Die Demokratie foutiert sich um die Demografie
Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist offensichtlich. Die Wirtschaft beklagt einen Fachkräftemangel, die Nationalkonservativen beklagen jeden Einwanderer einzeln, die nüchternen Rechner weisen darauf hin, dass uns die Demografie mehr Rentner und weniger Erwerbstätige bescheren wird und unsere Sozialwerke im Status quo deshalb nicht mehr finanzierbar sind.
Die logische Konsequenz bei einer gleichzeitig immer höheren Lebenserwartung wäre: länger arbeiten – über den bisher fast sakrosankten 65. Geburtstag hinaus.
Ein Blick auf den Arbeitsmarkt in der Schweiz zeigt jedoch genau den gegenteiligen Trend. Gesamthaft bewegt sich die Arbeitslosenquote bei älteren Erwerbstätigen zwar auf erfreulich tiefen Werten, doch diejenigen Arbeitnehmer ab 55 Jahren, die sich eine neue Stelle suchen müssen, haben ungleich mehr Mühe auf dem Arbeitsmarkt als ihre jüngeren Konkurrenten; sie laufen wesentlich stärker Gefahr, in die Langzeitarbeitslosigkeit abzurutschen.
Für ältere Erwerbstätige wurde aufgrund dieser Tendenz der Anspruch auf Taggelder erhöht: Anstelle von maximal 400 Taggeldern erhalten Arbeitslose ab 55 Jahren 520, solche ab 61 Jahren bis zu 640 Taggelder.
Gefahr der Langzeitarbeitslosigkeit
Das Büro für Volkswirtschaftliche Beratung BSS zeigte bereits 2020 in einer Studie auf, dass ältere Stellensuchende ein höheres Risiko haben, langzeitarbeitslos zu werden. Für 50-Jährige seien die Effekte der Arbeitslosigkeit stabil geblieben, für Menschen ab 55 Jahren seien die Effekte jedoch stärker geworden. Bei den 50-Jährigen wurde ein höherer Erwerbstätigenanteil registriert, was vor allem auf mehr erwerbstätige Frauen zurückzuführen war. Im Alter von 65 bis 74 Jahren arbeitete nur noch knapp ein Fünftel der Menschen, viele davon in Teilzeitpensen.
Der Staat sichert also ältere Erwerbstätige, die aus dem Arbeitsprozess fallen, besser ab. Doch eigentlich wäre es an der Wirtschaft, hier einen entscheidenden Beitrag zu leisten. Denn die Forderung, dass die Arbeitnehmer bis zum Alter von 67 oder 70 Jahren arbeiten sollen, lässt sich zwar problemlos rational begründen, doch sie klingt hohl, wenn die Mehrheit der grossen und kleinen Unternehmen im Land älteren Bewerbern die kalte Schulter zeigt.
Gegen Erhöhung des Rentenalters
Im letzten Sommer hat das Beratungsunternehmen Deloitte in einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage Massnahmen zur Sicherung der Altersvorsorge in der Schweiz bewerten lassen. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer sowie höhere Steuern auf Vorsorgegelder werden massiv abgelehnt, für höhere Lohnbeiträge gibt es nur eine ganz knappe Zustimmung. Und: Zwei Drittel der Befragten sind gegen die logischste und volkswirtschaftlich sinnvollste Lösung, eine einmalige Erhöhung des Rentenalters mit künftigen Anpassungen.
Eine solche Massnahme müsste in der Schweiz eine Volksabstimmung überstehen – in einer Demokratie, in der es mehr ältere Stimmberechtigte gibt, von denen auch ein überdurchschnittlicher Teil diese Rechte wahrnimmt. Ein chancenloses Unterfangen, zumindest vorläufig.
«Wir müssen erst noch mehr in eine Krise hineinkommen, bis die Akzeptanz solcher Massnahmen steigt – nämlich dann, wenn alle wissen, dass ein tiefgreifendes strukturelles Problem unseren Wohlstand gefährdet», sagt Hans Rupli, der Präsident von Fokus 50+. Der vom Arbeitgeberverband initiierte Verein soll Massnahmen entwickeln, mit denen die Unternehmen der Demografie begegnen können (siehe Interview in diesem Schwerpunkt).
Eigentlich wäre es an der Wirtschaft, einen entscheidenden Beitrag zu leisten.
Flexibilisierung kommt gut an
Dass es gute Ansätze dazu gäbe, zeigt die Deloitte-Studie: Immerhin haben sich mehr als zwei Drittel der Befragten dafür ausgesprochen, das Rentenalter zu flexibilisieren (68 Prozent), und 57 Prozent wären dafür zu haben, das Rentenalter durch eine Lebensarbeitszeit zu ersetzen.
Fokus 50+ hat diesen Frühling selbst eine Studie unter Arbeitgebern erstellen lassen. Demnach würden die Unternehmen ein Rentenalter von 67 Jahren verhalten positiv beurteilen. Fast schwärmerisch werden die Qualitäten der älteren Mitarbeiter im Betrieb bewertet. Abgefragt wurden Kriterien wie Erfahrung und Know-how, Fachkompetenz, Kenntnisse der Unternehmenskultur oder das Netzwerk zu Kunden und Partnern.
Gleichzeitig stellen viele Unternehmen bewusst oder unbewusst weniger Bewerber ab 55 Jahren ein.
Mehr ältere Erwerbstätige
Arbeitsmarktstatistiken für den Kanton St.Gallen zeigen auf, dass die Zahl der Erwerbstätigen im Alter von 55 bis 64 Jahren innerhalb von zehn Jahren von 42’600 (2015) auf 57’400 (2024) gestiegen ist. Das entspricht einem Anstieg von gut 35 Prozent. Berücksichtigt man, dass die grösser gefasste Gruppe der 50– bis 64-Jährigen von 74’900 auf 86’700 Personen weniger stark gewachsen ist, dann ist der isoliert betrachtete Anteil der 50- bis 54-Jährigen sogar negativ. Die Erklärung liegt in der Demografie: Die geburtenstarken Jahrgänge sind inzwischen über 55 Jahre alt. Die Statistik für 2024 zeigt zudem, dass im Alter über 65 Jahren rund 8400 Personen erwerbstätig sind.
Text: Philipp Landmark
Bild: istock