Erreichbarkeit ist wichtig - aber sie allein genügt nicht
Ob für Ferien, einen Tagesausflug oder einen Geschäftsanlass: Wer Gäste anziehen will, muss gut erreichbar sein. Gleichzeitig stehen Tourismusdestinationen vor der Herausforderung, Verkehr zu lenken, den öffentlichen Verkehr zu stärken und die Lebensqualität der Bevölkerung zu erhalten. Wie gehen die Ostschweizer Tourismusdestinationen mit diesem Spannungsfeld um? Der LEADER hat bei Appenzellerland Tourismus, Thurgau Tourismus und St.Gallen-Bodensee-Tourismus nachgefragt.
«Wer schnell in einer Destination ist, ist auch schnell wieder weg.»
Was eine Destination erfolgreich macht
«Entscheidend ist eine gute, vernetzte Erreichbarkeit, die den unterschiedlichen Bedürfnissen unserer Gäste Rechnung trägt», sagt Livio Götz, CEO von St.Gallen-Bodensee-Tourismus. Für eine vielseitige Destination mit Angeboten von Kultur und Kongressen bis zu Natur und Freizeit brauche es sowohl den öffentlichen Verkehr als auch das Auto. Wenn immer möglich empfehle St.Gallen-Bodensee-Tourismus die Anreise mit dem öffentlichen Verkehr. Mit dem Mobility Ticket können Übernachtungsgäste diesen während ihres Aufenthalts kostenlos nutzen.
Auch Adrian Braunwalder, Geschäftsführer von Thurgau Tourismus, sieht Auto und öffentlichen Verkehr gleichermassen als wichtige Bestandteile der touristischen Mobilität. Aus den wichtigsten Quellmärkten Schweiz und Deutschland sei der Thurgau mit beiden Verkehrsmitteln gut erreichbar. Ob Gäste mit dem Auto oder der Bahn anreisen, hänge von der Lage der Unterkunft, dem Gepäck oder den geplanten Aktivitäten ab.
Guido Buob, Geschäftsführer von Appenzellerland Tourismus, sieht das ähnlich. «Erreichbarkeit ist wichtig, aber nicht der alleinige, entscheidende Erfolgsfaktor», sagt der Geschäftsführer von Appenzellerland Tourismus. Landschaft, authentische Kultur, attraktive Angebote, Qualität, Freundlichkeit, Wetter und Wirtschaftslage hätten mindestens ebenso grossen Einfluss auf den Erfolg einer Destination.
Zudem müsse zwischen Tages- und Übernachtungstourismus unterschieden werden. Während Bergbahnen auf eine gute Erreichbarkeit angewiesen seien, falle sie für Hotels weniger ins Gewicht. «Wer schnell in einer Destination ist, ist auch schnell wieder weg und verzichtet darum auf eine Übernachtung vor Ort.» Der Tagestourismus sichere zudem wichtige Einnahmen, mit denen Angebote wie die Appenzeller Ferienkarte oder die kostenlose An- und Rückreise für Übernachtungsgäste ab drei Nächten finanziert werden könnten.
Attraktive Alternativen statt Einschränkungen
Nicht Verbote, sondern attraktive Angebote sollen Gäste zum Umsteigen bewegen. «Wir sollten nicht primär darüber diskutieren, wie wir das Auto möglichst unattraktiv machen, sondern wie wir unseren Gästen attraktive Alternativen und eine möglichst einfache Anreise bieten können», sagt etwa Livio Götz. Gute Informationen, verständliche Angebote und die komfortable Kombination verschiedener Verkehrsmittel seien entscheidend. Zusätzliche Chancen sieht er in der Digitalisierung.
Auch Guido Buob setzt auf Anreize statt Vorgaben. «Es ist nicht Sache des Tourismus, den Gästen zu sagen, wie sie anzureisen haben.» Gemeinsam mit den SBB bietet Appenzellerland Tourismus deshalb an, dass Gäste von Freitag bis Sonntag auf den P+Rail-Parkplätzen in Gossau kostenlos parkieren und mit der Bahn weiterreisen können. Höhere Parkgebühren könnten das Verhalten regionaler Gäste beeinflussen. Feriengäste von ausserhalb seien dagegen kaum preissensibel.
Adrian Braunwalder hält höhere Parkgebühren oder weniger Parkplätze dort für sinnvoll, wo attraktive Alternativen bestehen. Gerade im ländlich geprägten Thurgau bleibe das Auto jedoch für viele Gäste wichtig, weil nicht alle Ausflugsziele optimal mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar seien. Gleichzeitig plädiert er dafür, Besucher zeitlich besser zu verteilen. Spitzentage führten bei allen Verkehrsträgern zu Engpässen.
«Spitzentage bereiten bei allen Verkehrsträgern Schwierigkeiten.»
Overtourism bleibt die Ausnahme
Von einem eigentlichen Overtourism wollen die drei Tourismusorganisationen für ihre Regionen nicht sprechen. Adrian Braunwalder sieht im Thurgau zwar Belastungsspitzen an Wochenenden, Feiertagen oder während der Sommerferien sowie an einzelnen Hotspots mit begrenzten Kapazitäten. Insgesamt verteilten sich die Gäste jedoch gut über die Region.
«Eine gute Erreichbarkeit kann dabei sogar Teil der Lösung sein», gibt Livio Götz zu bedenken. Wenn Gäste gut informiert seien und sich Angebote innerhalb der Destination besser verteilen liessen, könnten Besucherströme gezielt gelenkt werden. Für St.Gallen-Bodensee sei Overtourism deshalb kein flächendeckendes Problem.
Auch für Guido Buob trifft der Begriff auf das Appenzellerland nicht zu. «Im Appenzellerland von Overtourismus zu sprechen, ist meiner Meinung nach nicht korrekt.» Für ihn bedeutet Overtourism eine ständige übermässige Wahrnehmung von Gästen an einem Ort. Ein überfüllter Robidog oder fehlende freie Plätze in einer Gartenwirtschaft seien Momentaufnahmen und rechtfertigten keinen Vergleich mit Amsterdam, Barcelona oder Mallorca. Gemeinsam mit Behörden, Leistungsträgern und der Landwirtschaft arbeite man daran, einen Tourismus zu fördern, der sozial verträglich, wirtschaftlich erfolgreich und ökologisch verantwortbar sei.
Erreichbarkeit und Lebensqualität zusammendenken
Alle drei Tourismusorganisationen sehen die Herausforderung darin, den Gästen eine einfache Anreise zu ermöglichen und gleichzeitig die Bevölkerung zu entlasten.
Guido Buob verweist dabei auf höhere Parkgebühren, ein geplantes Parkleitsystem sowie mögliche Parkhäuser in Appenzell oder Wasserauen. Gleichzeitig wünscht er sich frühere Bahnverbindungen für Wanderer sowie bessere Angebote für den Veloverkehr.
«Wir müssen Tourismus konsequent als Teil des Lebensraums verstehen», sagt Livio Götz. Lösungen müssten gemeinsam mit Politik, Verwaltung und touristischen Partnern entwickelt werden. Ebenso wichtig sei eine gute Kommunikation, damit Gäste bereits vor der Anreise die einfachsten und nachhaltigsten Mobilitätsangebote kennen.
Und Adrian Braunwalder sieht vor allem durchdachte regionale und lokale Verkehrskonzepte als Schlüssel. Wohngebiete und Ortskerne müssten entlastet werden, ohne touristische Ziele schlechter erreichbar zu machen.
«Es ist nicht Sache des Tourismus, den Gästen zu sagen, wie sie anzureisen haben.»
Vernetzte Mobilität als gemeinsames Ziel
Einigkeit herrscht auch beim Blick nach vorne: Alle drei Tourismusorganisationen wünschen sich einen weiteren Ausbau und eine bessere Vernetzung der Mobilitätsangebote. Wo heute Probleme bestehen, sieht Adrian Braunwalder Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur als notwendig. Als Beispiele nennt er Zuoz mit seiner zentralen Parkgarage sowie Silvaplana, wo die Verlegung der Julierstrasse die Aufenthaltsqualität im Ortskern verbessert hat. Gleichzeitig müsse der öffentliche Verkehr mit attraktiven Angeboten und Fahrpreisen weiter gestärkt werden.
Guido Buob fordert einen bedarfsgerecht ausgebauten öffentlichen Verkehr sowie den Erhalt wichtiger Bahnlinien als touristische Zubringer. Mit passenden Angeboten wolle Appenzellerland Tourismus zusätzliche Fahrgäste auf diese Strecken bringen. Gleichzeitig sollen Besucher an Spitzentagen stärker auf Randzeiten und weniger frequentierte Gebiete verteilt werden.
«Die Zukunft liegt für mich in einer vernetzten und intelligenten Mobilität», sagt auch Livio Götz. Anreise, öffentlicher Verkehr, individuelle Mobilität und touristische Angebote sollten möglichst einfach zusammenspielen. Das Auto werde dabei auch künftig seinen Platz haben. Entscheidend sei eine gute Erreichbarkeit bei möglichst geringer Belastung des Lebensraums.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: Rebekka Grossglauser, Marlies Beeler-Thurnheer