Handwerk und Hightech
Aus dem 1951 gegründeten Schreinerbetrieb ist ein Unternehmen mit mehr als 150 Mitarbeitern und 15 Lehrlingen geworden. Es erzielt rund 40 Millionen Franken Umsatz und realisiert weltweit Projekte für Finanzplätze, kritische Infrastrukturen, Retail, Architektur und energieeffiziente Gebäude.
Zum 75. Jubiläum führt die Erich Keller AG einen neuen Markenauftritt samt neuer Website ein. Für Marc Huber, der im Sommer 2025 die operative Leitung übernommen hat, ist das mehr als Kosmetik. «Der neue Auftritt erfindet das Unternehmen nicht neu. Er korrigiert aber das Bild, das man von uns hatte.» Viele verbinden Erich Keller noch primär mit einer Schreinerei. Längst ist das Unternehmen Projektpartner für Innenausbau, Arbeitsplatzlösungen, das modulare Raumsystem Talky und Riotherm Klimatechnik. «Das Unternehmen war weiter als sein Auftritt.»
«Das Unternehmen war weiter als sein Auftritt.»
Fortschritt aus vorhandenen Kompetenzen
Die Entwicklung zum Systemanbieter verlief Schritt für Schritt: Aus dem Innenausbau entstanden spezialisierte Arbeitsplätze für Handelsräume. Weil technische Geräte immer mehr Wärme erzeugten, folgten Lösungen zur Kühlung direkt am Arbeitsplatz. Daraus entwickelte sich die Klimatechnik. Talky wiederum vereint Möbelbau, Konstruktion, Akustik und Luftführung.
«Diese Breite ist nicht das Ergebnis beliebiger Diversifikation. Sie ist organisch entstanden», sagt Huber. Die Geschäftsfelder verbindet ein gemeinsames Verständnis von Räumen: Gestaltung, Nutzung, Material, Technik und Betrieb sind keine getrennten Aufgaben. «So können Architektur, technische Funktion und spätere Nutzung von Beginn an zusammengedacht werden.»
Tradition versteht Huber nicht als Festhalten am Gewohnten. Bewahrt werden Qualitätsanspruch, Nähe zum Produkt und Verantwortung für das Resultat. Die handwerkliche Präzision beginnt bereits in Planung, Konstruktion und Engineering. «Wir wollen Details verstehen, bevor sie auf der Baustelle zum Problem werden können. Nie stehen bleiben – aber auch nie beliebig werden.»
Diese Haltung zeigt sich bei den Arbeitsplatzlösungen für Handelsräume, Leitstellen und Studios. «Das sind Arbeitsplätze für Situationen, in denen alles funktionieren muss.» Ergonomie, IT, Kabelmanagement, Licht, Akustik, Kühlung, Zugänglichkeit und Betriebssicherheit greifen ineinander. Planung, Engineering, Konstruktion, Fertigung und Montage kommen aus einer Hand.
Klimatechnik treibt das Wachstum
Seit dem Management-Buy-out 2021 ist der Umsatz um rund 75 Prozent gewachsen. 2025 erwirtschaftete Erich Keller rund 40 Millionen Franken und verbuchte einen Auftragseingang von über 40 Millionen. Der stärkste Wachstumstreiber ist derzeit Riotherm. Innenausbau und Arbeitsplatzlösungen bleiben wichtige Säulen; Talky wird als eigenständige Produktwelt ausgebaut.
Riotherm verbindet Kälteerzeugung, Raumtemperierung, Lüftung, Abwärmenutzung und Steuerung. Adia erzeugt Verdunstungskälte, Convec verteilt Wärme und Kühle, X nimmt Abwärme an Servern auf, Strata nutzt die natürliche Luftschichtung und Ctrl vernetzt und überwacht das System.
«Das Gebäude soll möglichst viel klimatische Leistung selbst übernehmen», fasst Huber den Ansatz zusammen. Die Technik ergänze gezielt, was für Komfort und Betriebssicherheit nötig sei. Dabei gehe es um weniger Energieverbrauch, weniger Schnittstellen und einen Betrieb, der langfristig verstanden und optimiert werden könne. Referenzen wie Swiss Re «Lake», der Swisscom Businesspark und Hortus in Allschwil zeigen den Ansatz in der Praxis.
«Das Gebäude soll möglichst viel klimatische Leistung selbst übernehmen.»
Talky schafft flexible Räume
Mit Talky bewegt sich Erich Keller im umkämpften Markt für Telefon- und Meetingkabinen. Das Angebot ist jedoch keine einzelne Box, sondern ein modulares Raumsystem. Kabinen, offene Nischen und verbindende Elemente lassen sich zu einer Mikroarchitektur im Büro kombinieren. Sie können ergänzt, versetzt und neu angeordnet werden, wenn sich Teams oder Flächennutzungen verändern.
Ein Unterschied liegt in der Luftführung: Eine geschlossene Kabine muss nicht nur akustisch funktionieren, sondern auch bei längerer Nutzung gute Luft bieten. Deshalb werden Akustik, Gestaltung und Lüftung gemeinsam entwickelt. «Talky soll international weiter wachsen. Wir wollen daraus aber kein isoliertes Geschäft machen», sagt Huber. Der Zugriff auf Konstruktion, Produktion, Akustik und Klimatechnik bleibt eine Stärke des Systems.
Auch im Innenausbau verbindet Erich Keller Individualität mit industrieller Effizienz. Standardisiert werden Prozesse, wiederkehrende Konstruktionen und unsichtbare technische Details. Individuell bleiben Gestaltung, Materialien und jene Elemente, die einem Raum Identität verleihen. «Industrielle Effizienz beginnt bei uns nicht erst an der Maschine, sondern in der Planung.» Kurze Wege zwischen Konstruktion, Arbeitsvorbereitung und Produktion ermöglichen Prototypen, Sonderdetails und Serien in kurzer Zeit.
Innovation, Kreislauf und Fachkräfte
Neue Produkte entstehen oft aus Kundenprojekten. Ein Sonderdetail allein ist für Huber aber noch keine Innovation. Erst eine vereinfachte, standardisierte und übertragbare Lösung werde zu einem belastbaren Produkt. «Innovation findet bei uns nicht in einer isolierten Abteilung statt.» Projektleitung, Engineering, Konstruktion, Produktion und Montage wirken zusammen.
Auch Nachhaltigkeit beginnt bei Erich Keller nicht beim Etikett eines Materials. Herkunft, CO₂-Belastung, Reparierbarkeit und Trennbarkeit werden wichtiger. «Der erste und wichtigste Beitrag zur Kreislauffähigkeit ist eine lange Nutzungsdauer.» Ein Produkt, das über Jahrzehnte funktioniert, gewartet und verändert werden kann, müsse nicht früh ersetzt werden. «Unsere CO₂-Bilanz zeigt den grössten Hebel: 77 Prozent der Gesamtemissionen entfallen auf Rohstoffe.» Deshalb seien Materialwahl, Konstruktion, Lieferkette und Lebensdauer mindestens so wichtig wie Recycling.
Sulgen als Wettbewerbsvorteil
Beim reinen Stückpreis ist Sulgen international selten der günstigste Standort. Die eigene Produktion sichert jedoch Qualität, Termine und technische Details. Wo ein Ausfall erhebliche Folgen haben kann, ist Verlässlichkeit wichtiger als der tiefste Preis. «Wir sind international erfolgreich, weil wir in einer klar definierten Nische sehr viel Erfahrung besitzen – und weil wir in Sulgen produzieren.»
Der unmittelbarste Engpass für weiteres Wachstum ist nicht der Schweizer Kostenstand, sondern der Fachkräftemangel. Gesucht werden neben guten Handwerkern vor allem Mitarbeiter, die unterschiedliche Disziplinen verbinden: Material und digitale Konstruktion, Gebäudetechnik und Architektur sowie Kundenanforderungen und industrielle Produktion.
«Ausbildung ist kein Nebenthema, sondern Teil unserer Standortsicherung», sagt Huber mit Blick auf die 15 Lehrlinge. «Solange wir spezialisierte Lösungen anbieten und nicht versuchen, austauschbare Standardprodukte über den tiefsten Preis zu verkaufen, ist die Produktion in Sulgen ein Vorteil.» Das grösste Risiko wäre, auf das Wachstum mit Selbstzufriedenheit zu reagieren. «Das wäre das Gegenteil von dem, was Erich Keller 75 Jahre lang stark gemacht hat.»
Strategische Kontinuität im Verwaltungsrat
Die fünf Mitglieder des Managements, die 2021 den Management-Buy-out der Erich Keller AG umgesetzt haben, sind dem Unternehmen weiterhin eng verbunden. Heute kümmern sie sich im Verwaltungsrat um die strategischen Themen und begleiten die nächste Wachstumsphase. Damit bleibt die Erfahrung aus den vergangenen Jahren im Unternehmen verankert – auch wenn die operative Führung inzwischen neu organisiert ist.
Text: Stephan Ziegler
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer, zVg