weg verlief nie geradlinig. Ursprünglich studierte er Bauingenieurwesen, arbeitete aber nur kurze Zeit in diesem Beruf. Vor 20 Jahren gründete er in der Ostschweiz ein Fachgeschäft für hochwertige Unterhaltungselektronik. Was klein begann, entwickelte sich über die Jahre zu einem erfolgreichen Unternehmen. Aus wenigen Mitarbeitern wurden nach der Übernahme eines Mitbewerbers in Zürich rund zwei Dutzend. Der Umsatz lag im siebenstelligen Bereich.

Wer Unternehmer sei, sagt Christian, lerne zwangsläufig, Generalist zu werden. «Du musst Personal führen können. Du musst Finanzen verstehen, Marketing, Einkauf, Verkauf. Wenn etwas nicht funktioniert, gibt es niemanden, an den du es delegieren kannst.» Diese Fähigkeiten vertiefte der Unternehmer in einem berufsbegleitenden General-Management-Studium an der HSG.

Sein Unternehmen schloss Christian, bevor es allenfalls gescheitert wäre. Einen Wendepunkt markierte der 15. Januar 2015. Mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank veränderte sich der Markt praktisch über Nacht. Die Kaufkraft der Schweizer Kundschaft im Ausland stieg sprunghaft, gleichzeitig traten internationale Onlinehändler mit aggressiven Preisstrategien in den Markt ein. «Innerhalb kürzester Zeit verlor ich rund 60 Prozent meines Umsatzes.» 

Weil das Unternehmen nicht fremdfinanziert war, konnte Christian mehrere Jahre durchhalten. Doch irgendwann überwogen die wirtschaftlichen Realitäten. «Ich hätte weitermachen können. Aber nicht mehr rentabel.» 2017 traf er den Entscheid, den Betrieb geordnet zu schliessen. Ein Jahr später war das Unternehmen Geschichte.

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Vielfältige Mandate

Über sein Netzwerk erhielt Christian danach zahlreiche spannende Mandate. Er führte Turnaround-Projekte, übernahm interimistisch Führungsaufgaben, begleitete Unternehmensnachfolgen, verantwortete IT-Einführungen und entwickelte Organisations- sowie Employer-Branding-Konzepte. Die Projekte dauerten meist sechs bis zwölf Monate. «Ich musste mich immer wieder in neue Branchen und neue Unternehmen hineindenken. Gerade das hat mir gefallen.»

Doch Projektarbeit ersetzt keine langfristige Perspektive. Während der Pandemie brachen neue Mandate weitgehend weg. Zunächst konnte Christian noch von Erspartem leben. Als dieses Polster kleiner wurde, intensivierte er die Stellensuche.

Mehr als 400 Bewerbungen später stellt sich ihm immer noch dieselbe Frage: Warum reicht seine Erfahrung nicht aus? «Wenn mir jemand sagen würde, woran es liegt, könnte ich etwas verändern. Dann würde ich eine Weiterbildung machen oder gezielt an einer Kompetenz arbeiten. Aber ich bekomme keine Antwort.»

«Ich war fünfzehn Jahre lang für alles verantwortlich. Genau das wird heute offenbar zum Problem.»

Alles ausprobiert

Natürlich habe er sich selbst hinterfragt. Er habe Bewerbungsunterlagen überarbeitet, Lebensläufe angepasst, Schlüsselbegriffe für automatische Bewerbersysteme optimiert sowie Motivationsschreiben mit und ohne künstliche Intelligenz formuliert. Mal sachlich, mal persönlicher. «Ich habe alles ausprobiert.» 

Ein Recruiter habe ihm geraten, sein Profil zu schärfen. Der Rat sei nachvollziehbar und gleichzeitig kaum umsetzbar. «Wie schärft man das Profil eines Unternehmers? Ich war fünfzehn Jahre lang für alles verantwortlich. Genau das wird heute offenbar zum Problem.»

Was im Unternehmen ein Vorteil war, scheint im Bewerbungsprozess zur Hürde zu werden. Viele Unternehmen suchen Spezialisten. Christian bringt vor allem Breite mit. Er kann Strategien entwickeln, Organisationen verändern, Projekte führen und Teams aufbauen. Doch genau diese Vielseitigkeit passt selten in ein klar definiertes Stellenprofil.

Hinzu kommt ein weiterer Verdacht, den viele ältere Stellensucher teilen. «Ich kann nicht beweisen, dass mein Alter eine Rolle spielt. Aber ausschliessen kann ich es auch nicht.»

Bewerbungen laufen heute häufig zuerst durch digitale Bewerbermanagementsysteme. Wer bestimmte Kriterien nicht erfüllt oder wessen Unterlagen nicht genügend Schlüsselbegriffe enthalten, wird aussortiert, bevor überhaupt ein Mensch die Unterlagen liest. Ob das Alter dabei mitspielt, bleibt offen.

Trotz allem beschreibt sich Christian nicht als resigniert. Er arbeitet an neuen Ideen, beschäftigt sich mit einer selbst entwickelten Softwarelösung und sucht weiterhin nach Möglichkeiten. «Ich habe mich mein ganzes Berufsleben immer wieder neu erfunden. Weshalb sollte ich jetzt damit aufhören?»

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Aus dem Raster gefallen

Dennoch beschäftigt ihn eine grundsätzliche Frage: Wie viele erfahrene Menschen verschwinden heute aus dem Arbeitsmarkt, nicht weil ihnen Kompetenz oder Motivation fehlen, sondern weil ihre Biografie nicht mehr in die Raster moderner Rekrutierung passt?

Eine Antwort darauf hat auch Christian nicht. Er weiss nur: Hinter jeder der über 400 Bewerbungen steht nicht nur sein Lebenslauf, sondern ein Mensch, der noch immer gewillt ist, einen Beitrag zu leisten.

*Hinweis: Der Text basiert auf einer realen Biografie. Der Name des Bewerbers wurde geändert, einzelne Aspekte wurden verfremdet.

Text: Philipp Landmark

Bild: KI/Doris Hollenstein

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